Geschäftsbericht: Ökolandwirt in Bremen-Nord

Regional kommt gut an

In der Corona-Krise erhalten regionale und ökologische Erzeugnisse einen größeren Stellenwert. Das merkt auch der Bio-Landwirt Ulli Vey an der steigenden Nachfrage.
13.08.2020, 05:51
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Regional kommt gut an

Bremen ist Spitzenreiter bei der Ökolandwirtschaft. Nach Aussage von Ulli Vey hat die Vermarktung biologischer und regionaler Produkte durch die Krise einen weiteren Schub erhalten.

Christian Kosak

Auf der Weide, auf der drei junge Rinder stehen, blüht es auf jedem Quadratmeter: Weiße Schafgarbe, himmelblaue Wegwarte, Rotklee und viele andere Kräuter geben Pollen und Nektar für Insekten. Sie bilden aber auch das Futter für die 100 Rinder, die sich im Ökobetrieb von Ulli und Carola Vey aus Bremen-Nord auf 120 Hektar verteilen. Sie setzen sich aus 30 Mutterkühen, 30 Kälbern, 30 einjährigen Rindern, zwei Deckbullen und mehreren zweijährigen Tieren zusammen. 30 der Tiere gehen jedes Jahr direkt an die etwa 450 Kunden, die das Bio-Fleisch kaufen, und etwa die gleiche Zahl wird jährlich neu geboren.

Die naturschonende Landbewirtschaftung, die Ulli Vey mit Ehefrau Carola auf dem Biolandhof Blumenthal seit 1993 betreiben, liegt derzeit im Trend. Dennoch werden bundesweit immer noch rund 90 Prozent der Landwirtschaftsfläche konventionell betrieben. Denn die Kriterien, um den EU-Rechtsvorschriften zum ökologischen Landbau zu entsprechen, sind streng: Pestizide, Mineraldünger und Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen sind verboten.

Bremen hat inzwischen im Ökolandbau alle anderen Bundesländer überholt: Mit knapp 25 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche steht das kleine Bundesland nun bundesweit an der Spitze, wie die neuesten Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) zeigen. Unter den 30 Bio-Betrieben in Bremen hat sich Ulli Vey auf den Verkauf von Fleisch von Angus-Rindern spezialisiert – einer robusten Rasse, die zartes, wohlschmeckendes Fleisch liefert.

Inzwischen ist Vey längst nicht mehr der einzige Biobauer in Bremen-Nord und Umgebung: Im Werderland wird ebenfalls auf Fleischproduktion mit Rindern oder Schafen nach Ökokriterien gesetzt, aber auch in Burgdamm, Lemwerder, Schwanewede oder Ritterhude wirtschaften inzwischen mehrere Biobauern.

„Ich mache Ökolandbau aus Überzeugung“, sagt Ulli Vey, „denn als im Jahre 1984 unser Sohn geboren wurde, gab es nur wenige Jahre später den sogenannten Kälberskandal.“ In Kälbermastbetrieben waren damals Mittel verfüttert worden, die als krebserregend gelten, um das Schlachtgewicht zu erhöhen. „Ich sagte mir damals, dann können wir lieber unser eigenes Fleisch produzieren“, so Ulli Vey, der gegen die Überzeugung seiner konventionell wirtschaftenden Verwandtschaft begann, einen eigenen Bio-Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen.

„Damals wurde man als Ökolandwirt noch belächelt und in eine bestimmte Schublade gesteckt. Das hat sich bis heute entscheidend geändert“, sagt er. Als Vey mit vorerst nur einem Rind startete, organisierte er wenig später das erste Treffen der Bremer Biobauern auf Hof Bavendamm. „Es war wichtig, dass die Landwirte zu den Treffen ihre Frauen mitbrachten, denn die brachten die guten Ideen ein“, sagt Ulli Vey. Er selbst arbeitet eng mit seiner Frau Carola zusammen, die ihm viel Büro-Arbeit abnimmt.

Bei der Größe ihres Betriebs sind Carola und Ulli Vey jedoch auch auf Hilfe anderer Leute angewiesen. So mäht ein Lohnunternehmer den großen Bestand an Grünland und fährt das Heu ein. Eine weitere Kraft arbeitet auf 450-Euro-Basis. Derzeit ist Ulli Vey dabei, einen weiteren Landwirt einzustellen, der ihn unterstützt. Um die Kosten für teure landwirtschaftliche Geräte zu sparen, beauftragt er den Maschinenring, zum Beispiel für Miststreuer oder Heuwender.

Die Grünlandflächen liegen über ganz Bremen-Nord verteilt, zum Beispiel in Farge und Rekum, Blumenthal oder St. Magnus. Da gibt es Trockenrasen, aber auch richtig nasse Flächen – das bringt viel Koordinationsaufwand mit sich. Die Verwaltungsarbeit sei für einen Biobauern erheblich größer, so Ulli Vey. „Ich muss zum Beispiel Jahr für Jahr festlegen, wann welche Flächen gemäht werden und protokollieren, welche Mengen Heu jeweils anfallen“, sagt er. Damit die Pflanzen aussamen können, werde nicht vor dem 5. Juni gemäht, danach müsse es oft schnell gehen, und das Wetter müsse mitspielen.

Ohne Spritzmittel auszukommen, sei manchmal eine Herausforderung, zum Beispiel, wenn das Jakobs-Greiskraut – für das Vieh hochgiftig – in seine Flächen vordringe, oder wenn in feuchten Flächen der Leberegel die Rinder befalle. „Natürlich setze ich dann auch Wurmmittel ein“, sagt Vey. "Doch nicht alle Medikamente sind erlaubt. Denn einige wirken auch noch in den Kuhfladen giftig und töten die gesamte Fauna ab, die darin lebt.“

Die Vielfalt vor allem an Dung besiedelnden Käfern und Fliegen sei enorm und biete wiederum eine wichtige Nahrungsressource für Vögel, die auf den Weiden leben. Jüngst wurde auf Veys Flächen der extrem seltene Behaarte Kurzflügelkäfer nachgewiesen, der unter anderem infolge hochtoxischer Stoffe im Rinderdung fast ausgestorben ist. „Wenn ich als Ökobauer die Artenvielfalt in meinen Grünlandflächen erhalte, ist das ein wichtiges Argument für die Weideprämie“, sagt Vey. Die Weideprämie ist ein Zuschlag, der von der Umweltsenatorin für alle Landwirte versprochen wurde, die ihr Vieh im Sommer draußen auf den Weiden halten.

Bunt blühendes, unbelastetes Grünland, aber auch der große Artenreichtum sind wichtige Gründe, warum Ulli Vey sich dafür einsetzt, dass immer mehr Landwirte auf Öko umsteigen. Weg von den großen Produktionsflächen, hin zu einer strukturreichen Landschaft, in der Produkte erzeugt werden, die regional vermarktet werden. Das sei die Option der Zukunft, auch, um das Insektensterben aufzuhalten, sagt Vey.

Das funktioniere allerdings nur, wenn Kunden auch bereit sind, einen höheren Preis für Biofleisch zu zahlen. In diesem Jahr ist Ulli Vey bis September ausverkauft, „obwohl durch Corona eine Schulküche und ein Restaurant, die von uns mit Fleisch beliefert wurden, wochenlang geschlossen waren und auch ein Seniorenheim kein Fleisch mehr abnahm.“ Die Bevölkerung, hat der Nordbremer Landwirt registriert, wollte auf einmal regional und Bio einkaufen. Das Ergebnis: „Während der Corona-Krise riefen viele Leute bei uns an und wurden Neukunden."

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