Wahre Verbrechen Wie ein Doppelmörder Bremen-Lesum in Atem hielt

Die Bankangestellten liegen auf dem Boden, ihre Leben beendet Karl-Heinz Wagner mit gezielten Kopfschüssen. Zwei Wochen hält die kaltblütige Tat Bremen und umzu 1995 in Atem. Die Spur führt nach Amsterdam.
26.08.2022, 07:53
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Wie ein Doppelmörder Bremen-Lesum in Atem hielt
Von Björn Struß

Für Lothar U. ist es ein ganz normaler Freitag. Vom Flughafen fährt der 43-jährige Taxifahrer nach Bremen-Nord und hofft auf neue Kundschaft. Und tatsächlich: An der belebten Hindenburgstraße gibt ihm gegen 14 Uhr ein Mann in einem beigen Mantel und mit schwarzem Zopf das Zeichen anzuhalten. Er stellt sich mit Wagner vor, Doktor Wagner. Was Lothar U. zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Dieser Name ist frei erfunden. In seinem Wagen hat gerade ein flüchtiger Schwerkrimineller platzgenommen. Er ist bewaffnet und bereit zu töten.

An diesem Nachmittag des 7. April 1995 denken in Bremen-Lesum bereits viele Menschen an das wohlverdiente Wochenende. Die Hindenburgstraße ist mit Kneipen und Cafés die Lebensader des Stadtteils. Die Geschäfte verkaufen alle Lebensmittel, die es für das Wochenende braucht. Das für den Einkaufsbummel nötige Geld können Volksbank-Kunden an der Ecke zur Schneiderstraße abheben.

Doktor Wagner hat kein Konto und denkt auch nicht daran, eines zu eröffnen. Unter einem Vorwand tritt er am Freitagvormittag um 10.45 Uhr zum ersten Mal an den Schalter der Volksbank-Filiale. Tatsächlich will er seinen nächsten Bankraub vorbereiten. Die beiden Angestellten bemerken von diesen Absichten nichts, der Kunde tritt selbstsicher und freundlich auf. Seinen Wunsch, 15.000 Dollar zu bestellen, kann die Bank nicht erfüllen. Dafür reichen die Bestände der kleinen Filiale nicht aus. So verlässt Doktor Werner Scheider, ein weiterer erfundener Name, die Volksbank wieder. Die beiden Mitarbeiter ahnen nicht, dass sie gerade den Mann verabschiedet haben, der sie später kaltblütig erschießen wird.

Doppelmörder ist nach der Tat in Plauderlaune

Taxifahrer Lothar U. ist wenige Stunden später enttäuscht. Sein Fahrgast möchte zum Emmaberg, das sind nur ein paar Hundert Meter. Allerdings bittet ihn Doktor Wagner, zu wenden und zu warten. Wird es also doch noch eine lohnende Fahrt? Bereits nach wenigen Minuten steigt der Mann wieder in das Taxi des 43-Jährigen. In diesem kurzen Zeitfenster hat Doktor Wagner die Volksbank ausgeraubt. Die beiden Angestellten tötete er mit gezielten Schüssen in den Hinterkopf, nachdem sie sich mit dem Bauch auf den Boden legen mussten.

Von all dem hat Lothar U. nicht die leiseste Ahnung, aber etwas weckt trotzdem sein Misstrauen. Beim Einsteigen scheint der Fahrgast etwas unter seinem Mantel zu verbergen. Aber das schlechte Bauchgefühl legt sich schnell, als Doktor Wagner das Fahrziel nennt: Hamburg. Lothar U. kann sich sicher sein, gutes Geld zu verdienen und fährt auf die Autobahn.  

Der Fahrgast ist in Plauderstimmung. Er berichtet, dass er Computerdesigner ist und fragt, ob Lothar U. etwas für seinen Computer braucht. Als das Taxameter 100 Mark anzeigt, reicht Doktor Wagner ungefragt einen Schein nach vorne. Während der Fahrt ändert er sein Ziel und bittet darum, in der Buchholzer Fußgängerzone abgesetzt zu werden.

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Als Lothar U. nach seiner Taxischicht die Nachrichten verfolgt, fällt er aus allen Wolken. „Buten un binnen“ zeigt am Freitagabend Bilder vom Tatort, der WESER-KURIER titelt am Sonnabend: „Doppelmord bei Bankraub in Lesum“. Allein der zeitliche und örtliche Zusammenhang sprechen eindeutig dafür, dass Lothar U. einem Mörder zur Flucht verholfen hat. Letzte Gewissheit bekommt er, als er sich am Sonnabend bei der Polizei meldet. Noch in der Nacht hatte ein Polizeizeichner mit einer Zeugin ein erstes Phantombild erstellt: 1,90 Meter, kräftiger Oberlippenbart, lange, schwarze Haare, die zum Zopf gebunden sind. Das passt zu „Doktor Wagner“.

Nachdem ihn die Ermittler ausführlich befragt haben, macht sich Lothar U. große Sorgen um seine Frau und seine junge Tochter. Was, wenn der Mörder sich an ihm rächen will, weil er der Polizei geholfen hat? Der 43-Jährige lebt fortan so, als habe er sich von seiner Frau getrennt. Kein Kontakt soll seine Familie in Gefahr bringen.

Volksbank und Staatsanwaltschaft setzen Belohnung von 200.000 Mark aus

Die Kriminalpolizei steht zu diesem Zeitpunkt vor einem Rätsel. Für eine Beute von gerade einmal 17.300 Mark war der Täter bereit, zwei Menschen kaltblütig zu töten. Nichts am Tatort spricht für die Affekthandlung eines panischen Bankräubers. Die Opfer zuerst zu zwingen, sich mit dem Bauch auf den Boden zu legen, und sie dann mit Kopfschüssen zu töten, erinnert an eine Hinrichtung. Wäre es nicht völlig ausreichend gewesen, den Filialleiter und seinen Kollegen zu fesseln und zu knebeln, um sich für die Flucht einen Vorsprung zu verschaffen?

Schon am Freitagabend hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 3000 Mark für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung des Täters führen. Wenig später erhöht die Bremische Volksbank diesen Betrag auf 200.000 Mark. Weder Staatsanwälte noch Polizisten können sich erinnern, dass bis dato in Bremen jemals so viel Geld ausgelobt wurde, um ein Verbrechen aufzuklären. Hinter dieser Summe steckt ein Kalkül. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Kriminelle in der Welt des organisierten Verbrechens kein Unbekannter ist. Vielleicht gibt es bei einer ausreichend hohen Belohnung die Bereitschaft, einen ehemaligen Komplizen der Polizei auszuliefern.

Die Befragungen in Lesum ergeben, dass der Bankräuber vor seiner Tat viel Zeit an der Hindenburgstraße verbrachte. Er kaufte Kleinigkeiten ein, bummelte an den Schaufenstern entlang und verbrachte auch Zeit in einer Spielhalle. Um 10.30 Uhr kehrte er sogar in einem Café ein und bestellte einen Kaffee sowie zwei Flaschen Piccolo. Die Bedienung berichtet der Polizei von einem gepflegten und „sehr lässigen“ Kunden.

Im Lagerraum bringt das Altglas des Cafés die Polizei auf eine heiße Fährte. Die Beamten entdecken die Flasche „Kupferberg Gold“, aus der ihr Verdächtiger getrunken hat. Vielleicht lassen sich brauchbare Fingerabdrücke auswerten. Nun müssen die Experten der Daktyloskopie zeigen, was sie können. Aber das kann dauern. Das Ergebnis gibt es in ein bis zwei Tagen.

SEK stürmt in Niedersachsen falsche Wohnung

Der Kriminalfall hat sich inzwischen zum Stadtgespräch entwickelt. Bis zum darauffolgenden Montag gehen bei der Polizei rund 350 Hinweise aus der Bevölkerung ein. Hilfreich sind die Schilderungen aus einer Commerzbank Am Dobben, die der Täter einen Tag vor seinem Verbrechen in Lesum ausgekundschaftet hatte. Den Bankangestellten kam der angebliche Sicherheitsbeauftragte der Bremer Polizei suspekt vor. Deshalb aktivierte ein Mitarbeiter vorsichtshalber die Überwachungskamera. Die Auswertung bringt die Polizei einen großen Schritt voran: Nun hat sie ein scharfes Bild des Verdächtigen. Am Sonntag zeigt es die Tagesschau. Jetzt ist der Doppelmord deutschlandweit für die Medien interessant.

Nach dem Bericht der Tagesschau erhalten die Ermittler einen vielversprechenden Anruf. Der Hinweisgeber ist davon überzeugt, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Alleinstehenden handelt, der in Buchholz lebt. Genau dort hatte sich der Mörder vom Taxifahrer Lothar U. verabschiedet – das passt perfekt zusammen!

Am frühen Montagmorgen stürmen deshalb Spezialkräfte das frei stehende Haus des Alleinstehenden in Buchholz. Er wird gefesselt und gewaltsam zu Boden gebracht. Auch Bremer Beamte sind vor Ort. Als sie sich den schweißgebadeten Mann ansehen, folgt die Ernüchterung: Es ist der Falsche.

Doch die Frustration über diesen Rückschlag hält nicht lange an. Der Daktyloskopie gelingt es, Fingerabdrücke von der Piccolo-Flasche auszuwerten. Der Abgleich mit der polizeilichen Datenbank ist ein Volltreffer: Bei dem gefährlichen Bankräuber handelt es sich um Karl-Heinz Wagner. Der 45-Jährige ist ein reisender Betrüger, der ständig sein Aussehen wechselt. In einer Justizvollzugsanstalt in Baden-Württemberg saß Wagner eine Freiheitsstrafe wegen der versuchten Tötung von Polizeibeamten ab. 1994 gelang ihm bei einem Freigang die Flucht.

Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet

Am Montagabend ist Wagner europaweit zur Fahndung ausgeschrieben. Am Dienstag schreibt der WESER-KURIER auf seiner Titelseite: „Doppelmörder von Lesum ist hoch gefährlich“. Die Fahnder raten dringend, in keinem Fall zu versuchen, Wagner auf eigene Faust zu stellen. Bereits 1989 hatte der Kriminelle der Polizei gedroht: „Einer Festnahme werde ich mich immer mit Waffengewalt entziehen.“

Den Ermittlern ist es mit dem Namen und Polizeiakten möglich, im Umfeld von Wagner gezielt zu fahnden. Eine Freundin sagt aus, dass der Bankräuber im Zentrum von Amsterdam ein Apartment besitzt. Unverzüglich schalten die Bremer Beamten ihre Kollegen in den Niederlanden ein. Doch der Gesuchte ist weiter spurlos verschwunden.

Zwei Wochen nach dem Verbrechen in Bremen-Nord bemerken Nachbarn, dass sich jemand im Apartment von Wagner befindet. Sie alarmieren die Polizei, kurz nach 22 Uhr steht ein Einsatzkommando mit Ramme bereit. Das Aufbrechen der Tür dauert etwas länger als geplant, ein Schuss fällt. Als die niederländischen Beamten in der luxuriös ausgestatteten Wohnung stehen, liegt der Gesuchte tot auf dem Boden. Die Pistole, mit der er in Lesum zwei Bankangestellten das Leben nahm, liegt noch in seiner Hand.

Eineinhalb Wochen nach dem Selbstmord schließt die Bremer Polizei die Akte Wagner. Ihr Fazit: Der Doppelmord war ein kaltblütig geplantes Verbrechen. Weil der Mörder nie von einem Polizisten befragt wurde, bleibt die Frage nach dem Warum unbeantwortet. In der offiziellen Pressemitteilung schreibt die Kriminalpolizei deshalb, dass das Motiv der Tat wohl für immer im Dunkeln bleiben werde.

So bleibt Raum für Spekulationen: Wollte Wagner schlichtweg zwei Zeugen unschädlich machen und so seine Spuren verwischen? Diese Annahme passt nicht zum übrigen Verhalten. Schließlich hatte sich der Bankräuber in Lesum vor seiner Tat geradezu aufreizend viel Mühe gegeben, gesehen zu werden. Und wer bei einem Bankraub wenig Zeugen haben möchte, entscheidet sich nicht für einen Freitagnachmittag. Populär ist deshalb die These, dass Wagner mit den Morden niedere Instinkte befriedigte, ja vielleicht sogar aus Vergnügen zur Waffe griff. Im Apartment in Amsterdam waren viele sadomasochistische Gegenstände und Utensilien zu finden. Spricht das für einen sadistisch veranlagten Täter?

Für Taxifahrer Lothar U. haben diese Fragen nur eine untergeordnete Bedeutung. Nach dem Selbstmord von „Doktor Wagner“ kann er die Trennung von Frau und Tochter beenden. Diese Taxifahrt wird er aber wahrscheinlich sein ganzes Leben nicht vergessen.

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