Barrierefrei in Findorff

Hindernisse für Orientierung und Bewegung

Der Findorffer Bauausschuss fragt Sachverständige, wie es um die Barrierefreiheit im Stadtteil steht. Und Monique Birkner braucht nur einige Minuten für ihre Mängelliste an Defiziten.
26.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Hindernisse für Orientierung und Bewegung

Monique Birkner ist Sachverständige für barrierefreies Bauen und nahm in dieser Funktion den öffentlichen Raum in Findorff unter ihre fachmännische Lupe.

Roland Scheitz

Findorff. Monique Birkner brauchte nur einige Minuten und wenige hundert Meter Fußweg für ihre Liste an Defiziten. Die fehlenden taktilen Trennstreifen vor der Bushaltestelle am Findorffmarkt. Das ruckelige Kopfsteinpflaster vor der Ampel an der Hemmstraße. Die bodengleiche Mittelinsel auf der Querung Eickedorfer Straße. Die Sachverständige für barrierefreies Bauen und Planen im Büro des Bremer Landesbehindertenbeauftragten hat ein geschultes Auge für Hindernisse, die Menschen mit Sehbehinderungen die Orientierung, und bei Mobilitätseinschränkungen die Fortbewegung erschweren – zu letzteren zählen Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen.

Bremen hat strenge Anforderungen an die Barrierefreiheit in seinen Gebäuden und auf seinen öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen. Auf vielen alten Wegen, die gebaut wurden, als noch niemand von Barrierefreiheit sprach und die Zahl der Autos an einer Hand abgezählt werden konnte, sieht es anders aus. Der Findorffer Bauausschuss hat sich vorgenommen, sich der Problematik stärker zu widmen.

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„Hinkommen, Reinkommen, Klarkommen“ lautet der prägnante Grundsatz der Barrierefreiheit, den sich auch die Stadt Bremen zu eigen gemacht hat. 2008 unterzeichnete die Bundesrepublik Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention. Unter Bürgermeister Jens Böhrnsen wurde 2014 der „Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Land Bremen“ verabschiedet. Seither wird bei der Planung kommunaler und staatlicher Bauvorhaben der Landesbehindertenbeauftragte als Träger öffentlicher Belange beteiligt. Bremer Landesbehindertenbeauftragter ist seit einem knappen Jahr der Jurist Arne Frankenstein. Er folgte auf Joachim Steinbrück, der diese Funktion 15 Jahre lang innehatte. „Bei sämtlichen Neu- beziehungsweise Umplanungen im öffentlichen Verkehrsraum in Bremen werden die Anforderungen an die Barrierefreiheit berücksichtigt und umgesetzt, so dass sukzessive weitere Barrieren im öffentlichen Verkehrsraum abgebaut werden“, heißt es im Aktionsplan.

Barrierefreiheit erntet mehr Akzeptanz

In der 2016 beschlossenen „Richtlinie zur barrierefreien Gestaltung baulicher Anlagen des öffentlichen Verkehrsraums, öffentlicher Grünanlagen und öffentlicher Spiel-und Sportstätten“ werden die Anforderungen im Detail geregelt, wie Monique Birkner dem Bauausschuss im Rahmen seiner aktuellen Videokonferenz erläuterte. Es wird darin vorgeschrieben, wie breit ein Gehweg zu sein hat, welche Materialien für die Oberflächen gewählt werden müssen, welche Quer- und Längsneigungen auf das Grad genau höchstens erlaubt sind, wie hoch Bordhöhen maximal sein sollen, auf welche Breite, Fläche, Neigung und Abgrenzungen beim Bau von Rampen geachtet werden muss und sogar wie die Handläufe auszusehen haben. Zunehmend auch private Investoren richten sich bei ihren Neubauvorhaben freiwillig nach den Vorgaben der Barrierefreiheit, so Birkner. Die Richtlinie ist verbindlich für Neu- und Umbauten, für die eine Neuplanung erforderlich wird. Was Verbesserungsmaßnahmen im Bestand anbelangt, wo keine größeren Baumaßnahmen zur Debatte stehen: „Knifflig“, so die Sachverständige.

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In Findorff sei die Lage nicht anders als in anderen Teilen der Stadt. Typische Probleme seien vielerorts „enge Wege, hoher Parkdruck und die Qualität der Nebenanlagen“, so Birkner. Nicht immer sind größere Baumaßnahmen notwendig, wie ein Sitzungsteilnehmer anmerkte. Eine Vorschrift, die für die Barrierefreiheit neue Gehwege von 1,80 Metern Breite vorsehe, nütze wenig, wenn überall illegal und ungestraft geparkt werden dürfe. „Empörend“, sei das, so der Bürger. „Dann kann man sich den ganzen Zirkus auch sparen.“

Auch für den Ausschuss müssen noch viele Unklarheiten beseitigt werden, wie Sprecher Ulf Jacob (Grüne) zusammenfasste: Die juristischen Möglichkeiten von Stadtteilpolitik und Bürgern, um Barrierefreiheit herzustellen, die Frage nach Überwachung und Kontrolle: Antworten sollen im Rahmen einer weiteren Schwerpunktsitzung erfragt werden.

Info

Zur Sache

Mängelmelder für Schäden an Straßen, Geh- und Radwegen

Eine spezifische Zentralstelle für die Herstellung von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum gibt es nicht. Das Amt für Straßen und Verkehr hat einen Online-Störmelder eingerichtet, über den Schäden an Straßen, Rad- und Gehwegen gemeldet werden können (www.asv.bremen.de/service/stoermeldungen). Auch das Team des Bürgertelefons der Stadt Bremen kann behilflich sein, 04 21 / 36 10, montags bis freitags, 7 bis 18 Uhr. Nicht immer ist für Bürgerinnen und Bürger ersichtlich, welche Stelle für die Beseitigung von konkreten Schäden zuständig ist – die Verkehrsbehörde? Die Bremer Straßenbahn AG? Der Umweltbetrieb? „Im Zweifelsfall empfehlen wir, sich an die Ortsämter zu wenden, die die Stadtteile am besten kennen und wissen, an wen man sich wenden muss“, sagt Jens Tittmann, Sprecher der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Stadtentwicklung. In der Praxis habe sich bereits gezeigt, dass die zuständigen Abteilungen schnell reagieren, wenn es um bauliche Korrekturmaßnahmen gehe, die ohne größeren Aufwand zu realisieren seien, bestätigt Christina Contu, die im Ortsamt für das Findorffer Gebiet zuständig ist. An das Büro des Landesbehindertenbeauftragten können sich alle behinderten Bürger im Lande Bremen und deren Angehörige wenden, wenn sie die Erfahrung machen, dass Rechte von behinderten Menschen beeinträchtigt werden. Kontakt: Telefon 04 21 / 361 - 181 81 oder aber per E-Mail an office@behindertenbeauftragter.bremen.de. Im Internet: www.behindertenbeauftragter.bremen.de

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