Unterwegs mit Wahlscouts in Gröpelingen Keine Stimme ist egal

In einem Pilotprojekt will die Landeszentrale für politische Bildung Unschlüssige zum Wählen motivieren. Sechs Wahlscouts waren dazu in Gröpelingen unterwegs und haben mit Hunderten Wahlberechtigten gesprochen.
18.05.2019, 14:24
Lesedauer: 4 Min
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Keine Stimme ist egal
Von Ina Bullwinkel

Die erste Hürde ist die Tür. Lisa Peyer steht mit ihrem Kollegen Kevin Röttger vor dem Eingang eines Mehrfamilienhauses in Gröpelingen und drückt den untersten Knopf am Klingelschild. Eine leiernde Melodie erklingt, dann warten beide kurz. Es summt, Peyer drückt die Tür auf. Sie sind drin. Im Erdgeschoss empfängt sie eine Frau: blond, um die 30.

„Hallo, ich bin Lisa und das ist Kevin. Wir kommen von der Landeszentrale für politische Bildung“, sagt Peyer. „Wir sind gerade unterwegs, weil nächste Woche Sonntag Wahl ist, am 26. Mai.“ Peyer hat diesen Satz in letzter Zeit sehr häufig gesagt und wird ihn auch heute oft sagen.

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Zusammen mit fünf Kollegen ist sie seit sechs Tagen in Gröpelingen als Wahlscout unterwegs. Sie ziehen in Zweierteams von Haus zu Haus und erinnern die Bewohner an die anstehenden Wahlen. „Wahlscouts“ ist ein Pilotprojekt der Landeszentrale, mit dem Nichtwähler aktiviert und unschlüssige Bürger motiviert werden sollen, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 lag die Wahlbeteiligung in Gröpelingen bei 37,3 Prozent, im Vergleich zur restlichen Stadt ist das überdurchschnittlich niedrig. Das machte den Stadtteil so interessant für das Pilotprojekt. Der Wunsch ist allerdings, Wahlscouts in Zukunft in ganz Bremen einzusetzen. „Wir erzeugen Interesse, damit die Menschen wählen gehen, und wir zeigen, dass uns ihre Stimme nicht egal ist“, sagt Peyer.

Informationen zum Wahltag

Die Frau aus dem Erdgeschoss ist sich noch nicht sicher, ob sie am 26. Mai wählen wird, das entscheide sie spontan. Den Flyer der Landeszentrale nimmt sie aber gerne an. Darauf steht, wie lange die Wahllokale am Sonntag geöffnet sind, um welche Wahlen es geht, aber zum Beispiel auch, wo Bürger schon jetzt ihre Stimme abgeben können. Dass eine frühzeitige Wahl überhaupt möglich ist, wusste die Vielleicht-Wählerin nicht.

Auf ihrem Klemmbrett notiert Peyer ein Fragezeichen in der Spalte „Gehen Sie wählen?“. Als Grund für die Unsicherheit notiert sie „spontane Entscheidung“, außerdem bewertet sie die Stimmung des Gesprächs mit einem doppelten Plus, der Bestnote. Alle Daten werden anonym erhoben, nur die Straße und die Hausnummer stehen neben der Zeile. Peyer ist Referentin für Wahlbeteiligung bei der Landeszentrale für politische Bildung und für die Planung und Auswertung des Projekts zuständig. „Neben dem Aktivieren, Erinnern und Informieren“, sagt Peyer, „geht es auch darum zu erfahren: Wie reagieren die Menschen? Welche Gründe geben sie fürs Nichtwählen an?“

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Vom Erdgeschoss geht es weiter in den nächsten Stock. Dieses Mal öffnet ein Mann die Tür, etwa 50 Jahre alt. Wieder eine kurze Vorstellung, wieder der Hinweis auf die Wahl am Sonntag in der kommenden Woche. „Haben Sie Ihre Wahlbenachrichtigung schon bekommen?“, fragt Peyer. „Äääh, nein.“ „Wissen Sie, ob Sie wahlberechtigt sind?“ „Was heißt das?“ „Haben Sie so einen kleinen grauen Brief bekommen?“ „Nein.“

Kurze Gespräche an der Haustür

Solche Gespräche erlebt Peyer immer wieder. Einige der Anwohner sind nicht wahlberechtigt, kennen aber ihre Rechte nicht genau. Eine halbe Stunde sind Peyer und ihre Kollegen jetzt unterwegs. Es ist halb sechs am Abend, viele Hausbewohner sind nicht da, andere hört man durch die Tür, aber sie öffnen nicht. Peyers Kollege notiert die Namen, ihnen steckt er später einen Flyer in den Briefkasten. „Viele Türen, die sich nur einen Spalt öffnen, bekommen wir dadurch auf, dass wir sagen, wir kommen von keiner Partei“, sagt Peyer. Nächste Tür.

Es bleibt ein kurzes Gespräch: Das türkische Paar, das öffnet, ist nicht wahlberechtigt. Es geht zum nächsten Haus. Die Straßen, die Peyer und ihre Kollegen durchkämmen, haben sie nicht zufällig, sondern zusammen mit dem Quartiersmanagement ausgewählt. „Wir haben zwei Kriterien: eine hohe Wohndichte und die Annahme, dass es viele Wahlberechtigte gibt“, sagt Peyer. Pro Tag haben die sechs Scouts zwischen 250 und 300 Haushalten besucht. Etwa die Hälfte davon trafen sie an. Meist dauern die Gespräche eine bis drei Minuten, in seltenen Fällen unterhalten sie sich für 20 Minuten.

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"Das ist Pflicht"

Peyer und Röttger stehen im nächsten Treppenhausflur. „Ich gehe wählen“, sagt der freundliche Mann an der Tür. Er sei zwar nur zu Besuch und selbst in Niedersachsen gemeldet, aber für die Europawahl stimme er ab. „Das ist unsere Pflicht“, sagt der Mann, dann fällt die Tür ins Schloss. Draußen, auf dem schmalen Weg, der von den Wohnhäusern zur Straße führt, erzählt Peyer von einer besonderen Begegnung: „Ein Mann öffnete die Tür und sagte: ‚Ach, es ist gut, dass Sie da sind, ich denke seit gestern an nichts anderes‘.“ Er habe gesagt, es sei schwierig, weil es gute Argumente für und gegen das Wählen gebe. „Er war einfach dankbar, mit jemandem darüber reden zu können“, erinnert sich Peyer.

Vielschichtige Gründe

Von dem Projekt der Wahlscouts erhofft sich die Landeszentrale für politische Bildung auch, mehr über Nichtwählern zu erfahren. Bisher gibt es in Deutschland kein vergleichbares Projekt, nur die Uni Mainz hat 2015 ein Feldexperiment zu Wählermobilisierung durchgeführt. „Das wichtigste Ergebnis ist für uns bisher, dass die Typen der Nichtwähler deutlich diverser und vielschichtiger sind als wir dachten", sagt Peyer. "Viele Menschen sind sich unsicher und trauen sich nicht zu wählen, weil sie denken, keine informierte Entscheidung treffen zu können", sagt Peyer. Das sei aus Sicht der Landeszentrale aber auch positiv: Mit Informationen könne man Unsicherheit viel einfacher entgegenwirken als einer generellen Politikverdrossenheit.

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