Singlewohnungen statt Schlichtbauten

Die Nöte der Sebaldsbrücker Anwohner

Auf der Einwohnerversammlung zum geplanten Neubau am Sacksdamm und Alten Landwehr kritisierten Anwohner die in ihren Augen zu geringe Zahl an Parkplätzen und den Verlauf einer Erschließungsstraße.
26.06.2019, 16:42
Lesedauer: 3 Min
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Die Nöte der Sebaldsbrücker Anwohner
Von Christian Hasemann
Die Nöte der Sebaldsbrücker Anwohner

Eine Erschließungsstraße soll auf Höhe der Schlichtbauten entstehen. Im Hintergrund: Häuser der Zeppelinstraße.

PETRA STUBBE

Es erscheint als eine kleine Randnotiz, aber fasst doch die ganze Geschichte der Schlichthäuser am Sacksdamm und der Alten Landwehr in Sebaldsbrück zusammen: „Welche Adresse bekommt denn das neue Quartier? Wenn es wieder Sacksdamm heißt, dann zieht da keiner ein. Die Adresse mit der Postleitzahl ist verbrannt.“ So fragte eine Frau auf der Einwohnerversammlung zum geplanten Neubauprojekt des Wohnungsbaukonzerns Vonovia. Eine Antwort darauf lieferten aber weder die Vertreter des Wohnungsunternehmens Vonovia noch der Stadtplanung.

88 neue Wohnungen geplant

Der Frage spielt auf schlechten Ruf der bisherigen Schlichtsiedlung dort an – wobei das den ehemaligen Bewohnern wohl Unrecht tut. Dennoch: In den Augen vieler Anwohner sind die Häuser, vor fast 100 Jahren als Notunterkünfte und Provisorien gebaut, schlicht ein Schandfleck mitten im Ortsteil. Nun plant die Vonovia den kompletten Abriss und den Neubau eines Quartiers auf 9200 Quadratmeter. 88 Wohnungen sind derzeit vorgesehen, die sich durch ihren Zuschnitt an Singles, aber auch an Familien richten sollen. Alle werden barrierefrei sein. Wie gesetzlich vorgeschrieben sollen ein Viertel davon Sozialwohnungen sein mit einem Mietpreis zwischen 6,10 und 6,50 Euro.

Soweit waren die Pläne schon bekannt, mit der Einwohnerversammlung ist aber nun der erste Schritt der Bürgerbeteiligung getan. Noch im Sommer folgt die Auslegung des Bebauungsplans, der gesetzlichen Grundlage dafür, dass der Konzern dort überhaupt seine Pläne umsetzen kann. Viele Anwohner nutzten aber bereits die Gelegenheit in der Mensa der Ganztagsschule Parsevalstraße ihren Anregungen, Ideen und Kritik Ausdruck zu verleihen. Betroffen von dem Bauvorhaben sind insbesondere die Anlieger der Zeppelinstraße, denn ihre Gärten Grenzen direkt an das Baugebiet an, derzeit Garten an Garten. Das dürfte sich ändern. Denn direkt an ihren Grundstücke soll die Erschließungsstraße entstehen, in der PKW-Lenker nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen. „Zurzeit gucken wir noch auf Gärten, für uns wird sich die Situation erheblich verschlechtern, denn die Straße wird direkt an die Grenze gesetzt“, meinte ein Anwohner. „Das ist eine sehr schlechte Lösung!“

Skepsis der Abwohner

Eine Frau wollte wissen, wie viele Menschen in die geplanten 88 Wohnungen einziehen und wo die Menschen parken sollen. „Wir wollen dahin kommen, dass die Leute nicht mehr unbedingt ein Auto brauchen“, sagte Lars Lemke vom Büro Baumgart und Partner, dass an der städtebaulichen Planung beteiligt ist. „Man schaut zum Beispiel, wo gibt es bereits eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.“ Diese Anbindung sei bereits jetzt am Sacksdamm vorhanden und werde durch den geplanten Neubau des Haltepunkts Föhrenstraße sogar noch verbessert. „Und viele Singles brauchen heutzutage vielleicht gar kein Auto mehr.“ Dennoch: In der Summe sehen die Planer 72 Parkplätze vor. Und diese gruppieren sich entlang der neuen Erschließungsstraße mit Parkbuchten in Richtung Zeppelinstraße. Die Planer versprachen, die Ideen der Anwohner – ein bepflanzter Wall oder einen Grünstreifen als Abgrenzung zu den Gärten – zu prüfen.

Das sei alles sehr schön, meinte eine Frau, „aber die Realität ist doch anders. Eigentlich ist es doch so, dass jeder Haushalt mindestens zwei Autos hat!“ Siegfried Berg, Leiter Städtebau und Grundstücksmanagement: „Wir wollen eine zeitgemäße Siedlung bauen und bieten deswegen auch Carsharing-Angebote an.“ Wichtig sei außerdem ein gutes Angebot für E-Bikes. „Das wird gerade von jüngeren Menschen nachgefragt und dem wollen wir nachkommen.“ Das Quartier bedeutet außerdem weniger als 200 neue Einwohner. „In den Nachbarstraßen ist die Wohndichte deutlich höher.“ Argumente, die nicht so recht verfangen wollten. Der Hemelinger Ortsamtsleiter Jörn Hermening verlieh der Skepsis ein Wort: „Es ist Erfahrungswissen, dass es immer zu wenig Parkplätze gibt.“

Künftige James-Last-Straße?

Kritik an der Bauhöhe konnten die Planer dagegen entkräften. Das höchste geplante Gebäude an der Eckenerstraße wird maximal 13,50 Meter hoch und ist damit niedriger als die meisten umgebenen Mehrgeschosshäuser. Die Abrissarbeiten sollen im Winter beginnen und möglichst im kommenden Jahr soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. Allerdings: Dann steht auch der Baubeginn des Zeppelintunnels an. Wie beide Baustellen miteinander koordiniert werden, ist noch offen. Bis dahin kann der sich noch zu konstituierende neue Beirat auch noch einen Namen für die neue Straße im Quartier entscheiden, denn die Vergabe von Straßennamen liegt im Zuständigkeitsbereich der Beiräte. Vielleicht gibt es dann statt der schlecht beleumdeten Adresse Sacksdamm die geforderte James-Last-Straße.

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