Plastik, Reifen und ganze Küchen Immer mehr Müll im Naturschutzgebiet Ochtumniederung

Illegale Abfallentsorgung sorgt in der Ochtumniederung bei Brokhuchting für Probleme.
08.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

„Hier wird ständig illegal Müll abgelagert“, klagt Birgit Olbrich vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die am Aussichtsturm für Vogelbeobachtung in Brokhuchting steht. Im Laufe der Zeit gab es eine stetige Zunahme der heimlichen Müllentsorgungen im Naturschutzgebiet.

„Und das ist nicht nur Restmüll, sondern es sind auch gewerbliche Abfälle.“ Eine Ladung Autoreifen habe sie bereits vorgefunden und „riesige Obst- und Gemüseberge. Farben waren auch dabei und sogar Schlachtabfälle". Da gab es zum Beispiel die Reste eines toten Tieres in der Mülltüte, das dann anhand des noch vorhandenen Kopfes als ein sechs bis acht Monate altes Schaf identifiziert werden konnte.

Vom Cabrioverdeck bis zur kompletten Küche

Daran erinnert sich auch Torsten Horwege, der zwar Kop in Huchting ist, sich aber auch um dieses Gebiet kümmert: „Gefäße mit Holzschutzmitteln, ein Cabrioverdeck, Altreifen mit Felge, ganze Küchen sind hier entsorgt worden“, erzählt er. Dabei sei es doch eigentlich ein Leichtes, den Müll ordnungsgemäß loszuwerden. „Jeder Bürger kann umsonst Sperrmüll bestellen, und es gibt Deponien und Wertstoffhöfe“, sagt auch Birgit Olbrich. „Wir haben keine Lust mehr, den Müll der anderen Leute wegzuräumen.“

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Das tun die Leute vom BUND nämlich mitunter, „doch kostet diese Entsorgung dann auch noch Naturschutzgelder. Und viele Sachen möchte man gar nicht transportieren.“ Da pflichtet Torsten Horwege bei: „Hier stehen ja auch Behälter mit undefinierbaren Flüssigkeiten herum und die wird man dann ja auch schwer wieder los.“ Zwar seien die Entsorgungsmöglichkeiten durch Corona etwas begrenzt gewesen, meint Olbrich, „doch für mich ist das total unverständlich, dass man so etwas machen kann".

Fastfood-Müll entlang der Straße

Entlang der Straße sind derweil Folgen des schnellen Essens zu besichtigen: „Pizzakartons, Verpackungen von Fast-Food-Restaurants, Coffee-to-go-Becher – das wird einfach aus dem Fenster geworfen und liegen gelassen“, sagt Karin Menke vom BUND. „Und durch Corona ist das noch mal mehr geworden.“ Und wenn dann noch Essensreste im Müll und auch im abgeladenen Hausmüll verblieben seien, ergebe sich ein weiteres Problem, weiß Menke zu berichten: „Dann wird der Müll von Krähen oder von Füchsen auseinandergerissen, und dann kommt der Wind und der Müll fliegt übers Grünland.“

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Das bestätigt auch der Stromer Landwirt Wilken Köhler, der einige Flächen im Naturschutzgebiet bewirtschaftet: „Joghurtbecher und Plastikmüll findet man auch in der Fläche.“ Und auch Glas, das dann irgendwann durch das Gras überwuchert wird - „und wenn das dann übermäht wird, gelangt es ins Viehfutter.“ Glas im Viehfutter, das hört sich nicht gut an, Glas im Nest ebenfalls nicht: „Es ergibt sich eine Verletzungsgefahr durch Glas, Plastikmüll oder Schnüre. Störche nehmen dann mitunter die Plastikteile und Müllfetzen mit ins Nest und Jungstörche können sich verletzen oder hängenbleiben.“

Gefühlt wird es immer schlimmer

Das Problem sei, dass das Wegbringen oder die Beauftragung von Entrümpelungsfirmen oft teurer sei als die Strafe, falls es zur Entdeckung komme: „Wir schauen im Müll ja auch nach Adressen“, erklärt Olbrich, außerdem könne man das Autokennzeichen notieren, falls man etwas beobachte. Torsten Horwege sagt aber auch: „Ich habe das Gefühl, dass das immer schlimmer wird und dass man kaum etwas machen kann.“ Die Allgemeinheit leide unter diesen Idioten, bringt es Horwege auf den Punkt. Und auch die Frage, was das Problem lösen könne, würde die Allgemeinheit treffen: „Man könnte hier den Platz neu gestalten und die Parkfläche kleiner machen“, überlegt Olbrich, „oder Findlinge drauf stellen. Andererseits braucht man den Platz auch bei einer Grabenräumung oder wenn wir mal einen Bus hier haben für die Öffentlichkeitsarbeit.“

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Sie sei der Meinung, dass dies der beste Platz sei, um Vögel zu beobachten, denn zum Beispiel die Blocklandwiesen seien dafür zu weit weg. „Wir sind nun in der Zeit, in der das Rastgeschehen abnimmt und das Brutgeschehen zunimmt. Vorher, im Winter, haben die Vögel hier einen geschützten Raum und ab Mitte März treffen die ersten Wiesenbrüter ein.“

Wenn das Wasser weg ist, bekommt man es nicht wieder

Der gefährdete Kiebitz sei gerade zu sehen, aber auch die ebenfalls gefährdete Uferschnepfe und der Kampfläufer. Und viele Gänse- und Entenarten, Bekassinen, Reiher oder Störche. „Wir schauen dann vom Gebietsmanagement, wie es mit dem Wasser ist. Brutvögel etwa brauchen auch Beetrücken, um trocken zu stehen.“ Das Wasser werde auf den Wiesen zuerst einmal eingestaut und dann kontrolliert abgelassen – gar nicht so einfach, weiß Olbrich: „Wenn das Wasser einmal weg ist, bekommen wir es nicht wieder. Deshalb müssen wir immer schauen, wie viel wir ablassen.“

Karin Menke sagt: „Wir brauchen Wasser und feuchte Bereiche, wo Vögel stochern und Nahrung finden können. Wir wollen über die gesamte Brutzeit hinaus, also bis Mai und Juni, feuchte Flächen anbieten.“ Deshalb sei eine saubere Umgebung vonnöten, denn auch das ist die Realität: „Die Plastikteile werden gefressen, die Vögel sind dann voll und verhungern.“

Info

Zur Sache

Ochtumniederung

Die 375 Hektar umfassende Fläche bei Brokhuchting im Stadtteil Huchting ist seit 2003 Natura 2000-Gebiet (EU-Vogelschutzgebiet) und Lebensraum mit Feucht- und Nassgrünland, Gräben und Sümpfen. Das Grünlandgebiet mit einer Abfolge von höher gelegenen Grünlandflächen und tiefer liegenden Senken ist gekennzeichnet durch dichtes Grabennetz, Polderflächen, Fließgewässer, Uferröhrichte und hohem Anteil an Kompensationsflächen. Der Vogelbeobachtungsturm bietet einen Rundumblick über die von Dezember bis April ausgedehnten Überschwemmungsflächen. Ungestört lassen sich in unmittelbarer Nähe rastende Wasser- und Watvögel, im Frühjahr auch brütende Wiesenvögel wie Kiebitze, Rotschenkel oder Uferschnepfen beobachten.

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