Kinder lernen spielerisch Gemeinwesen kennen Kinder übernehmen in Bremopolis das Kommando

In dem einwöchigen Ferienprojekt Bremopolis werden Bremer Kinder in allen Bereichen beteiligt. Sie übernehmen in der Mini-Stadt Verantwortung und erfahren spielerisch, wie unser Gemeinwesen funktioniert.
19.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kinder übernehmen in Bremopolis das Kommando
Von Ulrike Troue

„Noch nicht, erst ist er dran“, weist Ida die ungeduldig wartenden Kunden zurecht, die auf ihren Tisch zustürmen wollen. „Und Abstand halten“, mahnt sie mit erhobenem Bleistift. Die Achtjährige nimmt ihren Job ernst, schließlich hat sie in ihrem Wunschberuf als Bankangestellte viel Verantwortung: Ida zahlt am zweiten Camptag die „Mopos“ aus, den ersten Lohn für die tags zuvor geleistete Arbeit. Ohne das Papiergeld geht nichts, wissen die 100 jungen Bewohner der selbst verwalteten Kinderstadt auf dem Gelände des TV Bremen-Walle 1875.

In dem fünftägigen Kinderstadt-Projekt, das bis diesen Freitag läuft, wählen die Sechs- bis 14-Jährigen auch ihre eigene Regierung, lernen Berufsbilder kennen und kümmern sich um die Versorgung. Dabei werden sie von Pädagogen professionell begleitet.

Helferteam besteht aus 20 Betreuern

Hinter Bremopolis steht ein Netzwerk aus verschiedenen Partnern der freien Wirtschaft, Kinder- und Jugendhilfe, Sozial- und Jugendverbände sowie vielen anderen unter der Trägerschaft der Bremer Sportjugend. Rund
20 Betreuer zählt Linus Edwards zum Helferteam. Als Hauptorganisator möchte das Mitglieder der Waller Turnvereinsgeschäftsführung nicht gelten, verweist lieber auf viele Beteiligte und Ideensammler: „Ich versuche nur, die Fäden in der Hand zu halten.“

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Der wichtigste ist der rote Faden für die Schutz- und Hygienemaßnahmen in der Corona-Pandemie. Darum musste das offene Bremopolis-Konzept für diese Neuauflage völlig umgekrempelt worden, sagt Edwards. „Der Ablauf ist nun vorstrukturiert und deutlich enger getaktet.“

Im Vorfeld wurde online abgefragt, welche der angebotenen Berufe die Mädchen und Jungen lernen und mit wem sie zusammensein wollen. Dann wurden zehn Gruppen zu je zehn Kindern und zwei Betreuern gebildet, die in der Campwoche fest zusammenbleiben.

Kinder genießen die Gemeinschaft

„Die Kids nehmen das an“, stellt Linus Edwards erleichtert fest. „Aber wir merken durchaus, dass sie darunter leiden“, weist er auf die engen Vorgaben beim Freispiel am Nachmittag hin, wo unter anderem Akrobatik oder Bewegungsspiele angesagt sind. „Wir können leider nicht ermöglichen, dass die Kinder wechseln“, bedauert er. Folglich wird auch die Pandemie thematisiert. Wer einen Blick in die 13 weißen Zelte wirft, hat keineswegs den Eindruck, dass die Kids etwas vermissen. Ganz im Gegenteil, sie genießen die Gemeinschaft sichtlich. Fröhlich, beflissen und Hand in Hand bewältigen sie ihre Aufgaben, die jeden Vormittag neu zugeteilt werden.

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Nur eine Konstante ist gesetzt: die Regierung. Jede Gruppe ist darin mit ihrem gewählten Bürgermeister vertreten. Chiara gehört ihr an. „Ich möchte Süßigkeiten im Supermarkt, das wäre toll. Das habe ich letztes Jahr auch hingekriegt“, nennt die Elfjährige ein Ziel. „Und ich will eine Kiste aufstellen, wo Kinder Wünsche und Beschwerden aufschreiben und reinwerfen können.“ Als plötzlich schrille Laute von der Trainer-Truppe ertönen, zeigt das pfiffige Mädel mit Brille aufs letzte Zelt: „Und die Trillerpfeifen will ich verbieten.“ Alle Hände voll zu tun hat die Gastro-Gruppe. Eifrig spießen die Kinder in Stücke geschnittene Paprika, Tomaten, Käse, Gurke und Brot auf. „Das macht Spaß“, sind sich Anna-Lena (9) und ihre Catering-Crew einig. „Die Spieße gab’s schon im vergangenen Jahr“, sagt Betreuerin Jana Müller-Schmidt. „Da können die Kids kreativ sein, selbst schön gestalten. Und es ist auch noch gesund.“

Senatorin kommt zum Grillen

Die Snacks wandern in den Verkauf im Mini-Markt. Hinter der Selbstbedienungstheke mit Butter und Käse steht mit Elisabeth Christl vom Waller Edeka-Markt eine echte Verkäuferin. Sie hat zwei Kühlvitrinen, Kisten mit Getränken und Brot und Regale mit Obst mitgebracht. Mit drei „Mopo“ ist die Ananas nach ihrer Auskunft die teuerste Ware im Sortiment. „Die Preise haben die Kinder festgelegt“, erzählt die junge Frau. Durch Abstimmung in einer Gruppe.

Auf diese Weise wurde ebenfalls der Lohn für Polizisten, Bauarbeiter und andere Berufe festgelegt. Aus Sicht der Kinder haben Angestellte im Krankenhaus – die im Zelt des Arbeiter-Samariter-Bundes nach Auskunft der stellvertretenden Landesjugendleiterin Jessica Mahkota in Erste Hilfe eingewiesen werden – den Höchstsatz verdient: 20 „Mopo“. Am schlechtesten bezahlt werden Trainer und Jobcenter-Mitarbeiter mit elf „Mopo“.

„Wir wollen weiter wachsen"

„Die Kinderstadt Bremopolis ist eine tolle Gelegenheit für Kinder, sich auszuprobieren, den Umgang mit Macht, Demokratie, Wirtschaft und Handwerk eine Woche lang selbst zu entwickeln und zu erfahren“, erklärt Anja Stahmann (Grüne), Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport. Die Schirmherrin des Ferienprojekts wird zum Abschlussgrillen erwartet.

„Das Spannende für uns ist, wir wissen nicht, was raus kommt“, merkt Linus Edwards zu Bremopolis an. „Wir wollen weiter wachsen, für Bremen die Kinderstadt ausbauen“, steht für ihn mit Blick auf die große Nachfrage fest. Daher hofft die Bremer Sportjugend, die Mini-Stadt-Aktion in 2021 auf zwei Wochen und 200 Kinder ausdehnen zu können.

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