Studie aus Bremen Angebote für Wohnungslose greifen häufig nicht

Hilfsangebote für Menschen, die Mietschulden oder andere Probleme haben, greifen oft nicht oder sind zu unbekannt. Das ist eine der Aussagen einer neuen Studie aus Bremen zur Wohnungslosigkeit in Deutschland.
03.11.2019, 18:38
Lesedauer: 3 Min
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Angebote für Wohnungslose greifen häufig nicht
Von Carolin Henkenberens

Genaue Daten zur Zahl obdach- und wohnungsloser Menschen gibt es seit vielen Jahren nicht. Jetzt haben Bremer Forscher die erste bundesweite Studie seit 15 Jahren veröffentlicht. Demnach waren am Stichtag 31. Mai 2018 zwischen 313.000 und 337.000 Menschen in Deutschland ohne festen Wohnsitz.

„Über die Hälfte der Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, haben einen Fluchthintergrund“, sagt Professor Volker Busch-Geertsema. Er ist Projektleiter bei der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) mit Sitz in der Kohlhökerstraße. Die GISS hat im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales über 400 Stellen in allen Bundesländern befragt, zwölf Fallstudien erarbeitet und 31 betroffene Menschen interviewt.

Finden einer dauerhaften Bleibe immer schwieriger

Der Zuzug von Geflüchteten hat die Problematik nach Angaben der Studienautoren zusätzlich verschärft. 80 Prozent der befragten Stellen im Bundesgebiet gaben an, dass es seit 2015 schwieriger geworden sei, Wohnungslose in eine dauerhafte Bleibe zu vermitteln. Wohnungslosigkeit ist nicht gleichzusetzen mit Obdachlosigkeit, sondern beschreibt die Tatsache, dass ein Mensch kein reguläres und dauerhaftes Zuhause hat. Dies sind auch Frauen und Männer, die etwa bei Freunden unterkommen, weil sie ihre Wohnung verloren haben.

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Die Studie stellt fest, dass Präventionsangebote oft nicht gut genug greifen oder zu unbekannt sind: Nur in 63 Prozent der Fälle konnte demnach über solche Angebote der Kommunen ein Wohnungsverlust abgewandt werden. Damit Menschen nicht auf der Straße landen, übernimmt das Jobcenter zum Beispiel in einigen Fällen Mietschulden. Doch nicht immer werden die Anträge für die Übernahme genehmigt, beschreiben die Autoren die Lage. Ein Grund dafür ist laut Busch-Geertsema, dass die rechtliche Grundlage ungenau formuliert sei. So würden Schulden nur übernommen, wenn die Hilfe „gerechtfertigt und notwendig“ sei. „Wir glauben, dass das Instrument der Mietschuldenübernahme noch aktiver angewandt werden sollte“, fordert der Projektleiter. Außerdem sei vielen Menschen nicht bekannt, dass eine Mietschuldenübernahme selbst dann möglich sei, wenn keine Sozialleistungen bezogen werden.

Beratungsangebote bündeln

Die Bremer Studienautoren Busch-Geertsema, Jutta Henke und Axel Steffen schlagen vor, dass Beratungsangebote in einer kommunalen Fachstelle für Wohnungslosigkeit gebündelt werden. In Bremen gibt es diese bereits. Die Fachstellen sollten im Fall einer anstehenden Räumungsklage oder bei Mietschulden vom Amtsgericht oder dem Wohnungsunternehmen informiert werden und Hausbesuche machen. „Einfach ein Anschreiben zu schicken, das bringt nichts“, sagt Busch-Geertsema. Menschen mit Geldproblemen erhielten viele Briefe und öffneten diese häufig nicht. Über eine Klausel im Mietvertrag ließe sich zudem regeln, dass der Vermieter die Daten weitergeben darf, erklärt der Professor. Zu oft wüssten Jobcenter oder freie Träger nichts von einer bevorstehenden Räumungsklage.

Wie viele Wohnungslose auf Bremen oder Niedersachsen entfallen, besagt die Studie nicht. Nach Schätzungen des Vereins für Innere Mission leben in Bremen 500 bis 600 wohnungslose Menschen. „Wir haben uns mit dem Deutschen Städtetag darauf geeinigt, kein Städte-Ranking vorzunehmen“, erklärt Busch-Geertsema. Wie viele Obdachlose es wo gibt, soll demnächst die von der Bundesregierung beschlossene Bundeswohnungslosenstatistik erfassen. Sie werde 2022 oder 2023 an den Start gehen, schätzt der Wissenschaftler. In Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern war die Dichte an Wohnungslosen am Stichtag mehr als drei Mal so hoch (7,6 von 1000 Menschen) als in ländlichen Gemeinden und Kleinstädten bis 20.000 Einwohnern (2,2).

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Ein sehr umfangreiches Problem ist Busch-Geertsema zufolge der Umgang mit wohnungslosen EU-Bürgern. Die Mehrheit der Kommunen weigere sich, ihrer Unterbringungspflicht nachzukommen – aus Angst vor einer Sogwirkung und wegen begrenzter Kapazitäten. Der Studienautor fordert hierfür eine bundesweite Lösung.

Weitere Informationen

Die Studie ist im Internet unter www.giss-ev.de verfügbar. An diesem Montag wird sie von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) bei einer Veranstaltung im Kwadrat, Wilhelm-Kaisen-Brücke 4, vorgestellt. Beginn ist um 18 Uhr.

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