Haftstrafe ohne Bewährung Bremen: Antanz-Dieb zum 16. Mal verurteilt

Zu elf Monaten Haft ohne Bewährung wurde ein 26-jähriger Dieb vor dem Amtsgericht Bremen verurteilt. Es ist bereits das sechzehnte Mal, dass der Mann verurteilt wird.
05.07.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremen: Antanz-Dieb zum 16. Mal verurteilt
Von Ralf Michel

Die Verhandlung neigt sich ihrem Ende zu, da wendet sich der Richter direkt an den Angeklagten. Und aus seinen Fragen spricht die Ratlosigkeit angesichts des bisherigen Lebenswegs des 26-jährigen Algeriers, der an diesem Tag wegen eines Antanzdiebstahls und zwei Ladendiebstählen vor dem Amtsgericht steht. „Was haben Sie denn auf Dauer mal vor? Wie soll das weitergehen? Immer wieder Diebstahl und Gefängnis – das ist doch keine Perspektive.“

Der Angeklagte weiß es nicht. Er würde ja gerne arbeiten, erklärt er über seinen Dolmetscher. Aber er bekäme wegen seines Aufenthaltsstatus keinerlei Hilfe. Der Algerier lebt mit einer Duldung in Deutschland. „Durch immer neue Straftaten wird Ihre Situation sicher auch nicht besser“, hakt der Richter nach. Hierzu schweigt der Angeklagte. Was soll er auch sagen.

Lesen Sie auch

Seit sieben Jahren lebt der 26-Jährige in Deutschland. 15 Einträge hat er seitdem im Bundeszentralregister gesammelt, dem Verzeichnis, in dem alle Verurteilungen für Straftaten aufgelistet werden. Diebstahl, Körperverletzung, räuberische Erpressung, Sachbeschädigung, Beleidigung ... Mehrfach wurde er in Bremen und Syke verurteilt, aber auch in Braunschweig, Hamburg und München.

Und es waren keineswegs nur Geld- oder Bewährungsstrafen, zu denen der 26-Jährige verurteilt wurde. Schon beim zweiten Mal, als er vor dem Richter stand, im Juni 2012, wegen Diebstahls in Braunschweig, erhielt er eine Woche Jugendarrest. In München landet er 2015 das erste Mal als Erwachsener hinter Gittern, 2018 ein zweites Mal in Bremen. An diesem Tag wird eine weitere Haftstrafe ohne Bewährung dazukommen und das nächste Verfahren wartet bereits auf den Algerier. Der Mann begeht seine Straftaten in so kurzer Abfolge, einige davon während noch laufender Bewährungsstrafen, dass die Justiz kaum noch nachkommt.

Taten sind unstrittig

Die Taten, um die es an diesem Morgen geht, sind unstrittig, der Angeklagte ist in allen drei Fällen geständig. Im Oktober 2017 hat er während der Freimarktszeit in der Nähe des Hauptbahnhofs einen sogenannten Antanzdiebstahl begangen, seinem Opfer dabei das Handy aus der Hosentasche gestohlen.

Dabei wurde er von Bundespolizisten beobachtet. Denen war der Mann schon kurz zuvor aufgefallen, als er vier Jugendliche überschwänglich begrüßte, sie abklatschte und umarmte. „Bei einem der Jugendlichen hat er die Außentaschen abgetastet“, berichtet einer der Polizisten als Zeuge vor Gericht. Der Jugendliche habe ihn jedoch weggeschubst, daraufhin sei der Algerier weitergegangen. „Für uns war aber klar, dass er ‚auf Arbeit‘ war, also auf der Suche nach Opfern“, erklärt der Polizist weiter.

Lesen Sie auch

Wenig später habe der Mann dann ein Pärchen angetanzt. Wieder die überschwängliche Begrüßung inklusive Umarmung. Dazu anschließend ein Absichern nach hinten und das Verschwinden in einem dunklen Hauseingang. Für die Polizisten waren das untrügliche Zeichen für einen erfolgreichen Antanzdiebstahl. Sie stellten den Dieb, der in dem Hauseingang gerade das Beute-Handy überprüfte. Das Opfer, ein Tourist, der nach einem feuchtfröhlichen Freimarktbesuch auf dem Rückweg zu seinem Hotel war, hatte den Diebstahl zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt.

Bei den beiden anderen Delikten, wegen denen der 26-Jährige vor Gericht stand, handelte es sich um Ladendiebstähle. Einmal ging es um ein Brot und zwei Salate (Warenwert: 6,47 Euro), einmal um eine Flasche Alkohol (5,69 Euro). Bei einem der Diebstähle hatte er in der Hosentasche ein Springmesser dabei. Das kam zwar nicht zum Einsatz, machte aus der Tat aber einen „Diebstahl mit Waffen“.

Zwischenzeitlich nach Belgien abgesetzt

Dass der 26-Jährige wegen dieser Taten erst nach über eineinhalb Jahren vor Gericht steht, lag daran, dass er sich zwischenzeitlich nach Belgien abgesetzt hatte, wo er laut Polizei unter anderem Namen ähnliche Taten begangen haben soll. Geschnappt und nach Deutschland ausgeliefert wurde er schließlich in Holland. Seit April 2018 sitzt er in Oslebshausen eine ältere Haftstrafe wegen räuberischer Erpressung ab.

Der Verteidiger weiß, dass er hinsichtlich einer Verurteilung seines Mandanten auf verlorenem Posten steht. Trotzdem erzählt er vom Lebensweg seines Mandanten. In Algerien geboren, der Vater stirbt früh. Er geht zur Schule, aber nur drei, vier Jahre lang. Dann trägt er als Elfjähriger mit Aushilfsjobs zum Familieneinkommen bei. Welche Perspektive er in seiner Heimat gehabt habe, fragt der Anwalt den 26-Jährigen. Der antwortet mit einem Schulterzucken. „Es gibt da keine Zukunft.“

Lesen Sie auch

Als 18-Jähriger macht er sich auf den Weg nach Europa. Spanien, Frankreich, schließlich Deutschland, erzählt der Angeklagte. Arbeiten darf er hier nicht, betont sein Anwalt. Drogen- und Alkoholprobleme kommen dazu. Und dann noch die Aussicht auf vermeintlich leicht zu machendes Geld durch Antanzdiebstähle ...

Der Richter würdigt die trostlose Situation des Angeklagten, sowohl in Algerien als auch in Deutschland. „Ist sicher alles richtig“, sagt er. „Aber wer hier Straftaten begeht, muss mit Strafe rechnen.“ Elf Monate ohne Bewährung sind es diesmal. Wie vor Gericht üblich ­begründet der Richter das Urteil, erklärt, wie im Detail es sich zusammensetzt. Doch den Angeklagten interessiert das nicht. Er hört nicht zu, sondern redet auf den Dolmetscher ein. Nur eine weitere Verurteilung, die nicht ins Gewicht fällt auf diesem Lebensweg, ­geprägt von bedrückender Perspektivlosigkeit.

Info

Zur Sache

Zahl der Antanzdiebstähle rückläufig

Exakte Angaben zur Zahl der Antanzdiebstähle in den vergangenen Jahren in Bremen kann die Polizei nicht machen. Die Zahl dieser Delikte sei zuletzt aber deutlich zurückgegangen, heißt es hierzu von zuständiger Stelle. „Es gibt noch Antanzdiebstähle, aber sie sind kein großes Problem mehr.“ Nach wie vor gelte, dass die Täter häufig gezielt gegen Angetrunkene vorgingen.

Die Polizei rät in diesem Zusammenhang dazu, Wertgegenstände nur in verschließbaren Innentaschen aufzubewahren und weder Handy noch Portemonnaie lose in der Hosentasche zu tragen. Und sie warnt davor, Unbekannten das Handy zu zeigen. Die Frage nach der Uhrzeit, könnte ein Trick sein, um einen Diebstahl oder Raub vorzubereiten. Weitere Verhaltenstipps gibt die Polizei im Internet auf der Homepage www.polizei.bremen.de oder unter der Telefonnummer (0421) 36219003 im Präventionszentrum.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+