Interview mit neuer Geno-Chefin

„Geno muss die Trendwende schaffen“

Bremens Klinikverbund Gesundheit Nord hat eine neue Chefin. Im Gespräch mit dem WESER-KURIER beschreibt Dorothea Dreizehnter ihre Erwartungen. Ihr Wunsch: „Ein gewisses Maß an Unabhängigkeit“ von der Politik.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Geno muss die Trendwende schaffen“
Von Jürgen Theiner

Frau Dreizehnter, sind Sie ein Mensch, der das Abenteuer liebt?

Irgendwie glaube ich das tatsächlich. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich jedenfalls nie die Herausforderung gescheut.

Das erklärt dann ja ein wenig, warum sie nach Bremen gekommen sind. Die Gesundheit Nord hat in den vergangenen sieben Jahren zwei Chefs und mehrere weitere leitende Akteure verschlissen. Was wollen Sie anders machen als Ihre glücklosen Vorgänger?

Dazu müsste ich wissen, wie die gearbeitet haben, und das entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann Ihnen nur sagen, wie ich arbeite. Ich möchte mich nicht mit Historie beschäftigen, sondern mit meinen jetzigen Kollegen die Probleme angehen. Grundlage ist die Überzeugung, dass wir in Deutschland kommunale Krankenhäuser brauchen. Das heißt aber auch: Es ist fatal, wenn ein kommunales Unternehmen wie die Geno über einen längeren Zeitraum ziemlich hohe Zuschüsse der öffentlichen Hand beanspruchen muss. Das darf nicht der Normalzustand sein. Wenn man diese Grundhaltung vertritt, führt das automatisch dazu, dass man alle Entscheidungen nicht nur unter medizinischen, sondern auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten trifft. Nur ein wirtschaftliches Unternehmen ist zukunftsfähig.

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Bei der Geno gibt es aber eher die Haltung: Wenn uns am Ende des Geschäftsjahres Geld fehlt, wird die Stadt uns schon nicht hängen lassen.

Diese Haltung ist zutiefst menschlich, aber sie ist nicht meine.

Sind Sie sich bewusst, wie begrenzt Ihr Aktionsradius ist? Es gibt in Bremen sehr viele Akteure, die gern ein Wörtchen mitreden bei der Gestaltung des Kliniksektors: die Fachpolitiker der Bürgerschaft, die Beiräte, die Arbeitnehmervertretungen, um nur die wichtigsten zu nennen.

Dessen bin ich mir durchaus bewusst, aber das ist in kommunalen Unternehmen normal. Man muss sich mit den Ansprüchen der Politik auseinandersetzen, in einem mitbestimmten Betrieb natürlich auch mit den Vorstellungen der Arbeitnehmervertretung, die eine wichtige Rolle spielt. Ich setze auf das Gespräch. Wenn wir der Politik etwas empfehlen aufgrund dieser und jener Erfordernisse, hoffen wir natürlich, dass dort unsere Einschätzung geteilt wird. Wenn die Politik dann etwas anderes entscheidet, müssen wir damit leben. Die Akteure müssen aber in jedem Fall wissen, welche Folgen ihre Entscheidung hat. Deshalb sind für mich Transparenz und Austausch sehr wichtig.

An den Strukturen der Geno und dem Profil ihrer vier Kliniken wird immer wieder gebastelt, oft ohne dass ein roter Faden erkennbar gewesen wäre. Beispiel Klinikum Ost. Dort hat man die Allgemeinchirurgie zuerst abgezogen, dann wieder zurückgebracht, dann sollte sie wieder abgezogen werden. Schafft man so ein Klima, in dem sich Klinikstandorte langfristig erfolgreich entwickeln können?

Vermutlich nicht. Vielleicht war manches nicht zu Ende gedacht. Große Entscheidungen müssen sorgfältig vorbereitet sein.

Im Gesundheitswesen gibt es einige Trends, auf die die Geno bisher erst in Ansätzen reagiert hat. Etwa bei der Ambulantisierung von Leistungen, die traditionell stationär erbracht wurden. Ein Feld, auf dem Sie Nachholbedarf sehen?

Wenn es um Leistungen geht, die bisher überwiegend von niedergelassenen Ärzten erbracht werden, muss man das sorgfältig überlegen, denn wir wollen ja partnerschaftlich mit diesen Praxen zusammenarbeiten und uns nicht als Konkurrenten betätigen. Dort, wo sich Versorgungslücken auftun, könnten wir uns ambulant betätigen. Das ist ein durchaus wichtiges Thema, aber das kann man sinnvollerweise nur im Dialog mit der Kassenärztlichen Vereinigung angehen, sonst hinterlässt man verbrannte Erde.

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In Fachkreisen hört man oft, dass sich die Geno schwer tut, neue Geschäftsfelder zu erschließen, auf denen sich Geld verdienen lässt. Stichwort: Kurzzeitpflege und andere nachstationäre Angebote für Entlasspatienten. Da sind andere große kommunale Klinikverbünde deutlich weiter.

Da werden wir einsteigen. Wir sollten uns bemühen, vom Eintritt des Patienten bis zur Versorgung nach seiner Entlassung alles abzubilden. Das Thema Kurzzeitpflege beschäftigt uns, denn wir stehen häufig vor dem Problem, dass Patienten, deren medizinische Versorgung eigentlich abgeschlossen ist, die Klinik noch nicht verlassen können. Das verursacht natürlich Kosten. Es ist also sinnvoll, dass wir eigene Angebote bei der Kurzzeitpflege machen.

Die Politik hat Erwartungen an Sie – zum Beispiel, dass die Geno-Geschäftsführung nicht dauernd als Bittsteller auf der Matte steht. Welche Erwartungen haben Sie umgekehrt an die Politik?

Unterstützung.

In welcher Form?

Zunächst einmal, indem man uns zuhört und die Belange dieses Unternehmens ernst nimmt. Im operativen Geschäft würde ich mir wünschen, dass man uns ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zugesteht, wenn wir unsere Maßnahmen gut begründen können. Ich habe an anderen Orten erlebt, dass das möglich ist. Angesichts der wirtschaftlichen Situation ist mir aber natürlich auch klar, dass von außen vieles hinterfragt wird. Es ist deshalb an uns als Gesundheit Nord, eine Trendwende und damit auch Vertrauen in unser Handeln zu schaffen.

Sind für Sie alle vier Geno-Standorte gesetzt?

Ja.

Die Politik spendiert Ihnen 2020 und 2021 jeweils einen Betriebskostenzuschuss von 15 Millionen Euro. Geld, das die freien Kliniken wie Diako oder St.-Joseph-Stift nicht bekommen. Brauchen und wollen Sie diese Alimentierung dauerhaft?

Nein. Es muss uns gelingen, davon unabhängig zu werden. Ein gesundes Krankenhaus sollte mittelfristig sogar etwas mehr als eine schwarze Null erwirtschaften, um Schwankungen ausgleichen zu können. Es muss uns gelingen, diese wirtschaftliche Stabilität zu erreichen und von Liquiditätsthemen wegzukommen.

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Mit diesem Ziel sind auch Ihre Vorgänger angetreten. Warum sollte Ihnen gelingen, woran sie scheiterten?

An erster Stelle steht immer der Patient – dennoch müssen wir bei Entscheidungen zu Veränderungen stets auch den wirtschaftlichen Nutzen im Blick haben. Wenn der nicht gegeben ist, werden sich bestimmte Vorhaben nicht realisieren lassen.

Sie haben von Ihren Vorgängern eine wirtschaftliche Planung übernommen, die für das Jahr 2024 eine Rückkehr in die schwarzen Zahlen vorsieht. Halten Sie daran fest?

Was schneller geht, ist schön, aber 2024 sollte erreichbar sein.

Info

Zur Person

Dorothea Dreizehnter (55) hat zum 1. September den Vorsitz der Geschäftsführung der Gesundheit Nord (Geno) übernommen. Die promovierte Internistin bringt langjährige Leitungserfahrung im Gesundheitswesen mit. Vor ihrem Wechsel war sie Geschäftsführerin des kommunalen Verbunds Kliniken Frankfurt-Main-Taunus und des Klinikums Frankfurt-Höchst.

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