Gebärdensprache im Bremer Senat

Barrierefrei dank Corona

Erstmals werden Pressekonferenzen des Bremer Senats auch in Gebärdensprache übersetzt - Anstoß war die Pandemie. Für Gebärdensprachdolmetscherin Nicole Braun steht fest: Das ist erst ein Anfang.
07.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Barrierefrei dank Corona
Von Elena Matera
Barrierefrei dank Corona

Nicole Braun ist vor gut 20 Jahren bei einem Auslandsjahr als Schülerin in den USA mit der Gebärdensprache in Kontakt gekommen.

Frank Thomas Koch

Die linke Hand ist zur Faust geballt, dahinter sind die gespreizten Finger der rechten Hand zu sehen – das deutsche Gebärdenzeichen für das Corona-Virus. Das Zeichen kann zum einen die Form des Virus mit der stacheligen Struktur darstellen, zum anderen eine Weltkugel, auf der sich die Pandemie ausbreitet, symbolisiert durch die ausgestreckten Finger, erklärt Gebärdensprachdolmetscherin Nicole Braun. Der Interpretationsspielraum sei da offen. „Das Zeichen ist neu, es muss sich erst noch etablieren“, sagt sie.

Das Gebärdenzeichen für Corona setzt die gebürtige Bremerin momentan oft ein. Seit Mitte März übersetzt sie mit anderen Gebärdensprachdolmetschern die Pressekonferenzen des Bremer Senats. Ein Novum, denn erst durch die Corona-Krise ist dieses Angebot für gehörlose Menschen entstanden. Der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück hat die Initiative ins Leben gerufen. Aufgrund zahlreicher Kritik im Internet von Seiten der Gehörlosen haben er und sein Team sich dafür eingesetzt, dass die Informationen zur Corona-Pandemie für alle zugänglich sind – mit Erfolg. Am 17. März übersetzte der erste Gebärdensprachdolmetscher im Senat.

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Ein wichtiger Schritt, sagt Braun. „Es ist schade, dass er erst durch die Krise gemacht wurde.“ Andere Länder wie die Niederlande, Schweden oder die USA seien da bereits sehr viel weiter. Gebärdensprachdolmetscher seien dort im alltäglichen Geschehen und immer bei Pressekonferenzen oder anderen wichtigen Themen dabei. „Deutschland hinkt noch stark hinterher“, sagt die 47-Jährige.

Das sehe man auch an der Corona-Krise. Statements und Regierungsansprachen zum neuartigen Virus würden oft ohne Übersetzung in Gebärdensprache ausgestrahlt. Dabei ist Deutschland laut der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 dazu verpflichtet, offizielle Verlautbarungen in Gebärdensprache zu übersetzen. Rund 83.000 taube Menschen, schätzt der Deutsche Gehörlosen-Bund, leben derzeit in Deutschland – und diese wollen informiert werden. „Wir als Gebärdensprachdolmetscher schlagen eine Brücke zwischen der gehörlosen und der hörenden Gemeinschaft“, betont Braun.

Die Sprache für sich entdeckt

Die Bremerin arbeitet seit gut 20 Jahren als Gebärdensprachdolmetscherin. In einem Auslandsjahr in den USA während ihrer Schulzeit ist sie zum ersten Mal in Kontakt mit der US-amerikanischen Gebärdensprache gekommen. In der amerikanischen Highschool, die sie besuchte, gehörte es zur schulischen Ausbildung dazu, die Gebärdensprache kennenzulernen. Zurück in Bremen besuchte Braun während ihrer Abiturzeit Gebärdensprachkurse an der Volkshochschule. „Ich habe in der Zeit die Sprache für mich entdeckt und wollte unbedingt weiter mit ihr arbeiten.“ Sie studierte in Hamburg Gebärdensprache auf Diplom und kam zurück nach Bremen als Dolmetscherin.

Bei Kündigungsgesprächen, bei Arztbesuchen oder im Bremer Senat – Braun wird in vielen Lebenslagen als Dolmetscherin eingesetzt. „Es ist sehr spannend. Ich lerne viele Menschen, Firmen und Institutionen kennen und sehe damit die Höhen und Tiefen des Lebens“, sagt die 47-Jährige.

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Noch stünden gehörlosen Menschen in Deutschland zahlreiche Hürden im Weg – sei es bei einem spontanen Arzt- oder Behördenbesuch, bei Situationen im Arbeitsleben, im Kino, beim Fernsehen oder auf Pressekonferenzen. „Es müsste endlich normal werden, dass nicht nur alles im Fernsehen oder im Kino untertitelt ist, sondern vielmehr das aktuelle Zeitgeschehen mit Gebärdensprachdolmetschen gesendet wird“, sagt Braun. Nicht nur während Krisenzeiten sollten Informationen barrierefrei zugänglich gemacht werden, fordert sie.

Untertitelung selbstverständlich

In anderen Ländern sei die Untertitelung bereits selbstverständlich. „Das kommt ja nicht nur den Gehörlosen zugute, sondern auch Menschen mit Gehörproblemen und denjenigen, die spätertaubt sind.“

Ein weiterer Schritt in Richtung Barriere-Abbau wäre es, in allen Schulen die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Fach oder AG anzubieten. In einigen Bundesländern wird das bereits angeboten, etwa in Hessen. „Die Sprache ist wie Englisch oder Spanisch am besten mit Muttersprachlern zu lernen“, sagt Braun. „Nur eben in 3D.“ Die Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002 eine gesetzlich anerkannte Sprache. Eine Besonderheit: Man kann in kein Land reisen, um die Kenntnisse zu vertiefen. „Wichtig ist der Kontakt mit den Menschen der Gebärdensprachgemeinschaft vor Ort“, sagt Braun.

Die Übersetzung der Pressekonferenzen im Senat ist laut Braun ein erster Schritt. Doch immer wieder komme es vor, dass die Kamera dann doch zu schnell wegschwenke. „Ich bin dann noch mit der Verdolmetschung des letzten Beitrags beschäftigt, aber nicht mehr im Bild zu sehen“, sagt Braun. Die Kritik im Internet sei dann dementsprechend groß. „Es ist so, als würde man den Fernseher plötzlich komplett stumm schalten.“

Die 47-Jährige hofft, dass in Zukunft mehr auf solche Details geachtet wird. „Es ist neu. Alle müssen noch lernen, wie es funktioniert. Fehler passieren eben am Anfang“, sagt sie. Die Dolmetscherin wünscht sich, dass das Angebot für Gehörlose im Senat aufrechterhalten bleibt, auch nach der Pandemie. Die Bürgerschaft arbeite an einem Konzept, wie künftig Themen von Bedeutung von gehörlosen Personen wahrgenommen werden können. „Das sind Fortschritte. Wir hoffen, dass dann die Behindertenrechtskonvention in diesem Bereich nach so langer Zeit endlich umgesetzt wird.“

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