Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te

"Das Thema steht endlich oben auf der Agenda"

In Bremen wird einiges für Alleinerziehende getan, aber es könnte mehr sein, fordert Andrea Quick von der bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau im Interview.
20.07.2018, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silke Hellwig

Frau Quick, Bremen ist, was Alleinerziehende betrifft, im negativen Sinne Spitzenreiter. Das gilt vor allem für die Zahl der Ein-Eltern-Familien, die vollends auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Gibt es auch Positives, das man zur Lage der Alleinerziehenden in Bremen sagen kann?

Es ist richtig, dass die Zahl der alleinerziehenden Erwerbslosen hoch ist. Aber man muss auch festhalten, dass unter den arbeitenden Müttern der Anteil der alleinerziehenden sehr hoch ist.

Das heißt?

Das zeigt, dass Alleinerziehende traditionellen Rollenmustern weniger verhaftet sind. Manche sehen sich vielleicht dazu gezwungen, erwerbstätig zu sein, aber es gibt auch sehr viele, die arbeiten wollen, für sich selbst, für ihr Selbstwertgefühl, aber auch, um ihren Kindern ein Vorbild zu sein.

Kann man behaupten, dass das Land Bremen nach seinen Möglichkeiten viel für Alleinerziehende tut?

Man kann festhalten, dass das Thema endlich recht weit oben auf der politischen Agenda steht, wenngleich das sicher auch dem Druck von außen geschuldet ist. Die ZGF, die Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau, hat hartnäckig auf die sinkende Erwerbstätigkeit von Alleinerziehenden hingewiesen. Seit gut zwei Jahren spielen die Bedürfnisse von Alleinerziehenden im Arbeitsressort eine größere Rolle als zuvor. Seither wird eine ganze Menge getan. Manches lebt wieder auf, wie das Netzwerk für Alleinerziehende, das es schon einmal gab, aber aufgegeben wurde, als die Bundesförderung auslief. In Bremerhaven existiert ein solches Netzwerk unter Mitarbeit der ZGF seit 2012.

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Wird das Ihrer Einschätzung nach reichen, um die Lebenssituation von Alleinerziehenden zu verbessern und – als ein Teil – die Erwerbsquote der Alleinerziehenden zu steigern?

Das Netzwerk soll den Austausch zwischen arbeitsmarktpolitischen Dienstleistern und Trägern sowie den Senatsressorts organisieren und die Anstrengungen bündeln. Die zentralen Themen sind: Kindesunterhalt, Wohnen, Gesundheit, Berufsqualifikation/Arbeit und Kinderbetreuung. Wenn ein Projekt wie VIA – Vermittlung und Integration von Alleinerziehenden in Arbeit – 200 Alleinerziehende erreicht, qualifiziert und in Arbeit bringt, hat das auf die Quote vielleicht keine durchschlagende Wirkung. Aber für jede einzelne Frau und für jeden einzelnen Mann, der teilnimmt, ist das ein großer Erfolg. Außerdem kann man darauf hoffen, dass das Projekt über vier Jahre hinaus fortgeführt und auf andere Stadtteile ausgedehnt wird. Nach und nach wird sich dann auch die Quote verändern. Es ist ein Prozess der kleinen Schritte.

Sind Bremens Arbeitgeber aus Ihrer Sicht besonders aufgeschlossen gegenüber den Bedürfnissen Alleinerziehender?

Sagen wir so: Es gibt Luft nach oben. Es gibt Vorzeige-Firmen wie die Bremer Straßenbahn AG, die sich sehr bemühen, Alleinerziehenden entgegenzukommen. Auch in Krankenhäusern gibt es Schichtmodelle, die die Bedürfnisse Alleinerziehender berücksichtigen. Hier und da existieren aber weiterhin gewisse Vorurteile. Man vermutet, dass man nicht so auf sie zählen kann wie auf andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Das ist natürlich Unsinn. Unserer Meinung nach müsste und könnte noch viel mehr passieren, auch in staatlichen Gesellschaften und Eigenbetrieben. Was Unternehmen angeht, wäre schon viel getan, wenn sich mehr Firmen zusammentäten, um Betriebskindergärten einzurichten.

Bremen gilt wegen seiner Struktur und der legendär kurzen Wege als ideales Testfeld, um bei der Suche nach Lösungen neue Wege einzuschlagen. Wird diese Chance für Alleinerziehende genutzt?

Ich finde, sie wird noch nicht genug genutzt. Es gibt viele Pläne und gute Ideen, aber es dauert, bis sie angegangen oder umgesetzt werden. Dabei geht es nicht nur darum, Alleinerziehende zu einem Beruf und einer guten Arbeit zu verhelfen. Es geht um mehr: In der bundesweiten Konkurrenz um Fachkräfte ist Familienfreundlichkeit ein wesentlicher Faktor. Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zeigt mit seinem Familienbüro, seiner Kinderkrippe, seinem Kinder- und Ferienprogramm beispielsweise, was man tun kann, um Fachkräfte nach Bremerhaven zu ziehen. Man muss sich schon fragen, warum sich in den Branchen, die sehr unter Fachkräftemangel leiden, nicht schon viel mehr getan hat, um Alleinerziehende für sich zu gewinnen. Da gibt es noch große Möglichkeiten, dass von Bremen mehr Leuchtkraft ausgeht.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Andrea Quick ist Referentin für Frauen in Arbeit und Wirtschaft bei der bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau.

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