Petition zur Pflege Neubewertung der Betreuung von Sterbenskranken in Bremen

Mark Castens hat sich mit einer Petition dafür eingesetzt, dass die Versorgung todkranker Menschen in der Kurzzeitpflege neu bewertet wird. Nun hat der Petitonsausschuss eine Entscheidung gefällt.
26.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Neubewertung der Betreuung von Sterbenskranken in Bremen
Von Lisa-Maria Röhling

Der letzte Weg ist seine Mission geworden. Seit vielen Jahren setzt sich der Bremer Mark Castens für eine bessere Betreuung todkranker Menschen ein, mit einer Petition hat er bereits erreicht, dass die Zahl der Hospizplätze per Bundestagsbeschluss erhöht wurde. Nun hat Castens wieder Erfolg: Seine Forderung, die Palliativversorgung in der Kurzzeitpflege zu verbessert, hat der Bremer Petitionsausschuss zur Beratung an den Landespflegeausschuss überwiesen.

Castens' Einsatz für einen würdigen Tod hat vor zehn Jahren begonnen: Seine Mutter war unheilbar an Krebs erkrankt, auf einen Hospizplatz wartete die Familie vergebens. Immer wieder sei seine Mutter zwischen dem Krankenhaus und zu Hause hin und her geschoben worden, beschreibt er. Auch ein Platz in der Kurzzeitpflege für die todkranke Frau sei im Gespräch gewesen.

Lesen Sie auch

Für Castens war das der Auftakt für eine Lebensaufgabe: Er recherchierte über die Situation der Hospize, über Pflegeschlüssel, über die Kurzzeitpflege. Schließlich wandte er sich an die Bürgerschaft und das Gesundheitsressort, dann ging alles ganz schnell. Seine Mutter bekam einen Hospizplatz. „Da dachte ich mir: Jetzt erst recht“, sagt er. Mit seiner ersten Petition für mehr Hospizplätze bewirkte er bundesweite Veränderungen.

Bei dieser Petition ist es nicht geblieben. Castens hilft als erster Vorsitzender des Vereins Lebenswunsch Sterbenskranken, ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Doch auch die Problematik der Kurzzeitpflege ließ ihn nicht mehr los: Weil Hospizplätze weiterhin rar seien, müssten viele Sterbenskranke vorübergehend diese Betreuung in Anspruch nehmen. Laut Castens sterben viele Betroffene noch während sie auf einen Hospizplatz warten.

Lesen Sie auch

Eine Studie der Hochschule belege, dass dies jeden Zehnten treffe. Für ihn völlig inakzeptabel: In palliativen Einrichtungen sei mit einem Personalschlüssel von zwei Hauptamtlichen auf acht Gäste eine ganz andere Versorgung vorgesehen als in Pflegeeinrichtungen. Das größte Problem sei aber die Finanzierung: Während Sterbende in Hospizen nicht selbst für die Betreuung aufkommen müssten, sei in der Kurzzeitpflege oft einen Eigenanteil zu zahlen. Im schlimmsten Fall bedeute dies, dass Betroffene Sozialhilfe beantragen müssten. Das sei gerade für Menschen ohne Familie ein Problem. „Für sie ist das gar nicht umsetzbar“, kritisiert Castens.

Und dann habe ihm der Senat „eine Steilvorlage“ geliefert. Im April 2017 beantwortete die damalige Landesregierung mehrere Fragen der CDU-Fraktion zum Stand der Hospiz- und Palliativversorgung in Bremen. Darin stand dieser Satz: „Solange die Versorgung in einem Hospiz nicht erfolgen kann, ist die Versorgung durch andere Angebote sicher zu stellen. Dies kann neben Krankenhaus und Kurzzeitpflege auch die ambulante Hospizversorgung in der eigenen Wohnung sein.“ Ein Grund für Castens, nachzubohren.

Lesen Sie auch

Denn oft könnten Pflegekräfte in der Kurzzeitbetreuung todkranken Menschen nicht die Zeit und Zuwendung schenken, die sie benötigten, sagt er. Viele überwiesen dann die Palliativpatienten wieder zurück ins Krankenhaus, damit zumindest ihre Symptome behandeln werden könnten. „Ich dachte, wenn die Kurzzeitpflege als Alternative zu Hospizen gesehen wird, dann kann man sich ja auch für bessere Bedingungen einsetzen.“ Also reichte er erneut eine Petition ein, um die Frage zu klären, wie es dem Personal in der Kurzzeitpflege leichter gemacht werden kann, sich um sterbenskranke Menschen zu kümmern, ohne an ihre Belastungsgrenzen zu kommen.

Zunächst blieb der Erfolg aus: In einer Stellungnahme zu seiner Petition wies das Sozialressort das Anliegen zurück. „Die Aufgabe der Kurzzeitpflege ist es, Menschen zu mobilisieren, zu aktivieren und auf die Rückkehr in die eigene Häuslichkeit vorzubereiten“, begründete das Sozialressort 2018 die Entscheidung. Für die Pflege und Betreuung von Menschen auf ihrem letzten Weg seien die Hospize vorgesehen. Deshalb seien die beiden Einrichtungen nicht gleichzusetzen.

Lesen Sie auch

Der Petitionsausschuss blieb an Castens' Vorstoß dran und empfahl, die Thematik in die kommende Legislaturperiode zu vertagen. „Das war beeindruckend“, sagt Castens heute. „Es hätte ja auch vom Tisch gewischt werden können.“ Wurde es aber nicht. Castens bekam in mehreren Anhörungen selbst die Möglichkeit, sein Anliegen vorzubringen, auch das Wissenschafts- und das Sozialressort bewerteten den Vorstoß neu.

In der vergangenen Woche dann bekam Castens Post: „Die Situation der Kurzzeitpflege muss dringend der Realität angepasst werden“, heißt es im Schreiben des Petitionsausschusses. Deshalb wird die Sache jetzt an den Landespflegeausschuss überwiesen. Der Senat gibt an, eine Arbeitsgruppe gründen zu wollen, um die Bedingungen für die Kurzzeitpflege zu verbessern, auch auf Bundesebene will sich die Landesregierung dafür einsetzen.

„Ich bin sehr dankbar“, sagt Castens. „Das ist ein Zeichen, dass unsere Demokratie funktioniert.“ Er hofft, dass der Landespflegeausschuss zunächst die Zuzahlungen für Palliativpatienten in der Kurzzeitpflege abschafft. Und danach müsse man sehen. Seine Mission für einen guten letzten Weg, die ist für Castens noch nicht beendet.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+