Märkte sollen Lebensmittel spenden

Geplante Bundesratsinitiative sorgt in Bremen für geteiltes Echo

Die Hamburger Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) will Supermärkte verpflichten, noch genießbare Lebensmittel zu spenden. In Bremen wird der Vorschlag unterschiedlich aufgenommen.
10.08.2019, 20:01
Lesedauer: 4 Min
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Geplante Bundesratsinitiative sorgt in Bremen für geteiltes Echo
Von Elena Matera
Geplante Bundesratsinitiative sorgt in Bremen für geteiltes Echo

Supermärkte sollen noch essbare Lebensmittel künftig nicht mehr in den Abfall werfen, sondern an Hilfsorganisationen abgeben müssen – das könnte bald per Gesetz geregelt sein.

Karmann/dpa

Der Vorstoß von Hamburgs Verbraucherschutzsenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), Supermärkte zu einer Spende von noch genießbaren Lebensmitteln zu verpflichten, sorgt in Bremen für ein geteiltes Echo. Die designierte Verbraucherschutzsenatorin Claudia Bernhard (Linke) befürwortet den Vorschlag. „Alle vernunftbegabten Bundesländer sollten dem zustimmen“, sagt sie. Tonnen von noch genießbaren Lebensmitteln würden derzeit weggeworfen. Das sei ein untragbarer Zustand. „Das sind Lebensmittel, keine Abfälle. Ich finde es gut, wenn wir endlich dagegen angehen“, fordert die Linken-Politikerin.

Prüfer-Storcks hatte kürzlich angekündigt, mit einer Bundesratsinitiative gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen zu wollen. Supermärkte sollen demnach künftig verpflichtet werden, mit Hilfsorganisationen wie beispielsweise der Tafel zusammenzuarbeiten. Dies soll auf Bundesebene gesetzlich geregelt werden. Mit ihrem Vorstoß orientiert sich Prüfer-Storcks an Ländern wie Frankreich. Dort kooperiere bereits jeder Supermarkt mit Hilfsorganisationen. „Mit Freiwilligkeit kommt man nicht weiter“, sagt auch Bernhard. „Eine gesetzliche Regelung ist eine gute Möglichkeit, um endlich die Supermärkte zur Spende zu bewegen.“ Nach Angaben der Bremer Tafel beteiligen sich aktuell gut 160 verschiedene Geschäfte als freiwillige Spender von Lebensmitteln.

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Die Bremer Verbraucherschutzzentrale steht dem Vorschlag aus Hamburg dagegen kritisch gegenüber. „Die Motivation ist gut. Ein solches Gesetz wäre dennoch nicht sinnvoll“, sagt Sonja Pannenbecker. Die Lebensmittelverschwendung werde damit nicht eingedämmt und das eigentliche Problem nicht bekämpft. „Es darf gar nicht erst zu einem solchen Übermaß an Lebensmitteln kommen“, sagt Pannenbecker. Nach Angaben des Bundeszentrums für Ernährung werfen die Deutschen elf Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weg – vieles davon sei noch essbar. Uwe Schneider von der Bremer Tafel argumentiert ähnlich wie die Verbraucherschützerin. „Die Hamburger Bundesratsinitiative setzt am falschen Ende an. Ziel muss es sein, dass Lebensmittel vom Handel gar nicht erst über den Bedarf hinaus produziert werden“, sagt er. „Es wäre gut, wenn noch mehr Geschäfte in Bremen freiwillig spenden und an uns herantreten würden.“

Supermärkte sollen besser planen

Laut Pannenbecker wäre ein erster sinnvoller Schritt für den Handel: eine bessere Planung. „Supermärkte bestellen viel zu viele Lebensmittel.“ Gemüse- und Obstregale seien stets gefüllt. „Der Bereich soll eben gut aussehen. Das verführt die Leute zum Einkaufen.“ Doch gerade Obst und Gemüse seien auch schnell verderblich. Das treffe auch auf Backwaren wie Brot zu. Die Folge: Am Ende des Tages landeten die noch genießbaren Produkte in der Tonne. Das müsse sich ändern. „Notfalls heißt es eben: Das ist heute nicht mehr da“, sagt Pannenbecker. Supermärkte sollten aus Sicht der Verbraucherschützerin außerdem ihre Qualitätsanforderungen überdenken. „Krummes oder beschädigtes Gemüse kann trotzdem verkauft werden“, sagt sie. Es sehe vielleicht nicht ganz so gut aus, sei aber qualitativ einwandfrei. Auch das frühe Aussortieren der Lebensmittel sei problematisch. Bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum könnten die Produkte ohne Bedenken verkauft werden. Viele Menschen wüssten das nicht.

„Die Qualität ist bis zu diesem Zeitpunkt einwandfrei und meistens auch noch mehrere Tage danach“, sagt Pannenbecker. Einige Supermärkte würden bereits Produkte, die kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen, reduziert anbieten. „Das ist eine gute Maßnahme“, sagt die Bremer Verbraucherschützerin. Eine gute Möglichkeit sei es vor allem auch, Regale in den Supermärkten mit Lebensmitteln aufzustellen, die bald ablaufen. Diese Lebensmittel könnten verschenkt werden. Verbesserungsbedarf gebe es auch in Schulküchen: Gut 25 Prozent der Lebensmittel dort würden entsorgt, weil es Planungsfehler gebe.

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Auch Kunden sollten sich besser organisieren und nur die Lebensmittel einkaufen, die sie in den nächsten Tagen verzehren, fordert Schneider von der Bremer Tafel. „Die Hälfte aller überschüssigen Lebensmittel werden durch die privaten Haushalte vernichtet.“

Bei einer Abgabepflicht lande der Abfall bei den Hilfsorganisationen

Mit der angekündigten Hamburger Bundesratsinitiative gibt es laut der Bremer Verbraucherschutzzentrale noch weitere Probleme. Wenn Supermärkte verpflichtet würden, Lebensmittel abzugeben, könnten sie sich besonders schlechte Produkte aussuchen, die sie dann abgeben. „Dann würde der Abfall letztendlich bei den Hilfsorganisationen landen“, sagt Pannenbecker. Eine freiwillige Spende bedeute hingegen immer auch eine Wertschätzung für das Produkt. Auch die Organisation sei ein Problem: Die Bremer Tafel werde etwa von Ehrenamtlichen geleitet. Eine Überflutung mit Lebensmitteln könne die Helfer leicht überfordern. Benötigt würden entsprechend große Kühlschränke, viel Platz im Lager und Personal, das die Lebensmittel am Ende auch verteile.

Ähnlich sieht das die Bremer Tafel. „Bei einer Pflicht zur Weitergabe von Lebensmitteln sehe ich die Gefahr, dass die Tafeln schnell zum Entsorger des Handels werden“, sagt Schneider. „Spendende Händler müssen sich vorab ein Bild über die Produkte machen. Wir können nur Waren gebrauchen, die auch für den Verzehr geeignet sind.“

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Schneider begrüßt es indes, dass sich der Bremer Senat des Themas Lebensmittelverschwendung annehme. Statt einer gesetzlichen Verpflichtung zur Lebensmittelspende schlägt er aber Aktionstage vor, um weitere Geschäfte zum Spenden zu animieren. „Eine konkrete Pflicht, sollte es aber nicht geben“, betont er.

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