Lehrermangel an Bremer Schulen Gewerkschaft zweifelt Zahlen der Bildungsbehörde an

An Bremens Schulen fehlen ausgebildete Lehrkräfte. Die Bildungsgewerkschaft GEW hält die Personallücke für doppelt so groß wie von der Bildungsbehörde benannt.
13.11.2018, 20:28
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Gewerkschaft zweifelt Zahlen der Bildungsbehörde an
Von Sara Sundermann

Die Bildungsgewerkschaft GEW geht davon aus, dass an Bremer Schulen doppelt so viele Lehrkräfte fehlen wie die Behörde angibt. Nach Angaben der Bildungsbehörde waren zu Beginn des Schuljahres im August 50 Stellen an allgemeinbildenden Schulen in der Stadt nicht besetzt, diese Zahl ist auch laut Behördensprecherin Annette Kemp weiterhin zutreffend. Die GEW Bremen dagegen ist der Auffassung, dass im August bereits 110 Lehrerstellen unbesetzt waren und zuletzt Ende Oktober sogar 127 Stellen.

Die Gewerkschaft stützt sich dabei nicht auf eine eigene Erhebung an den Schulen, sondern auf interne Zahlen der Behörde zur Unterrichtsversorgung. Sie interpretiert diese Zahlen aber deutlich anders. „Wir würden uns wünschen, dass die Zahl, die die Behörde nennt, stimmt, aber wir gehen davon aus, dass der Lehrermangel deutlich größer ist“, sagt GEW-Landesvorstandssprecherin Ina von ­Boetticher. „Wir finden, dass die dramatischen Ausmaße offen benannt werden sollten.“

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Weshalb aber kommt die Gewerkschaft zu einer deutlich anderen Zahl? „Bei der Bildungsbehörde war man wohl sehr optimistisch und hat die Lehrkräfte schon voll mit eingerechnet, die man noch nicht eingestellt hat, mit denen man aber in Gesprächen für eine Einstellung im Laufe des Schuljahres war“, sagt von Boetticher. Weitere Gründe für die aus Sicht der GEW doppelt so große Lücke sieht sie darin, dass weniger Vertretungslehrkräfte beim Verein Stadtteilschule eingestellt worden seien als geplant. Zudem stünden viele Referendare, deren Einsatz an der Tafel in Bremens Schulen auch während der Ausbildungszeit gebraucht wird, noch am Anfang der Ausbildung – und im ersten Schulhalbjahr ihres Referendariats sollten sie normalerweise nicht unterrichten, so die GEW-Sprecherin.

Bildungsbehörde widerspricht

Die Fachleute der Bildungsbehörde widersprechen der Darstellung der GEW: In der Tat seien im August die Besetzungsverfahren für 60 Stellen noch nicht abgeschlossen gewesen. Danach seien aber tatsächlich auch 60 Lehrkräfte eingestellt worden, sagt Behördensprecherin Annette Kemp. Dies werde von der GEW und vom Personalrat Schulen „völlig negiert“, so Kemp. Sie spricht von einem „Kardinalfehler“, den die Gewerkschaft bei der Berechnung begehe.

Klar ist jenseits des Streits um die Dimensionen der Lücke: Lehrermangel ist ein Thema in Bremen. Und die Schulen sind davon unterschiedlich stark betroffen. Gerade Schulen im Bremer Westen haben es schwerer, Lehrkräfte anzulocken – denn Lehrer haben in Zeiten des Mangels die Wahl, wo sie sich bewerben und viele unterrichten lieber in Mitte als in einem Randgebiet. Schulen, denen es nicht gelingt, ihre offenen Stellen mit ausgebildeten Lehrern zu besetzen, setzen auf Vertretungskräfte, die meist kein Referendariat haben. Im Westen bestehen laut GEW zum Teil zehn Prozent der Schulkollegien aus nicht voll ausgebildeten Kräften. „Es geht da nicht um kurzfristiges Aushelfen für erkrankte Kollegen oder für eine Schwangerschaftsvertretung, sondern ganz oft um Langzeitvertretungen“, sagt von Boetticher.

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Lösungsvorschläge, die kurzfristig Abhilfe schaffen könnten, hat auch die GEW nicht. Die Gewerkschaft fordert zwar mehr zentrale Steuerung, damit Schulen in benachteiligten Stadtteilen „nicht ausbluten“, lehnt aber zugleich Zwangsversetzungen von Lehrkräften ab. Bislang verzichtet Bremen darauf, Lehrkräfte an Schulen zu versetzen, an denen der Mangel besonders groß ist. Immerhin wurde zuletzt ein zentraler Pool bei der Behörde eingerichtet: Ausgebildete Lehrer, die sich in Bremen bewerben, aber keine Wunschschule benennen, schickt die Behörde an Schulen, die besonders dringend Lehrer brauchen.

Bildungsbehörde hat die Lehrerausbildung verstärkt

Bislang ist die Dimension dieses zentralen Pools aber äußerst überschaubar: Gerade einmal gut ein Dutzend Lehrkräfte wurde laut Behörde auf diese Weise bislang an Schulen entsandt. Daneben gibt es weitere Werkzeuge, auf die Bremen setzt, um den Lehrermangel zu beheben. Das wohl wichtigste: Die Bildungsbehörde hat die Lehrerausbildung in den vergangenen Jahren verstärkt und die Zahl der Referendare kräftig aufgestockt. Derzeit gibt es 600 Referendare an den Schulen der Stadt. Diejenigen, die sich im ersten Ausbildungsjahr befinden, sollen laut Behörde im ersten Schulhalbjahr „idealtypisch nicht unterrichten“, der Einsatz an der Tafel sei aber nach individuellen Absprachen mit der jeweiligen Schulleitung doch zum Teil möglich, so Kemp.

Mehr Lehrkräfte auszubilden, war zuvor schon länger eine Forderung von GEW und Personalrat. Behörde und Personalrat einigten sich auf die Aufstockung der Ausbildung, im Gegenzug stimmte der Personalrat dem verstärkten kurzfristigen Einsatz von nicht fertig ausgebildeten Lehrkräften zu, damit der Schulbetrieb nicht zusammenbricht. Auch die GEW ist der Ansicht, dass die Zahl der Referendare nicht noch mehr aufgestockt werden könne – noch mehr Referendare als jetzt könnten die Schulen und auch das Landesinstitut für Schulen (LIS) derzeit gar nicht ausbilden.

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Die Behörde versucht auch, pensionierte Lehrer zu überzeugen, über das Rentenalter hinaus weiter zumindest stundenweise zu unterrichten. Zum Schuljahresstart waren 46 Pensionäre im Einsatz.

Eine Forderung der GEW lautet: Behörde und Schulleitungen müssten flexibler und kreativer werden bei der Gestaltung von Teilzeitarbeit. Schulkollegien in Bremen sind vergleichsweise jung – das bedeutet auch, dass viele Lehrkräfte sich in der Familiengründungsphase befinden und in Teilzeit arbeiten. Bremen versucht bereits, Teilzeitkräfte zu überzeugen, ihre Stundenzahl aufzustocken. Doch auch Teilzeitlehrer müssten oft weiter an sämtlichen Schulkonferenzen teilnehmen, so die GEW. Dabei brauche nicht jeder bei allen Teambesprechungen dabei zu sein, sagt von Boetticher – oft reiche zum Beispiel die Teilnahme an Gesamtkonferenzen aus, die Infos aus anderen Besprechungen könnten Kollegen selbst einholen. Für solche Wege ist die Bildungsbehörde laut Sprecherin Kemp offen – und Schulleitungen versuchten schon jetzt, hier individuell gute Lösungen zu finden.

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Zur Sache

Weniger Schulanfänger

Die Zahl der Schulanfänger in Bremen und Niedersachsen ist deutlich gesunken. Zu Beginn des Schuljahres 2018/2019 wurden nach vorläufigen Ergebnissen in Niedersachsen rund 68 000 Mädchen und Jungen eingeschult. Dies seien 2,7 Prozent weniger als im Vorjahr, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mit. Auch in Bremen sank die Zahl der Erstklässler überdurchschnittlich stark um 2,2 Prozent auf 5600. Bundesweit ging die Zahl der neu eingeschulten Kinder geringfügig um 0,2 Prozent auf rund 726 400 zurück.

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