Bremens Bildungssenatorin im Interview

"Wir benötigen jede Lehrkraft"

Der Lehrermangel setzt einigen Schulen massiv zu. Im Interview erklärt Bremens Bildungssenatorin, wie man künftig mehr Fachkräfte gewinnen will und welche Maßnahmen im Notfall nötig werden.
08.06.2018, 05:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Kristin Hermann
"Wir benötigen jede Lehrkraft"

Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan sucht händeringend nach ausgebildeten Lehrern und jenen, die es werden wollen.

Frank Thomas Koch

Frau Bogedan, Sie stehen kurz davor, erstmals Lehrkräfte zu versetzen, weil die Unterversorgung an einigen Schulen zu groß wird. Rechnen Sie da nicht mit großem Widerstand?

Claudia Bogedan: Der Personalmangel verteilt sich momentan sehr ungleichmäßig über die Stadt hinweg. Alles, was außerhalb des Zentrums liegt, ist schwierig zu besetzen. Wir haben die Verantwortung, das auszugleichen. Wenn es uns in den kommenden Wochen nicht gelingt, die offenen Stellen zu besetzen, werden wir Gespräche führen müssen und Lehrkräfte bitten, auch an anderen Schulen zu arbeiten. Anders als andere Bundesländer haben wir das bisher nicht machen müssen und ein solcher Austausch soll das letzte Mittel bleiben. Mein Eindruck ist, dass man auf die Solidarität der Lehrerkräfte vertrauen kann.

An der Universität wird bereits konkret über die Abordnung gesprochen. Macht es wirklich Sinn, die einen Löcher zu stopfen und damit gleichzeitig woanders neue aufzureißen?

Allein durch Zuwanderung haben wir in den vergangenen Jahren etwa 7000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler in das Bildungssystem aufgenommen. Zwar haben wir die Ausbildungskapazitäten erhöht, aber wir sind in einer Situation, wo wir jede ausgebildete Lehrkraft im Unterricht benötigen. Natürlich muss die Lehrerausbildung auch weiterhin gut vonstattengehen, doch wir müssen jetzt kritischer prüfen, als in der Vergangenheit. Ein Forschungsprojekt, das vielleicht in sechs Jahren wichtige Erkenntnisse liefert, ist auf der Prioritätenliste nicht auf Platz 1. Wir werden hoffentlich einen Kompromiss hinbekommen.

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Im Kampf um Lehrer schneidet Bremen im Vergleich zu anderen Bundesländern eher schlecht ab, weshalb sich die SPD für eine bessere Bezahlung von Grundschullehrern einsetzt. Kann sich Bremen das überhaupt leisten?

Bremen als Haushaltsnotlageland kann nicht das erste Bundesland sein, das vorprescht. Trotzdem müssen wir dafür Sorge tragen, dass insbesondere die Lehrkräfte, die wir gerade ausbilden, nicht durch attraktivere Entlohnung in andere Bundesländer abgezogen werden. Ich gehe davon aus, dass wir demnächst als Senat über die Bürgerschaft beauftragt werden, ein Konzept vorzulegen.

Gibt es dafür schon konkrete Vorstellungen?

Das kann ich heute noch nicht sagen. Wir werden genau beobachten müssen, wie sich die anderen Bundesländer verhalten. Dadurch, dass Brandenburg die Besoldungsgruppe A 13 für Grundschullehrer bereits im Januar 2019 umsetzen möchte, geraten alle anderen Länder unter Druck. Für uns ist maßgeblich, was in Niedersachsen passiert, weil wir dorthin die meisten Lehrer verlieren. Deshalb werden wir uns stark daran orientieren müssen, wie man dort damit umgeht. Dazu gehört auch die Anzahl des Stundendeputats.

Haben Sie das Gefühl, dass Bremen mit den anderen Bundesländern mithalten kann?

Wir haben bereits im vergangenen Jahr maßgeblich auf den Fachkräftemangel reagiert und auch schon im jetzigen Haushalt Mittel festgehalten, um in diesem Jahr Maßnahmen zu starten. Da sind wir zum Teil eher dran als Niedersachsen. Für uns war es sehr wichtig, die Ausbildungskapazitäten hochzusetzen. Wir haben die Plätze für Referendare von 450 auf 600 ausgeweitet und außerdem neue Pfade geschaffen, wie man in den Schuldienst kommen kann, wenn man das nicht originär studiert hat.

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Wie viele Plätze wird es zu Beginn des Schuljahres für Seiteneinsteiger geben?

Mit Beginn des neuen Schuljahres werden zunächst 30 Seiteneinsteiger die Möglichkeit bekommen, auf ihre bestehende Ausbildung berufsbegleitend aufzubauen und schon in der Schule eingesetzt zu werden. Außerdem befinden wir uns in Gesprächen mit der Universität über ein weiteres Seiteneinstiegsprogramm. Zudem testen wir gerade in einem Modellversuch, ob Teilzeitkräfte durch eine individuellere Berücksichtigung ihrer Wünsche im Endeffekt mehr Stunden arbeiten können. Davon erhoffen wir uns sehr viel.

Sie haben außerdem vor einigen Wochen Pensionäre per Brief gebeten, in den Schuldienst zurückzukehren. Bisher ist der Rücklauf jedoch eher mau.

Wirklich interessant sind für uns diejenigen, die erst noch in Pension gehen und gerne verlängern würden. Nach der Bürgerschaftsdebatte vergangene Woche können Lehrer ihren Ruhestand nun freiwillig um bis zu fünf Jahre hinausschieben. Uns muss es gelingen, dass bei allen Schulkräften im Kopf verankert wird, dass sie hier dringend gebraucht werden. Das war jahrelang nicht der Fall.

Das eine ist die Strategie Lehrer nach Bremen zu holen, das andere die Zufriedenheit der jetzigen Lehrkräfte. Viele Mitarbeiter klagen über zu hohe Belastungen.

Wir haben für einige Schulen Entlastungen zur Verfügung gestellt. Die sind allerdings noch nicht vollumfänglich bei den einzelnen Lehrkräften angekommen, weil uns eben Personal fehlt, um diese Maßnahmen umzusetzen. Wir hatten eigentlich gehofft, dass sich aufgrund der Entlastungsstunden in den ausgewählten Schulen mehr Anwärter bewerben. Das hat bisher jedoch nicht so gefruchtet, wie wir uns das gewünscht hätten. Deswegen müssen wir jetzt auch über Versetzungen sprechen, damit die finanziellen Unterstützungen wirklich an den Schulen ankommen und Entlastungen greifen können.

Das Gespräch führte Kristin Hermann.

Info

Zur Person

Claudia Bogedan ist Sozialwissenschaftlerin und stammt aus Limburg an der Lahn. Sie ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen. Zuvor arbeitete die 43-Jährige bei der Hans-Böckler-Stiftung in Bonn. Die Sozialdemokratin ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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