Gegen ein Vollstudium Quante-Brandt befürwortet klinische Ausbildung von Ärzten in Bremen

Bald könnten künftige Ärzte in Bremer Krankenhäusern ausgebildet werden. Für ein Vollstudium seien jedoch erhebliche Investitionen nötig, so Quante-Brandt. Die CDU sieht eine "historische Chance" vertan.
16.01.2019, 21:27
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Quante-Brandt befürwortet klinische Ausbildung von Ärzten in Bremen
Von Sabine Doll

Wird Bremen neben anderen Universitätsstädten in Zukunft eine Anlaufstelle für Medizinstudenten? Die Debatte über die Ausbildung des dringend benötigten Ärztenachwuchses wird seit dem Frühjahr geführt. Knapp vier Monate vor der Bürgerschaftswahl ist am Mittwochabend die erste Weiche für ein künftiges Medizinstudium im Land Bremen gestellt worden.

Der Wissenschaftsausschuss und die Gesundheitsdeputation haben in einer gemeinsamen Sitzung beschlossen, dass die klinische Ausbildung von Medizinern – jener Teil, den die Ärzte in spe zum Ende ihres Studiums im Krankenhaus absolvieren – geprüft werden soll. Die Vertreter von CDU, FDP und Linken stimmten dagegen. Ab dem Wintersemester 2022/23 könnten die ersten Medizinstudenten ihre Ausbildung in den Kliniken beginnen.

Gegen ein Vollstudium

Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hatte zu Beginn der Sitzung ihre Position klargemacht: „Ich will aus meinem Herzen keine Mördergrube machen. Persönlich würde ich immer sagen, nur die klinische Ausbildung kann der richtige Anknüpfungspunkt sein.“ Damit sprach sich die Senatorin gegen ein Vollstudium aus – es würde erhebliche zusätzliche Investitionen erfordern, wie ihre ­Behörde bereits in einer „Meilensteinplanung“ formuliert hatte.

Viel Geld müsste bei einem Vollstudium etwa in zusätzliche Lehrgebäude an der Universität und in den Aufbau von Fachgebieten fließen. Bei der kostengünstigeren Variante würden die Studierenden den vorklinischen Teil beispielsweise an anderen Universitäten in der Region absolvieren. Auch Kooperationspartner im Ausland seien eine Option, aktuell gebe es Gespräche etwa mit einer Medizinfakultät in Lund in Schweden, sagte die Senatorin.

Anlass für die Pläne zu einem Medizinstudium ist der bundesweite Ärztemangel, der auch die Bremer Kliniken und Arztpraxen jetzt bereits trifft. Von einer Ausbildung vor Ort erhofft man sich den Effekt, dass in Bremen ausgebildete Ärzte in der Region bleiben. Dass nun ausschließlich die klinische Phase einer Medizinerausbildung geprüft werden soll, sorgte bei der Opposition für lautstarke Kritik. Erst kurz vor Ende der Sitzung war der Beschlusstext in der Behördenvorlage noch einmal geändert worden.

„Damit sind Sie Totengräber einer richtig guten Option. Sie zerstören eine historische Chance“, warf der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Rainer Bensch, der Senatorin und den rot-grünen Vertretern vor. „Das ist jämmerlich und schäbig, wenn man eine ergebnisoffene Diskussion ankündigt, die entsprechenden Konzepte aber dann von vornherein doch nicht prüfen will.“ Die CDU favorisiert den Aufbau eines Medizin-Vollstudiums inklusive universitärer Ausbildung. In einem eigenen Antrag an die Bürgerschaft hatten die Christdemokraten bereits eine Machbarkeitsstudie gefordert.

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Gemeinsames Konzept mit der Jacobs University

Zu der öffentlichen Sitzung in der Bürgerschaft waren auch Vertreter von Kliniken, Ärztekammer, der Krankenhausgesellschaft des Landes, der Jacobs University, Universität und Hochschulen geladen und um ihre Stellungnahmen gebeten worden: Die Geschäftsführerin des kommunalen Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), Jutta Dernedde, betonte, dass die Geno-Häuser die Voraussetzungen für eine Medizinerausbildung auch im Rahmen eines Vollstudiums ideal wären: „In vielen medizinischen Bereichen wird heute schon auf universitärem Niveau gearbeitet. Bereits jetzt werden Studierende im Praktischen Jahr insbesondere von den Universitäten Göttingen und Hamburg dort ausgebildet.“

Die Geno hatte mit der Jacobs University ein gemeinsames Konzept für ein Medizinstudium vorgestellt. Deutlich skeptischer stehen die Freien Kliniken einem Medizinstudium gegenüber: „Sie befürchten, dass mit einem solchen Projekt das Problem der seit Jahrzehnten zu geringen öffentlichen Übernahme der erforderlichen Investitionen in die Krankenhäuser weiter verschärft werden“, betonte der Geschäftsführer des Rotes Kreuz Krankenhauses, Walter Klingelhöfer.

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Zu den Freien Kliniken gehören außerdem das Diako, das St.-Joseph-Stift und die Roland-Klinik. „Angesichts des Kostenrisikos und anderer notwendiger Investitionen halten wir eine Medizinfakultät für nachrangig behandelbar.“ Sollten der Senat und die Bürgerschaft nach einer Prüfung die Entscheidung zum Aufbau einer Medizinerausbildung treffen, stünden die Freien Kliniken aber selbstverständlich bereit, sich einzubringen. Wie andere Experten in der Runde warnte Klingelhöfer, dass nicht nur Konzepte gegen Ärztemangel notwendig seien: „In der Pflege und in Hilfeberufen wird es noch viel rascher zu einem Mangel kommen.“

Die Präsidentin der Bremer Ärztekammer, Heidrun Gitter, betonte, dass die Kammer bereits im Rahmen der Zukunftskommission die Einrichtung eines Studiengangs Humanmedizin angeregt hatte. Sie forderte rasches Handeln: „Eine ausreichende Zahl und eine gute Qualifikation von Ärztinnen und Ärzten sichert nicht nur die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ab, sondern unterstützt auch den Wirtschaftsstandort Bremen nachhaltig und wesentlich.“

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