Auf Bremen und den Senat Schaffermahlzeit: Lesen Sie die Rede des Dritten Schaffers im Wortlaut

Der dritte Schaffer Max Roggemann hat bei der 476. Schaffermahlzeit in der Oberen Rathaushalle eine Rede auf Bremen und den Senat gehalten. Hier finden Sie die Rede im Wortlaut.
14.02.2020, 17:25
Lesedauer: 8 Min
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Erste Rede des Dritten Schaffers Max Roggemann - Auf Bremen und den Senat

Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen in der Freien Hansestadt Bremen.
Für mich als gebürtigen Bremer ist es eine große Ehre und Freude, an diesem besonderen Ort - der Oberen Rathaushalle - über Bremen und den Senat sprechen zu dürfen.
Unser Bremer Rathaus ist UNESCO Weltkulturerbe und - als Wahrzeichen unserer Stadt - der Stolz von uns Bremern.
Vor über 600 Jahren wurde dieses Rathaus erbaut. Die Obere Rathaushalle im gotischen Stil war seinerzeit eine der größten stützenlosen Hallen des Mittelalters in Norddeutschland. Die Größe ergab sich daraus, dass alle Bremer Bürger in ihr Platz finden sollten.
Ende des 16. Jahrhunderts folgten Umbauten durch den Architekten Lüder von Bentheim. Die anfangs schlichte Marktplatz-Fassade wurde im Stil der Weserrenaissance aufwendig saniert und erweitert. Vor etwas mehr als 100 Jahren gestaltete Heinrich Vogeler, der große Maler, Architekt und Designer, die Güldenkammer - hier zur Rechten - als eines der bedeutendsten Bauwerke des Jugendstils neu.
Ein Blick hinein lohnt sich!
Verehrte Gäste, wir Bremer sind zwar traditionsbewusst, gehen aber auch immer mit der Zeit.
Was die wenigsten von Ihnen wissen, ist die Tatsache, dass Sie sich hier im wahrscheinlich ältesten CO2 Speicher der Stadt befinden.
Wieso das, werden Sie sich fragen.
Im Rathaus sind in Dachstuhl, Vertäfelungen und Fußböden ca. 550 Kubikmeter Holz verbaut. Jeder Kubikmeter Holz speichert dauerhaft knapp eine Tonne CO2 und dies nun schon seit über 600 Jahren. Dieser Hinweis mag für den einen oder anderen etwas ungewöhnlich klingen, er sei mir als Holzhändler aber gestattet.
Somit haben wir schon viele Jahrhunderte aktiv Klimaschutz betrieben und waren damit der Zeit weit voraus.
Liebe Gäste, Sie merken spätestens heute, dass wir Bremer in vielerlei Hinsicht unsere Traditionen weiterleben und pflegen.
Als Hansestadt bilden Senatoren – und nicht wie in anderen Bundesländern Minister - unsere Regierung. Der Ministerpräsident heißt schlicht Bürgermeister. Eine echte Bremensie ist die Kontinuität in der Regierung.
Seit über 70 Jahren wird die Regierung von der SPD geführt, dies auch nach der Bürgerschaftswahl im vergangenen Jahr. Der Wahlsieger, die CDU, befindet sich in der Opposition. Die SPD stellt trotz eines historisch schlechten Ergebnisses unverändert den Bürgermeister. Vielleich ist auch das ein Weltkulturerbe.
Bremen hat eine große Geschichte und auch eine große Zukunft.
An dieser Stelle könnte ich trefflich über unsere Historie, das Linzer Diplom und die damit nochmalige Bestätigung der Unabhängigkeit Bremens im Jahre 1646, über die Gründung Bremerhavens und viele weitere wichtige Ereignisse referieren.
Dieser Versuchung möchte ich widerstehen und lieber auf das Hier und Heute eingehen!

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Bevor ich aber auf die Vorzüge unserer Heimatstadt zu sprechen komme, möchte ich alle Nicht-Bremer aufklären: Viele glauben, Bremen sei - als Nehmerland im Länderfinanzausgleich - ein armes Bundesland. Dieses stimmt so nicht. In einer Neuordnung des föderalen Finanzausgleiches im Jahr 1972 wurde festgelegt, dass Steuern am Wohnort und nicht mehr am Arbeitsort gezahlt werden. Über 42 % der in Bremen Beschäftigten haben ihren Wohnsitz außerhalb des Landes Bremen und zahlen somit Ihre Steuern in Niedersachsen.
Im Jahr 2019 pendelten täglich knapp 120.000 Menschen nach Bremen hinein und nur 52.000 aus Bremen heraus. Hätten wir dieses Pendlerverhalten nicht, wäre Bremen wahrscheinlich heute noch Geberland und nicht auf den Länderfinanzausgleich angewiesen. Dann würde es auch keine Diskussionen mehr über unsere Selbstständigkeit geben.
Bremen wird auch über seine Grenzen hinaus als lebenswerte Stadt wahrgenommen. Im jüngsten Niveau-Ranking der WirtschaftsWoche liegt Bremen in der Beurteilung der Lebensqualität deutlich im oberen Drittel, vor Städten wie München, Stuttgart oder Hamburg.
Auch viele Zugezogene lernen unsere Stadt kennen und lieben. Sie werden mit offenen Armen empfangen und wissen nach kurzer Zeit die Vorzüge dieser Stadt zu schätzen. Aus Fremden werden schnell Bremerinnen und Bremer.
So auch unsere Senatsmitglieder, denn nur ein Mitglied ist in Bremen aufgewachsen. Alle anderen Senatsmitglieder sind im Laufe ihres Berufslebens hierhergezogen, haben Bremen lieben gelernt, sind hier heimisch geworden und gestalten heute die Zukunft unserer schönen und lebenswerten Stadt.
Bekannt ist Bremen als Handels- und Hafenstadt. Handel und Hafen haben auch heute immer noch eine enorme Bedeutung und dies über Landesgrenzen hinaus. In Bremerhaven werden ca. fünf Millionen Standardcontainer sowie über zwei Millionen Automobile umgeschlagen. Im Neustädter Hafen befindet sich Europas größter Terminal für Stückgut.

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Mit dem Güterverkehrszentrum liegt Deutschlands größtes bzw. Europas zweitgrößtes Logistik-Gewerbegebiet mit Anbindung an Wasser, Schiene und Straße bei uns in Bremen. Verschweigen will ich in diesem Zusammenhang die Autobahn A281 nicht, von der nach über 40-jähriger Planungszeit erst zwei von vier Bauabschnitten fertiggestellt sind. Die komplette Fertigstellung ist leider nicht absehbar.
Neben dem Handel ist Bremen auch einer der größten Industriestandorte Deutschlands. In Bremen ist das zweitgrößte Daimler Benz Werk beheimatet, gleichzeitig das Lead Werk für die C- Klasse und neuerdings auch das Kompetenzzentrum für das E- Auto. Unser Bundesland ist stark in der Luft- und Raumfahrt.
Dem Strukturwandel geschuldet, wurde ähnlich wie in der Hamburger Hafencity in Bremen das Gebiet des ehemaligen Überseehafens vor über 20 Jahren umfunktioniert. Die Überseestadt ist heute ein moderner, lebendiger Stadtteil, in dem sich Wohnen, Büro und Gewerbe wunderbar ergänzen, dessen Entwicklung noch im vollen Gange ist. Eine Herausforderung bleibt auch hier die Verkehrsinfrastruktur, die leider nicht mitgewachsen ist.
Nicht nur in der Überseestadt wird gebaut und investiert. Auch die Hotellerie erlebt einen Aufschwung. Bremen ist mittlerweile eine attraktive Stadt für Kurzurlauber. Zusammengefasst: In Bremen passiert viel.
Hier spielt unser geliebter SV Werder Bremen, weltweiter Imageträger - gerne hätte ich jetzt von aktuellen sportlichen Erfolgen und einer europäischen Zukunft geschwärmt – nun ja, den Fußballinteressierten unter Ihnen ist die aktuelle Situation bekannt. Fakt bleibt: Werder Bremen ist der Verein mit den meisten 1. Bundesligaspielen überhaupt.
Sie sehen, wir Bremer sind kreativ darin, unsere Situation schönzureden und nehmen uns dabei selbst nicht immer allzu ernst. Dies übrigens nicht nur beim Fußball.
Bremen ist Wissenschaftsstandort mit acht Hochschulen und über 37.000 Studenten. Diese sorgen für eine junge Stadt und für die Unternehmen vor Ort für ein enormes Potential von gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern.
In unmittelbarer Nähe zur Universität haben sich über 500 Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern im Technologiepark angesiedelt. Dieser gehört damit zu den größten und erfolgreichsten seiner Art in Deutschland.
Bei dieser Entwicklung ist es keine Überraschung, dass Bremen den ersten Rang beim positiven Saldo aus Gewerbe An- und Abmeldungen im Städtetest der WirtschaftsWoche belegt.

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Bei aller Freude bringt diese Dynamik aber auch Probleme und Interessenskonflikte mit sich. Diese zu lenken und zu moderieren ist die große Herausforderung unseres Senats. Hier gilt es, nicht einseitig und ideologisch zu handeln, sondern ausgewogen die unterschiedlichen Interessen auszuloten!
Bremen ist kürzlich als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet worden, dies freut mich auch als Radfahrer sehr. Nicht für jeden ist das Rad aber eine echte Alternative. Mein Traum ist, dass Bremen einen Spitzenplatz für ein exzellentes Gesamtkonzept belegt, inklusive des Personennahverkehres und des motorisierten sowie nicht-motorisierten Individualverkehres.
Das eingangs von mir dargestellte Problem der Einpendler lässt sich nur durch zusätzlichen, bezahlbaren Wohnraum lösen. Dieses muss zur Kernaufgabe des Senats zählen. Unnötige Bürokratie und Vorschriften sind kontraproduktiv.
Über gute Wohnungsbaupolitik kann der Zuzug von Erwerbstätigen aktiv gesteuert und darüber hinaus eine Abwanderung nach Niedersachsen in die Nachbargemeinden gestoppt werden. Jede neu geschaffene Wohnung sorgt für Entspannung auf dem Immobilienmarkt. Daher sollten wir nicht den sogenannten Luxus-Wohnungsbau verteufeln oder ihn gar gegen den Sozialwohnungsbau ausspielen!
Bremen braucht den Mittelstand und junge Familien. Hierbei muss Bremen kreativ sein. Erbpacht kann beispielsweise Bauland für junge Menschen bezahlbar machen. Mit Neubauprämien für Kinder könnten besonders diese in der Stadt gehalten werden. Hierfür sind sowohl gute Kommunikation, als auch Moderation notwendig. Bei zukünftigen Ideen und Überlegungen müssen alle Beteiligten rechtzeitig involviert werden, um Widerstände und Ängste zu vermeiden.
Eine große Chance, in der Stadt Bremen Wohnraum zu schaffen, wurde auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn verpasst. Man kann geteilter Meinung sein, ob Bremen eine Galopprennbahn benötigt oder nicht. Aber wenn die Regierung sich entscheidet, diese Flächen zur Wohnbebauung zu nutzen, muss dies professionell angegangen werden. Hier hat Bremen leider versagt.
Nur die Ankündigung, 1000 Wohnungen bauen zu wollen, ohne ein Gesamtkonzept, hat verständlicherweise zu erheblichen Widerständen geführt und am Ende zu einem Volksentscheid. Das Volk hat sich gegen eine Bebauung entschieden. Nun hat Bremen nichts, weder dringend benötigtes Bauland noch den Galoppsport.
In Bremen-Osterholz ist als positives Beispiel das Projekt „Ellener Hof“ der Bremer Heimstiftung zu finden. Hier entstehen aktuell auf eine Fläche von zehn Hektar über 500 Wohneinheiten für alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Wohnen für Senioren, Studenten sowie neue Bremer Reihenhäuser in Erbpacht sorgen für ein modernes und lebendiges Wohnen – und noch dazu nachhaltig als Fahrrad-Quartier und in Holzbauweise.
Die Holzbauweise ist, wie am Beispiel unseres Bremer Rathauses erklärt, nicht nur dauerhafter CO2-Speicher, sondern durch kurze Fertigungszeiten und einen hohen Vorfertigungsgrad auch sehr wirtschaftlich.
Schade ist nur, dass dieses Projekt kaum jemand kennt. Wir als Bremer sind gefordert, mehr über gute Projekte und Erfolge zu sprechen, die zur Nachahmung motivieren.
Klar, sind wir Bremer stolz auf unsere Selbstständigkeit. Diese sollte aber nicht in eine Isolation führen. Im Gegenteil, wir sind auf gute Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn angewiesen.
Die geplante Erweiterung des Gewerbegebietes Hansalinie - über die Landesgrenze hinaus gemeinsam mit der Nachbargemeinde Achim - ist ein gutes Beispiel, wie Strukturen überregional gestaltet werden können. Ich bin zuversichtlich, dass gerade Sie, sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Bovenschulte, mit Ihrer Erfahrung und Ihrem persönlichen Netzwerk aus der Zeit als Bürgermeister der Nachbargemeinde Weyhe noch viel für Bremen bewegen werden.
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren:
Ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben und auf unsere Freie Hansestadt Bremen und den Senat anzustoßen, mit einem dreifach kräftigen:
HEPP HEPP HEPP

Info

Zur Person

Max Roggemann

ist seit September 2010 geschäftsführender Gesellschafter der Enno Roggemann GmbH & Co. KG. Zudem ist er Mitglied im Rotary Club Bremen – Roland und im Vorstand "Verein zum Wohlthun" sowie Beiratsmitglied im „Verein von Freunden des Focke-Museums e.V.“ und „Der Holzring GmbH“.

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