Bremer Studierende erzählen

Ungewissheit ohne finanziellen Puffer

Für viele Studierende brachen in Zeiten der Pandemie die Nebenjobs weg. Und in Uni-Zeiten haben viele keine großen Rücklagen. Zwei Bremer Studenten erzählen von den finanziellen Folgen von Corona.
25.08.2020, 05:06
Lesedauer: 4 Min
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Ungewissheit ohne finanziellen Puffer
Von Sara Sundermann
Ungewissheit ohne finanziellen Puffer

Luca Cordes studiert Philosophie und Rechtswissenschaften. Als sich das Einkommen in seinem Nebenjob halbierte, holte er sich zunächst Unterstützung über einen privaten Kredit. Inzwischen bekommt er die Überbrückungshilfe des Bundes.

Frank Thomas Koch

Für viele Studierende hat die Corona-Krise finanzielle Probleme mit sich gebracht. In Bremen jobben laut Studierendenwerk fast drei Viertel aller Studierenden, bundesweit sind 68 Prozent darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Schon im April schlug das Bremer Studierendenwerk Alarm und verwies darauf, dass für viele Studierende die Einnahmequellen wegfielen: Weil ihre Nebenjobs wegbrachen oder weil ihre Eltern sie aufgrund von Kurzarbeit oder Jobverlust nicht mehr finanziell unterstützen konnten. Die Nachfrage nach Bafög stieg. Es wurden dann Corona-Programme für Studierende wie die Überbrückungshilfe und zinsfreie Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beschlossen.

Zwei Bremer Studierende erzählen, was sich für sie finanziell infolge der Corona-Einschränkungen verändert hat – und wie sie inzwischen über die Runden kommen.

„Es gab Schwierigkeiten, aber irgendwann auch einen Durchbruch“, sagt Wesam Enjrini. Der 25-Jährige studiert an der Uni Digitale Medien und finanziert sich selbst. Sein Job brach mit Beginn der Pandemie weg: Er arbeitet als selbstständiger Statistiker bei Sportveranstaltungen. Er ist bei Fußball-, Handball- oder Eishockeyspielen vor Ort und sammelt dort Daten, die er später zum Beispiel an Medien für ihren Live-Ticker verkauft. Welcher Spieler hatte wann welche Position? Welche Tore sind wann gefallen? Diese Daten sind normalerweise die Ware, die Enjrini anbietet. „Ab Mitte März gab es einfach keine Spiele mehr, und logischerweise fiel dann meine Arbeit auch weg.“ Er hatte aber noch einen zweiten Nebenjob: in einem Kaffeehaus in der Nähe des Hauptbahnhofs. Doch auch dort gab es weniger zu tun: „Wo ich sonst drei- bis viermal pro Woche gearbeitet hatte, war ich nur noch einmal pro Woche.“

Andere Studierende habe es sicher härter getroffen als ihn, ist Enjrini überzeugt. Doch auch er beschreibt, dass er mit den Ratenzahlungen erst einmal pausierte. „Ich habe mir große Sorgen gemacht, allein die Unsicherheit reicht schon aus. Bei dem Job als Sportstatistiker wusste ich nicht, ob es ihn je wieder so geben wird.“ Der Durchbruch für Enjrini war, dass die KfW-Kredite ab Juni auch für ausländische Studierende geöffnet wurden. Bis dahin konnten nur deutsche Studierende diese zinslosen Darlehen beantragen. Enjrini ist Syrer. Dieser Kredit sei für ihn „total verlockend“ gewesen, sagt er: „Man braucht mit der Rückzahlung erst beginnen, wenn man ein etwas stabileres Leben hat.“ Als er die Zusage für diesen Kredit bekam, war er sehr erleichtert. „Bremen ist für Studierende schon teuer, wenn man kein Bafög und keinen Unterhalt von der Familie bekommt.“ Mit nur einem Teilzeit-Job sei das häufig nicht zu finanzieren. Allein seine Krankenversicherung sei in fünf Jahren 25 Euro teurer geworden, der Semesterbeitrag sei in drei Jahren von 300 auf derzeit an die 400 Euro gestiegen.

Zwar entstanden vereinzelt auch neue Jobs für Studierende, beispielsweise in der Bremer Verwaltung, wo Studierende als Corona-Helfer insbesondere zur Unterstützung der Mitarbeiter im Gesundheitsamt eingestellt wurden. Für die breite Mehrheit aber dürfte die Pandemie eher Nachteile gebracht haben.

Bremer Studierende erzählen, welche finanziellen Probleme sie aufgrund von Corona hatten, Wesam Enjrini

Wesam Enjrini studiert Digitale Medien. Er hatte neben dem Studium zwei Jobs – dennoch reichte es finanziell nicht mehr. Er beantragte einen KfW-Kredit für Studierende.

Foto: Fotos: Koch

Die Unsicherheit, wie es finanziell weitergeht, hat auch Luca Cordes stark gespürt. Der 25-Jährige studiert Philosophie und Rechtswissenschaften an der Uni. Er hatte kurz vor dem Jahreswechsel seinen Nebenjob gewechselt und eine neue Arbeit angetreten, die eigentlich seine finanzielle Situation verbessern sollte. „Zu Weihnachten und Silvester gab es in dem Job wenig Aufträge wegen der vielen Feiertage, ich hatte zu Beginn des Jahres keinen finanziellen Puffer“, sagt er. Und dann kam Corona.

„Ich bin quasi der Postmeister in einem Bremer Ingenieurbüro, das zu einer Firma gehört, die ihren Hauptsitz im Ausland hat“, erzählt der Student. Seine Aufgabe dort war es, Postsendungen zu überprüfen und weiterzuleiten. Doch es gab in diesem Job nun deutlich weniger zu tun – das Einkommen für den Postmeister halbierte sich. Das Bremer Büro soll nun wohl geschlossen werden, erzählt er.

Die finanziellen Folgen für Cordes: „Ich konnte meine Nebenkosten nicht zahlen, mein Mitbewohner hat meinen Anteil an den Kosten für vier Monate ausgelegt.“ Auch eine Nachzahlung aus dem vergangenen Jahr habe er nicht stemmen können. „Und als Studenten haben wir keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld“, sagt Cordes.

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Fürs Erste holte er sich Unterstützung in der Verwandtschaft: „Ich habe einen privaten Kredit von meiner Tante bekommen, auch von meinen Eltern habe ich bei Engpässen etwas finanzielle Hilfe bekommen.“ Lange habe er vermutet, dass angesichts der Pandemie, in der viele Jobs wegbrachen, der Staat den Studierenden entgegenkomme und ihnen für dieses Halbjahr den Semesterbeitrag erlassen werde. Doch das geschah nicht.

Schon seit Anfang des Jahres sah der 25-Jährige sich nach einem zusätzlichen Job um und bewarb sich, insbesondere bei Supermärkten und Wochenmarkt-Ständen. „Aber zu der Zeit haben alle nach Jobs gesucht, auch die ganzen Leute aus der Gastro, die nicht arbeiten konnten. Die Märkte waren völlig überlaufen, es gab viele Bewerber.“

Cordes beantragte schließlich die staatliche Überbrückungshilfe, Zuschüsse des Bundes für Studierende, die durch Corona in Finanznot geraten sind. „Ich habe lange Ungewissheit gehabt, ob ich die Hilfe bekomme“, erzählt der Student. Die Zusage, dass er für Juli mit dem Höchstsatz von 500 Euro gefördert wird, war eine Erleichterung. Er will nun auch für August die Hilfe beantragen.

Info

Zur Sache

Überbrückungshilfen für Studierende

Für Studierende, die durch Corona in eine finanzielle Notlage geraten sind, hat der Bund ein Programm mit Überbrückungshilfen aufgelegt. Diese kann man bei den Studierendenwerken beantragen. In Bremen wurden seit Juni laut Studierendenwerk 3690 Anträge vollständig eingereicht. Davon wurden 2295 Anträge bewilligt. Insgesamt wurden 982 800 Euro ausgezahlt. Die große Mehrheit derjenigen, die den Zuschuss erhielten, bekam den Höchstbetrag von 500 Euro für den jeweiligen Monat. Zuletzt kündigte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) an, die Überbrückungshilfen würden verlängert. Auch für September können Studierende den Zuschuss beantragen. Das Geld muss nicht zurückgezahlt werden.

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