Alte Reklameschilder in Bremer Geschäft Altes Blech von zeitloser Schönheit

Der Comic-Händler Marco Heuberg präsentiert seinen „Jahrhundertfund“ alter Blechschilder in einem reich bebilderten Prachtband. 1000 Aufnahmen aus fast 100 Jahren dokumentieren die Veränderungen der Werbewelt.
01.10.2018, 05:46
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Altes Blech von zeitloser Schönheit
Von Frank Hethey

Sorgfältig verpackt stehen knapp 1000 historische Reklame-Blechschilder in den Geschäftsräumen von Comic-Händler Marco Heuberg in der Neustadt. „Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahre habe ich jedes Schild persönlich poliert“, sagt der 49-Jährige. Fast unversehrt ist das komplette Firmenarchiv der Berliner Gesellschaft für Blechemballage- und Plakatindustrie in seinen Besitz und den seines Mitstreiters Jochen Rath gelangt, eines Braunschweiger Kaufmanns, der sich auf den Vertrieb von Deko-Artikeln aus Blech spezialisiert hat.

Wenn es um den kulturhistorischen Wert dieser Sammlung geht, scheut Heuberg keinen Superlativ. Für ihn handelt es sich um einen „Jahrhundertfund“, um so etwas wie das „Bernsteinzimmer“ der Blechreklame. Und diese Schilder bietet er nun zum Verkauf an. Jedes einzelne Exemplar findet sich in einem Prachtband wieder, der stolze drei Kilogramm auf die Waage bringt. Der schöne Name des Mammutwerks: „Blech is beautiful!“

Über die Qualität der Blechschilder kann sich der Betreiber des Comic-Ladens gar nicht genug auslassen. „Diese Schilder sehen aus wie neu“, sagt er. Für ihn ein absolutes Mirakel. Sind doch exzellent erhaltene Blechreklamen im Normalfall ein Ding der Unmöglichkeit. Denn anders als Emaille ist Blech nicht sonderlich widerstandsfähig. Gerade wenn es in südlichen Gefilden der Unbill widriger Witterungsverhältnisse ausgesetzt ist. Salz und Wind machten den alten Blechschildern schwer zu schaffen, sagt Heuberg, der Glanz sei darum schnell dahin. „Tadellos sehen die nie aus, zum Schutz gibt es ja nur eine dünne Lackschicht.“

Ein verschlossener Raum

Seit November 2015 standen Heuberg und Rath in Kontakt mit der 1904 gegründeten Firma, die es heute noch unter anderem Namen gibt. Allerdings nicht mehr als einer der Marktführer in Sachen Blechreklame, sondern deutlich verkleinert als Unternehmen für digitale Drucktechniken. Heuberg vermutet, das alte Firmengebäude in Neukölln habe verkauft und deshalb entrümpelt werden sollen.

Bei ihrer Visite wurden die Autoren auf einen unzugänglichen Raum aufmerksam. Zweimal standen sie vor verschlossener Tür, beide Male wurden sie vertröstet. Doch dann gewährte man ihnen endlich Einlass. Und es öffnete sich ihnen eine Welt, die wie im Dornröschenschlaf lag und nur noch wachgeküsst werden musste. Auf den Regalen stapelten sich Blechschilder aus längst vergangenen Tagen.

Von jedem Reklameschild, das jemals ausgeliefert wurde, sei mindestens ein Exemplar ins Lager gewandert, sagt Heuberg. Und nicht nur das, auch die Muster wurden aufbewahrt. „Das ist schon sehr besonders: Dass es überhaupt eine Firma gab, die auf den Gedanken kommt, sich ein Archiv anzulegen.“ Die Blütezeit der Blechschildfertigung währte von 1910 bis 1930. „Mit der Einführung von Markenprodukten ging es los“, sagt Heuberg. Hochwertige, weil relativ unempfindliche Emailleschilder seien nicht billig gewesen. „Blechschilder waren in der Herstellung viel günstiger.“

Nur NS-Schilder-Museen vorbehalten

Was freilich nicht bedeutete, dass die Designer keinen künstlerischen Ehrgeiz entwickelten. Ein Verfahren für brillierende Prismenschrift habe sich die Firma sogar patentieren lassen. Die Abnehmer wussten das zu würdigen, Aufträge kamen vor allem aus Russland, Skandinavien und den Niederlanden. Auch Bremer Firmen finden sich unter den Kunden. Neben Jacobs und Kaffee Hag auch der Schünemann-Verlag, die Tabakfabrik Brinkmann und die Brauerei Beck’s.

Doch mit Hitlers Machtübernahme stockte der Absatz, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam er dann endgültig zum Erliegen. „Kommerziell wurden Schilder nicht mehr gefertigt, der Staat avancierte zum Hauptabnehmer.“ Gefragt waren nun vor allem Warn- und Hinweisschilder. Auch die finden sich in stattlicher Anzahl im Buch wieder, häufig mit den damaligen NS-Insignien.

Aber wie damit umgehen? „Damit gar nicht erst der Eindruck entsteht, wir wollten das Dritte Reich verherrlichen, haben wir diese Blechschilder eingebettet in Trümmerfotos.“ Die stammen aus Privatbesitz und zeigen ungeschminkt, wie sich Bremen im Bombenkrieg in eine Ruinenlandschaft verwandelte – die NS-Ideologie und ihre Folgen als Kontrastprogramm. In den frühen Nachkriegsjahren erlebte die Blechschild-Fabrikation noch einmal einen Aufschwung. Wobei sich neue Einflüsse deutlich bemerkbar machten. „Plötzlich wurde es viel bunter und sachlicher“, sagt Heuberg. „Man schielte in die USA und fing an, mit Pin-Up-Girls zu werben. Die Comicwelt kam in der Werbung an.“ Um 1960 herum sei es dann aber vorbei gewesen mit der Blechschilder-Reklame.

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Gern hätte Heuberg die Reklameschilder an ein Museum abgegeben. Doch daraus wurde nichts, jetzt sollen nur die NS-Schilder Museen vorbehalten sein. Je nach Größe und Qualität kosten die Schilder zwischen 25 und 5000 Euro. Der Bildband funktioniert dabei wie ein Ausstellungskatalog. „Auch aus Bildrechtsgründen“, wie Heuberg freimütig einräumt. Sämtliche Schilder sind durchnummeriert – was auch bedeutet: Nur wer das Buch erwirbt, kann per Zugangscode eine Bestellung aufgeben.

Erschienen ist der reich bebilderte, noch zusätzlich mit Beiträgen zur Reklame- und Firmengeschichte versehene Band in einer Auflage von 700 Exemplaren im Eigenverlag. Auf mehr als 500 Seiten finden sich etwa 1000 Aufnahmen blecherner Reklameschilder. Das Papier ist so erlesen, dass Fingerabdrücke nicht zu sehen sind. „Bei der Qualität haben wir an nichts gespart“, betont Heuberg. Und die hat ihren Preis: „Blech is beautiful“ kostet 69 Euro und ist ab diesen Montag im Kundenzentrum im Pressehaus erhältlich.

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