Engleister Güterzug Wie es nach dem Unfall am Bahnhof in der Neustadt weitergeht

Ein Güterzug ist am Dienstag am Bahnhof in Bremen-Neustadt entgleist. Verbogene Schienen, zerstörte Weichen, abgeknickte Oberleitungsmasten, ein Millionenschaden. Am Mittwoch haben die Reperaturen begonnen.
05.02.2020, 22:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Nico Schnurr

Der Bahnsteig ist hinüber, zumindest der hintere Abschnitt. Risse im Asphalt, faustgroße Steine, die herumliegen, schwer zu sagen, wo das Gleisbett beginnt und die Plattform endet, auch für Holger ­Jureczko. Der Sprecher der Bundespolizei tastet sich etwas vor, mit den Stiefeln durchs Geröll, ein paar Meter noch, dann kommt er dort an, wo am Tag zuvor Waggon 14, Teil eines Güterzuges der DB Cargo, dafür gesorgt hat, dass der Zugverkehr zwischen Bremen und der Küste lahmgelegt worden ist.

Bahnhof Bremen-Neustadt, Mittwochmittag. Bundespolizei-Sprecher Jureczko steht am Gleis, in seinem Rücken rauscht der Autoverkehr der Stadt, vor ihm flattert ein Absperrband. Von weit hinten weht eine metallisch klingende Stimme aus den Lautsprechern herüber, Entschuldigung, der Zug so und so fällt leider aus. So geht das im Viertelstundentakt seit Dienstag, eine Ansage als Endlosschleife.

Die Streckeninfo, das Einzige, das am Neustädter Bahnhof gerade noch so funktioniert, wie man das gewohnt ist. Es hört nur niemand zu. Der Bahnhof ist gesperrt, keine Fahrgäste in Sicht, bloß Bauarbeiter. Männer in orangefarbenen Westen, die an Fahrleitungen frickeln und Kräne bewegen. Züge rollen hier seit anderthalb Tagen nicht mehr entlang. Warum das so ist, will Holger Jureczko jetzt erklären. Er breitet die Arme aus, zieht sie wieder zusammen, dann noch mal, auseinander, zusammen. „Ziehharmonika-Effekt“, sagt er und deutet auf die Waggons, rostbraun, von Graffiti überzogen. Manche stehen quer, zwischen den Schienen, einer hat sich in den Bahnsteig gebohrt. Waggon 14.

Am Dienstag, so schildert es Jureczko, ist der Güterzug auf dem Weg von Oberhausen nach Wilhelmshaven, als Waggon 14 gegen 11.50 Uhr aus der Spur gerät. Der Wagen springt aus den Schienen und schlingert übers Neustädter Gleisbett, Tempo fast 50 Kilometer pro Stunde. Mehrfach rammt er den Bordstein, erst der fünfte Aufprall stoppt ihn abrupt. Die anderen Waggons bremsen nicht sofort, sie schieben hinterher, die Kette bricht auf, einige Wagen werden nach innen gedrückt und landen quer zwischen den Spuren. Sie verbiegen dabei die Schienen, eine Strecke, die nun in Schlangenlinien verläuft. Sie ramponieren das Gleisbett. Sie malträtieren die Weichen. Und sie knicken Masten der Oberleitung ab. Ein ziemliches Getöse, Anwohner spüren sogar eine Erschütterung. Noch dazu ein Schaden in Millionenhöhe, davon ist auszugehen.

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Bundespolizei-Sprecher Jureczko beugt sich übers Absperrband und schaut aufs Chaos. Das ganze Geröll, dazu neun demolierte Waggons, mindestens zwei davon nicht mehr einsatzfähig. „Ein enormer Schaden“, sagt er, „und trotzdem muss man von Glück sprechen.“ Die Waggons, erklärt Jureczko, sind unbeladen neben die Spur geraten. Sie würden doppelt so viel wiegen, fast 80 Tonnen pro Stück, wenn sie mit Kohle befüllt wären. Sind sie nicht. Die Kohle sollte erst in Wilhelmshaven aufgeladen werden.

„Bei vollen Waggons wäre der Ziehharmonika-Effekt noch heftiger ausgefallen“, sagt Jureczko. „Schon jetzt haben wir es hier mit tausend Tonnen zu tun gehabt.“ Pause, sein Blick folgt den Schlangenlinien auf der Strecke. „Bei solchen Massen wird aus Schienen schnell Schweißdraht.“ Jureczko sagt, da gebe es noch eine zweite Sache, die dazu beitragen habe, dass aus dem Chaos kein Drama geworden ist. Waggon 14 hat nur das Ende des Bahnsteigs gerammt, ein hinterer Abschnitt, wo niemand steht und auf Züge wartet, weil der Asphalt hier, viele Meter weg von den Unterständen und Bänken, schon langsam in Gestrüpp übergeht. Kein Personenschaden also, niemand verletzt, „großes Glück im Unglück“, sagt Jureczko.

Wie es überhaupt dazu gekommen ist, weiß noch niemand. „Warum ist Waggon 14 entgleist? Das ist die Frage“, sagt Jureczko. Die Beamten schließen erst mal nichts aus. „War es technisches Versagen oder menschliches? Irgendetwas muss hinter dem Bremer Hauptbahnhof passiert sein, und wir denken in alle Richtungen.“ Eine Theorie: Waggon 14 könnte schon vor der Weserbrücke Probleme bekommen haben, Abdrücke an den Betonschwellen deuten darauf hin.

Auch deshalb werden die Beamten nun Ursachenforschung auf mehreren hundert Metern betreiben. Sie wollen sichergehen, dass es nicht an der Strecke gelegen hat. Dass nicht ein Defekt dort dazu führt, dass sich das Chaos wiederholen könnte. Bis die Beamten wissen, was den Unfall verursacht hat, dürften Wochen vergehen.

Am Mittwoch müssen sich die Ermittler erst mal gedulden. Bevor sie loslegen können, soll Waggon 14 geborgen werden, und das dauert. Gegen 16.30 Uhr ist es soweit, ein Kran hebt ihn leicht an, einen Meter vielleicht, noch ein vorsichtiger Schwenk, dann ist Waggon 14 zurück in der Spur. Dort wird er wohl eine Weile für Reparaturen stehen bleiben. Auf dem Gleis gegenüber dürften die Züge dagegen am Donnerstag schon wieder rollen.

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