Interview zur Digitalisierung von Museen

Anna Greve: „Ein Ort der Diskussion“

Anna Greve ist die neue Direktorin des Focke-Museums, und sie will das Haus umkrempeln. Ihre Ideen zu mehr Digitalisierung und demokratischen Prozessen erläutert sie im Interview.
17.03.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Anna Greve: „Ein Ort der Diskussion“
Von Iris Hetscher
Anna Greve: „Ein Ort der Diskussion“

Anna Greve

© privat

Frau Greve, das Thema Digitalisierung von Museen treibt Sie stark um. Sie behaupten sogar, Museen versänken über kurz oder lang in der Bedeutungslosigkeit, wenn sie sich nicht verändern. Wie kommen Sie darauf?

Anna Greve: Die gesellschaftliche Bedeutung von Museen ist im Fluss. Früher waren Museen Orte, an denen man einen Eindruck von der Welt bekommen hat, man konnte sich bilden. Diese Aufgaben haben heute im Wesentlichen andere Medien übernommen, weshalb Museen sich umorientieren müssen.

Schaut man sich die Bremer Häuser an, passiert schon einiges. Digitale Führungen, Instagram-Posts und so weiter. Das reicht nicht?

Ich glaube, das sind wichtige erste Schritte; die anderen Häuser sind in diesen Punkten dem Focke-Museum voraus. Wir haben erst durch die Corona-Pandemie angefangen, uns mit einer stärkeren Digitalisierung zu beschäftigen. Und wir haben gemerkt: Da gibt es ein großes Potenzial, da geht viel mehr Vermittlung als gedacht.

Wie meinen Sie das?

Wir haben mit unserem Angebot „100 Tage, 100 Objekte“, bei dem ich jeden Tag ein Objekt aus dem Museum online vorgestellt habe, ein Publikum angesprochen, das sonst nicht ins Museum geht. Man kann im digitalen Raum Menschen erreichen, die man vielleicht in den analogen Raum ziehen kann.

Was sind das für Menschen, die sie neu kennengelernt haben?

Das sind Bremerinnen und Bremer, die an lokalhistorischen Themen interessiert sind. Wir haben auch festgestellt: Diese Menschen sind gleichzeitig nicht unbedingt kulturaffin. Mit dabei waren beispielsweise der Stadtteilblogger von Osterholz oder Angestellte aus Bremer Firmen. Allen gemeinsam ist, dass sie ihre Wochenenden nicht zwangsläufig in Bremer Museen verbringen.

Das heißt: Diese Menschen finden die Inhalte spannend, aber ihnen ist die Institution Museum egal.

So weit würde ich nicht gehen. Es ist eher so, dass sich alles viel mehr verdichtet hat, und auch freie Tage schon mit anderen Dingen als einem Museumsbesuch gut gefüllt sind. Ich habe aber durchaus die Hoffnung, dass jemand, der ein Objekt im digitalen Raum spannend findet und darüber diskutiert, es auch in natura sehen will. Die Aura des jeweiligen Objekts ist nicht zu unterschätzen, das Erlebnis, etwas direkt vor mir zu sehen. Diese Besucher und Besucherinnen schauen sich gezielt bestimmte Dinge an, kommen aber nicht, um zwei Stunden lang das komplette Museum zu durchwandern.

Aber auch das kann ja durchaus Spaß machen.

Kann es, was man beispielsweise an den vielen Edutainment-Einrichtungen sieht, die Wissen mit Erleben verknüpfen, wie beispielsweise das Auswandererhaus.

Auf solche Einrichtungen haben die klassischen Museen lange Zeit eher herabgeschaut. War das ein Fehler?

Auf jeden Fall. Vor einigen Jahren hätte ich auch noch gesagt, 'muss das sein, dass da jemand im Kostüm durchs Museum führt?'. Heute denke ich: Es schadet ja nicht. Das muss andere, vielleicht nüchterne Angebote nicht ausschließen, gerade wir als öffentlich gefördertes Haus haben die Chance, die Besucher und Besucherinnen auf viele verschiedene Arten anzusprechen. Man muss nicht immer eine Art Mittelweg gehen, mit dem man alle ansprechen will und der dann vielleicht eher langweilig ist. Kostümparty einerseits, hochkarätiger Vortrag andererseits – das geht beides, es kommen dann eben ganz unterschiedliche Leute.

In einem Vortrag, den Sie kürzlich gehalten haben, sprechen Sie von Multiperspektivität, das Miteinander mehrerer Sichtweisen.

Das Museum ist eben nicht mehr vorrangig Ort der Aufbewahrung, sondern Ort der Diskussion. Dabei wird es in den nächsten Jahren darum gehen, wie Besucher und Besucherinnen mit unterschiedlichen Perspektiven miteinander auskommen, wer wann etwas sagen darf. Da kommt auf die Museen die Aufgabe zu, das zu moderieren. Die klassische Funktion des Kuratierens wird eine andere werden.

Sind die Museen dafür bereit?

Wir werden unsere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen weiterbilden müssen, um uns in dieser Moderatorenfunktion sicher zu fühlen. Es werden nicht mehr die Themen gefragt sein, die wir uns ausdenken; die Bürger werden uns schon sagen, was sie interessiert.

Sie möchten fürs Focke-Museum einen Bürgerbeirat installieren. Was ist das?

Wir möchten in einer kleinen Gruppe die Gesellschaft spiegeln. Das bedeutet, dass nicht nur die mittun sollen, die sich sowieso für Kultur und Museum interessieren, sondern auch diejenigen, die wir gezielt ansprechen. Dieser Beirat soll dann auf unsere Themen schauen und uns sagen, ob die spannend sind und vor allem, was daran spannend ist. Wir als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen können da viel lernen; da wird es sicher einiges geben, auf das wir gar nicht gekommen wären. Beispielsweise, wie es sich anfühlt, als schwarzer Mensch in Bremen zu leben.

Wenn wir mal bei dem Beispiel bleiben: Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich die Debatte um Gender und Race ins Haus holen und deren sehr lautstarke Vertreter dann doch wieder ein Programm für wenige durchsetzen?

Um das zu verhindern, soll unsere Ausstellungsentwicklung durch drei Säulen abgesichert werden. Es gibt einen wissenschaftlichen Beirat, dann den Bürgerbeirat, der sich nach statistischen Kriterien wie Alter, Geschlecht, Beruf ganz unterschiedlich zusammensetzen wird. Die dritte Säule sind die Interessengruppen, die für bestimmte Themen brennen, zu denen wir Workshops veranstalten. Der Bürgerbeirat soll zu den daraus entwickelten Konzepten Fragen stellen.

Museum stand bisher, ähnlich wie Universität, für Spezialistentum. Geht durch diese neue Struktur nicht auch einiges an Wissen verloren, weil die Mitarbeiter stärker Generalisten sein müssen?

Das stimmt, und das ist natürlich etwas schade. Aber andererseits holen wir uns durch die Beteiligung der Bürger auch viel Wissen ins Haus. Und alle entsprechenden Untersuchungen sagen: Die Menschen wollen selber machen und nicht einfach nur zugucken. Also öffnen wir, lassen machen und begleiten mit unserem Fachwissen.

Was Sie ebenfalls neu anbieten, ist das Stadtlabor. Was ist das?

Wir wollen einen Raum im Museum freiräumen, in dem Initiativen und Vereine eigene Ausstellungen machen können, unter unserer Moderation. Das Interesse ist riesig, wir haben bereits zwölf Anfragen und uns entschieden, dass zunächst einmal kleinere Vereine zum Zuge kommen, beispielsweise der Sprachenrat. Wir schließen das Haus 2023 für den Umbau, das heißt, wir haben vorher Zeit, das Konzept auszuprobieren und als Team zu lernen. Auch, mögliche Kritik auszuhalten von denen, die nicht sofort zum Zug kommen mit ihrem Projekt.

Nach dem Umbau wird es auch ein Art Café und Treffpunkt geben am Haus. Welche Funktion wird das haben?

Wir möchten in den Stadtteil hinein wirken und stärker verankert sein als jetzt, mit Veranstaltungen beispielsweise. Diese Räumlichkeiten wollen wir aber auch Vereinen zur Verfügung stellen, das soll eine Art Bürgerforum sein.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Anna Greve

ist seit Dezember 2020 Direktorin des Focke-Museums.

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