42 Prozent scheitern Praktische Fahrprüfung: Durchfallquote in Bremen und Hamburg am höchsten

Die Durchfallquote für nicht bestandene praktische Fahrprüfungen beträgt in den Bundesländern Bremen und Hamburg 42 Prozent. Damit liegen die beiden Bundesländer bundesweit an der Spitze.
17.07.2019, 22:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

„Das Interesse stagniert auf hohem Niveau“, sagt Peter Johanning. Obwohl Klimaschützer zunehmend Front gegen mit Benzin und Diesel betriebene Automobile machen, kann der Besitzer der Marßeler Fahrschule Hallerstede über zu wenig Kundschaft nicht klagen. Allerdings sei der Run auf den Lappen bei jungen Menschen nicht mehr so ausgeprägt wie früher, sagt der Fahrlehrer. Gleichzeitig stellt Johanning fest, dass immer mehr Fahrschüler durch die Prüfung fallen. Das deckt sich mit den Zahlen im Land Bremen insgesamt.

Am Computer die falsche Antwort auf dem Fragebogen angeklickt oder beim Einparken gescheitert – die Misserfolgsquote bei den Führerscheinprüfungen ist im vergangenen Jahr in Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven erheblich gestiegen. Scheiterten 2017 im kleinsten Bundesland 38,8 Prozent der Absolventen an der praktischen und 34,6 Prozent an der theoretischen Prüfungen, so betrug die Misserfolgsquote unter ein Jahr später 42 Prozent (Praxis) sowie 33,5 Prozent (Theorie).

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Als einen Grund für den sprunghaften Anstieg von Kandidaten, die bei der Prüfung am Lenkrad scheitern, nennt der Fahrlehrer aus Marßel die hohe Zahl gescheiterten Bewerber (rund 50 Prozent) ausländischer Herkunft. Etliche seiner Kunden aus Syrien zum Beispiel versagten im Praxistest, obwohl sie in ihrer Heimat mit dem Auto gefahren sind. Johanning, der bisweilen mit „Händen und Füßen“ mit seinen syrischen Fahrschülern kommuniziert: „Viele haben eine lockere Auffassung vom Verhalten im Verkehr, was beispielsweise Tempo und Regeln betrifft.“

Das bestätigt auch Michael Kreie, Vorsitzender des Landes-Fahrlehrerverbandes Bremen: „In der Praxis fallen viele durch, in der Theorie seltener, weil die Fragen in elf Sprachen formuliert sind, für Syrer zum Beispiel in Hocharabisch. In der Regel aber, so Kreies Erfahrung, seien die heutigen Bremer Fahrschüler in ihren Leistungen kaum schlechter als in früheren Zeiten.

Trotz zunehmender Proteste gegen Klimazerstörung und gesundheitsschädigende Abgase – die Europäische Umweltagentur geht davon aus, dass der Stickstoffdioxid-Ausstoß allein in Deutschland für rund 10 000 Todesfälle verantwortlich ist – gibt es laut Auskunft auch einiger nordbremischer Fahrschulen eine ungebremste Nachfrage nach dem Erwerb eines Führerscheins. Ebenso wie Peter Johanning bekräftigt eine Fahrschulinhaberin aus Schönebeck, die namentlich nicht erwähnt werden möchte: „Wir sind gut ausgelastet.“

Hessen schneidet am besten ab

Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 1,7 Millionen praktische Fahrerlaubnisprüfungen absolviert, eine Steigerung gegenüber 2017 um drei Prozent. Den stärksten Zuwachs vermeldeten Bremen mit einem Plus von 6,1 Prozent und das Saarland (+10,2). Von den insgesamt 14 154 angemeldeten Bremer Absolventen fielen allerdings 5945 und damit 42 Prozent bei der praktischen Prüfung durch. Das ist im bundesweiten Vergleich der Spitzenwert, den auch Hamburg aufweist, gefolgt von Berlin (36,9 Prozent).

Am besten schnitten bei der praktischen Prüfung die hessischen Fahranfänger ab, von denen 24,6 Prozent durchfielen. Ein günstigeres Bild für den Zweistädtestaat an der Weser zeigt sich jedoch beim Vergleich der Prüfungsergebnisse in der Kategorie Theorie. Von 13 009 Bremer Fahrschülern bestanden 4358 (33,5 Prozent) den Test nicht. 2017 betrug die Misserfolgsquoten in der Wesermetropole noch 34,6 Prozent.

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Spitzenreiter in der Negativbilanz bei den Abfragen der theoretischen Kenntnisse waren 2018 die Fahrschüler in Berlin (44,3 Prozent fielen durch) und Sachsen-Anhalt (43,5). Im bundesweiten Durchschnitt wurden 36,1 Prozent der theoretischen Prüfungen in allen Pkw-Klassen nicht bestanden. Doch ob in Theorie oder Praxis – insgesamt ist der Prozentsatz der „Durchfaller“ in den vergangenen Jahren in Deutschland und damit auch in Bremen kontinuierlich gestiegen.

Obwohl nicht zum größten Teil, tragen auch die Flüchtlinge vor allem aus Syrien zu dieser Entwicklung bei. Sie zählen zu den sogenannten Umschreibern. So werden Prüflinge aus Nicht-EU-Staaten bezeichnet, die zu Hause zwar einen Führerschein erworben haben, in Deutschland aber noch einmal in Theorie und Praxis nachweisen müssen, dass sie ein Fahrzeug sicher und regelkonform lenken können. Peter Johanning bildet im Monat rund 200 Fahrschülerinnen und -schüler aus, etwa 80 sind Geflüchtete. Und nur die Hälfte von ihnen bestehe die praktische und theoretische Prüfung, sagt er.

Die rund 100 Fahrschulen in Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven haben nach den Worten von Michael Kreie gut zu tun. Zumal es weiterhin einen Mangel an Fahrlehrern und Fahrlehrerinnen gebe. Noch immer, so der Chef des Fahrlehrerverbandes, wirke sich die Tatsache aus, dass die Bundeswehr seit Ende der Wehrpflicht vor acht Jahren keine Fachkräfte mehr ausbilde. Erst jetzt, so Michael Kreie, sei Licht im Tunnel zu erkennen, entspanne sich die Lage allmählich.

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Wandel in der Jugend

Auch Peter Johanning (53) hat sich bei der Bundeswehr zum Fahrlehrer ausbilden lassen und übt diesen Beruf mittlerweile seit 30 Jahren aus. Und ebenso wie Kreie beobachtet der Marßeler bei jungen Menschen eine Veränderung in der Einstellung zum Auto. Nicht nur wegen der Umweltbelastung.

Früher hätten es die jungen Leute gar nicht abwarten können, die Fahrerlaubnis zu erwerben. Heute bevorzugten sie insbesondere im Stadtgebiet die Straßenbahn, den Bus oder das Fahrrad und warteten mit dem Führerschein, bis Berufsausbildung oder Studium abgeschlossen seien. Zumal der Führerschein „nicht für 'n Appel und 'n Ei“ zu erhalten sei.

Im Durchschnitt, sagt Michael Kreie, müsse man einschließlich Prüfungsgebühren mit durchschnittlich 2000 Euro rechnen. Doch nicht nur der Preis für den Führerschein, sondern auch die Wartezeit auf den Prüfungstermin ist in der Vergangenheit so manchem Fahrschüler sauer aufgestoßen. Der TÜV Nord verweist in diesem Zusammenhang indes auf eine Anfang des Jahres eingerichtete Internet-Plattform, die es den Fahrschulen ermöglichen soll, möglichst kurzfristige Prüfungstermine festzulegen. Einen Engpass gebe es nicht, sagt Carolin Roterberg von der Pressestelle des Technischen Überwachungsvereins Nord.

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