Zukunftspläne der Regionalbahn Regio-S-Bahn-Chef über die Gewinnung neuer Triebfahrzeugführer

Seit gut einem Jahr ärgern sich Pendler im Bremer Norden über den Personalmangel bei der Nordwestbahn. Was das Unternehmen dagegen tut, erklärt Regio-S-Bahn Chef Robert Palm im Interview.
22.04.2020, 22:01
Lesedauer: 6 Min
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Regio-S-Bahn-Chef über die Gewinnung neuer Triebfahrzeugführer
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Herr Palm, seit fast einem Jahr fehlen der Nordwestbahn Triebfahrzeugführer, weshalb das Angebot zwischen dem Hauptbahnhof und dem Bremer Norden ausgedünnt werden musste. Hat sich die Personalsituation inzwischen entspannt?

Robert Palm: Die Personalsituation hat sich deutlich entspannt. Wir haben trotz der angespannten Lage in der Branche, was die Verfügbarkeit von Triebfahrzeugführern angeht, gerade in den letzten Tagen und Wochen noch mal eine große Anzahl von Leih-Triebfahrzeugführern für die Regio-S-Bahn gewinnen können. Außerdem erwarten wir bereits für Mai, dass der erste Kurs aus dem Vorjahr seine Ausbildung beendet und dann zusätzlich zu den Leih-Triebfahrzeugführern unsere Truppe verstärkt.

Deshalb versprechen Sie ab Mai auch Verbesserungen im Netz?

Das ist richtig. Die ersten Verbesserungen werden zum 4. Mai starten. Die werden die Fahrgäste insoweit merken, als dass wir in der Hauptverkehrszeit montags bis freitags wieder alle Züge in den vorgesehenen Kapazitäten fahren lassen. Die Züge, die heute einzeln fahren, werden dann auch wieder doppelt fahren. Sie fahren also wieder so wie vor unserem Ersatzkonzept. Wir bieten dann wieder alle Sitzplätze an. Nachmittags haben wir noch eine kleine Abweichung. Die Abfahrten zur Minute 5 und 35 ab Vegesack und ab Verden zur Minute 3 und 33 werden auch weiterhin mit einem Fahrzeug gefahren. Dafür, und das machen wir jetzt schon, werden alle Fahrten des 15-Minuten-Takts nachmittags mit zwei Fahrzeugen gefahren. Auch da stellen wir ausreichend Sitzplätze zur Verfügung.

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Wieso gibt es diese Abweichung am Nachmittag?

Planmäßig müssten die Züge zur Minute 5 und 35 ab Vegesack nach Verden sowie zur Minute 3 und 33 von Verden in Richtung Vegesack auch nachmittags doppelt fahren. Das bekommen wir personell aber noch nicht hin. Deswegen fahren wir alternativ alle Fahrten des 15-Minuten-Takts mit zwei Fahrzeugen.

Gilt diese Regelung dauerhaft?

Nein. Wir sind so weit, dass wir zum 1. September wieder nach dem Regelkonzept, also den vollen Fahrplan, fahren können. Dann finden unsere Fahrgäste wieder alle Sitzplätze und alle Leistungen auch am Wochenende.

Also auch den 15-Minuten-Takt am Sonnabend zwischen dem Hauptbahnhof und Vegesack sowie zwei Verbindungen pro Stunde am Sonnabend und Sonntag mit dem Zug nach Farge?

Genau, ab 1. September gilt: volles Programm.

Wie viele Triebfahrzeugführer fehlen Ihnen aktuell noch dafür?

Da kann ich glücklicherweise sagen, dass uns zum 1. September keine mehr fehlen. Neben der guten Anzahl an Leih-Triebfahrzeugführern erwarten wir noch zwischen August und Dezember 14 Triebfahrzeugführer aus eigener Ausbildung. Damit haben wir alle Voraussetzungen, um ab dem 1. September auch erbringen zu können, was wir erbringen müssen.

Wie können Sie bereits am 1. September zum Regelkonzept zurückkehren, wenn die letzten Triebfahrzeugführer erst im Dezember ihre Ausbildung beenden werden?

Einerseits haben wir die Mitarbeiter, die wir brauchen, bis zum 1. September fertig ausgebildet beziehungsweise eine ausreichende Anzahl an Leih-Triebfahrzeugführern. Dann kommen noch mal bis zu 14 Triebfahrzeugführer bis Dezember aus der Ausbildung heraus, sodass wir sukzessive die Leihkräfte durch eigene Mitarbeiter ersetzen können, die für uns auch deutlich günstiger sind. Wenn aber mal jemand nicht aus der Ausbildung kommt, werden wir unser Versprechen halten und unseren Fahrplan fahren können. Da haben wir eine doppelte Sicherheit.

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Wie wollen Sie verhindern, dass Ihnen in einigen Monaten wieder Personal fehlt und Sie den Fahrplan dann erneut ausdünnen müssen?

Wir konnten uns im Wettbewerb behaupten und werden auch in Zukunft die Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen betreiben. Angesichts der gemachten Erfahrung haben wir die Verantwortung nicht auf die leichte Schulter genommen. Deshalb haben wir bereits im letzten Jahr eine Ausbildungsoffensive gestartet und die reicht jetzt schon bis zum Jahr 2022. Sie sieht ganz klar als Prämisse vor, dass wir mehr Triebfahrzeugführer ausbilden, als wir heute als Bedarf erkennen können. Wir bilden bewusst mehr aus, als wir brauchen, zum Beispiel durch Rentenabgänge oder durch eine durchschnittliche Fluktuation. Das bedeutet in Zahlen: Bis 2022 bieten wir jetzt schon 74 Ausbildungsplätze für Triebfahrzeugführer an. Wir sind gerade mittendrin, ein Teil der Ausbildung läuft schon.

Das Modell bedeutet zusätzliche Kosten.

Das bedeutet definitiv zusätzlich Kosten und stellt eine Belastung dar. Diese Belastung rechnet sich nur dann, wenn wir es schaffen, im Betrieb besser zu werden und nicht mehr so viele Strafzahlungen leisten müssen, wie es etwa im vergangenen Jahr der Fall war.

Warum ist gerade die stark frequentierte Strecke in den Bremer Norden vom Triebfahrzeugführermangel so betroffen?

Das liegt an den Eigenschaften der Linie. Die RS 1 hat im Regio-S-Bahn-Netz die höchste Leistung. Damit ist sie auch die Linie, die die meiste Anzahl an Mitarbeitern bindet. Das ist die Voraussetzung gewesen, um hier mit den bekannten Einschränkungen eine möglichst hohe Anzahl an Mitarbeitern für einen stabilen Grundbetrieb freizusetzen. Das ist uns auch gelungen. Wenn man sich die Zahlen anguckt, im Mai 2019, das war unser Tiefpunkt, da sind fast vier Prozent unserer Züge personalbedingt ausgefallen. In den letzten sechs Wochen sind es gerade einmal 0,16 Prozent gewesen. Das hat gut funktioniert. Hätten wir das auf anderen Linien probiert, wo wir heute in einem 60-Minuten-Takt fahren, und hätten dort denselben Effekt erzeugen wollen, dann hätten dort rein rechnerisch über Stunden keine Züge fahren dürfen.

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Dann wären die Züge in die Wesermarsch nur noch alle zwei oder drei Stunden gefahren?

Genau, wobei eher alle drei bis vier als alle zwei Stunden eine Bahn gefahren wäre.

Probleme bereitet Ihnen nicht nur der Fachkräftemangel, sondern auch die Infrastruktur. Was sind da die größten Sorgenkinder auf der Strecke der Regio-S-Bahn-Linie 1?

Wir haben vereinzelt Signal- und Bahnübergangsstörungen in unterschiedlicher Ausprägung. Es ist aber nicht so, dass wir da Hotspots feststellen. Wenn eine Anlage gestört ist, dann müssen Techniker anrücken. Sie müssen die Anlage untersuchen und instand setzen. Da sind die Bremer Kollegen mittlerweile auch recht schnell, aber so etwas kann unter Umständen auch mal zwei, drei Stunden dauern. Das bedeutet natürlich im 15-Minuten-Takt, dass da eine ganze Menge an Zügen ausfällt. Das ist etwas, wo wir im täglichen Austausch stehen mit der DB Netz AG und der Farge-Vegesacker Eisenbahn. Das sind die Probleme, die es immer gibt.

Gibt es Probleme darüber hinaus?

Wenn ich an die Zukunft denke, dann fehlt das dritte Streckengleis zwischen dem Hauptbahnhof und Bremen-Burg. Wir haben am Knotenpunkt Bremen gerade in Verbindung mit dem Seeverkehr aus Bremerhaven natürlich eine sehr hohe Zugdichte auf der Strecke. Ein weiteres Gleis würde diese Zugfolge verringern und würde einen pünktlicheren und stabileren Fahrplan zulassen. Wenn wir an dichtere Takte zwischen Farge und Vegesack denken, dann müsste die Stellwerkstechnik in Vegesack angepasst werden. Dort arbeitet man noch mit einem mechanischen Stellwerk und das besitzt nicht die Leistungsfähigkeit eines elektronischen Stellwerkes, wie es heute auf den meisten Strecken üblich ist.

Das elektronische Stellwerk wird bis 2024 fertig, das dritte Gleis bis 2030. Können Sie so lange noch warten?

Was die Streckenauslastung zwischen dem Hauptbahnhof und Burg angeht, sind wir heute am Limit von dem, was machbar ist. Sollte da noch mehr in den nächsten Jahren hinzukommen, würde es das ganze System destabilisieren. Das gilt nicht nur für die RS 1, sondern für den ganzen Bahnbetrieb. Von daher wäre es schön, wenn das schneller ginge. Da muss man Realist sein und einfach sagen, das sind Projekte, die bedürfen einer Planungszeit, die eben nicht nur wenige Wochen dauert. Gleiches gilt für die Bauzeit. Von daher werden wir mit der Realität arbeiten.

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Eine weitere Herausforderung dürfte die Corona-Pandemie für Sie sein.

Gerade jetzt in der Phase zeigt sich, dass wir unsere Hausaufgaben ziemlich ernst genommen haben. Ich bin nicht nur für die Regio-S-Bahn zuständig, sondern auch für das Weser-Ems-Netz der Nordwestbahn. In keinem der beiden Netze müssen die Fahrgäste aufgrund des Coronavirus Einschränkungen hinnehmen. Gerade während der Krise bemerke ich, auch im Vergleich zum Vorjahr, dass wir sehr gut funktionieren. Das soll keine Selbst­be­weih­räu­che­rung sein, ich bin aber im Moment sehr stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind trotz der zurzeit schwierigen Bedingungen aufgrund der Corona-Pandemie voll im Einsatz und leisten den Fahrplan, den wir versprochen haben. Da sind Veränderungen deutlich spürbar und die sind ein gutes Zeichen für die Zukunft.

Info

Zur Person

Robert Palm ist Leiter der Regio-S-Bahn sowie seit 2019 Prokurist der Nordwestbahn. Der 38-Jährige ist gelernter Lokführer, fuhr aber zuvor fünf Jahre zur See. Palm ist verheiratet und hat drei Kinder.

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