Neues Geschäft in Vegesack Neuanfang mit 74

Eigentlich wollten Manfred Kleemann und Anna Maria Klausa ihr E-Roller-Geschäft bereits im Dezember eröffnen, doch der Lockdown machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Sorgen haben sie deshalb aber nicht.
05.01.2021, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Neuanfang mit 74
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Vegesack. Auch mit 74 Jahren denkt Manfred Kleemann noch nicht an seinen Ruhestand. Stattdessen hat sich der Nordbremer mit einem Geschäft für Elektroroller selbstständig gemacht. Eigentlich sollte der Laden bereits im Dezember eröffnen, doch der Lockdown machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Von Haus aus ist Manfred Kleemann Suchttherapeut und hat viele Jahre in der Nordbremer Psychiatrie gearbeitet. Zuletzt war er auf Mallorca tätig. Pandemiebedingt entschied er sich dazu, sein Zelte dort abzubrechen und in die Hansestadt zurückzukehren. Auf dem Rückweg legte er gemeinsam mit seiner Frau Anna Maria Klausa einen Zwischenstopp in Freiburg ein, um dort seinen Freund Timo Wehrle zu besuchen. Dabei kam er auch mit Wehrles Unternehmen Tisto in Berührung, das Elektroroller herstellt und vertreibt. „Bei diesem Treffen habe ich mich erstmals mit dem Thema Elektromobilität bei Rollern beschäftigt“, erzählt Kleemann. „Meine Frau sagte dann zu mir, warum machen wir nicht eine Filiale in Bremen auf? Und so kam es dann auch.“

Während Manfred Kleemann Quereinsteiger ist, ist Timo Wehrle vom Fach. „Ich habe zehn Jahre in China gelebt und war dort in der Automobilbranche tätig. Dabei habe ich mich auch viel mit der E-Mobilität beschäftigt, die schon damals ein Thema in China war“, erzählt Wehrle. Schließlich reifte in ihm der Entschluss, sich selbstständig zu machen. Da ihm das Investment fehlte, um Elektroautos anzubieten, schwenkte er auf Zweiräder um. „Vor sechs Monaten haben wir mit der Produktion in China begonnen. Tisto gibt es aber bereits seit zwei Jahren. Allerdings war ein relativ langer Vorlauf nötig, um die notwendigen Zertifizierungen zu bekommen“, sagt der Freiburger. Aktuell werden täglich rund 350 Roller hergestellt, ausgelegt ist die Fabrik jedoch für eine Produktion von 600 bis 800 Fahrzeugen am Tag. „Doch so weit sind wir aktuell noch nicht“, sagt Wehrle, der in China 400 Mitarbeiter beschäftigt.

Das Unternehmen vertreibt zurzeit 16 verschiedene Modelle, die zwischen 25 und 90 Kilometern pro Stunde schnell sind. Unterschiede gibt es nicht nur bei der Geschwindigkeit, sondern auch bei der Reichweite. „Zwischen 60 und 80 Kilometer kann ein Zweirad in der Stunde zurücklegen, das für den Stadtverkehr gebaut wurde. Bis zu 140 Kilometer mit einer Batterieladung schafft ein Roller pro Stunde, der für den Überlandverkehr gedacht ist“, erläutert Wehrle.

Erhältlich sind die Zweiräder sowohl im Internet als auch in den Geschäften vor Ort. Bundesweit gibt es derzeit vier Tisto-Shops. Neben Bremen hat das Unternehmen weitere Dependancen in Freiburg, München und Göppingen. Zudem gibt es Niederlassungen in den Niederlanden, in der Schweiz sowie in Italien.

Welche Auswirkungen das Coronavirus auf das Geschäft hat, kann Timo Wehrle nicht sagen. „Wir haben voll in der Pandemie angefangen und somit keine Zahlen, wie es vor Corona war.“ Dennoch glaubt er, dass das Virus sowohl hinderlich als auch förderlich für sein Unternehmen ist. „Manch einer mag in dieser Situation nicht mehr so gerne mit dem Bus oder der Bahn zur Arbeit fahren und steigt deshalb auf den E-Roller um. Davon profitieren wir natürlich“, sagt Wehrle.

Auf der anderen Seite sei nun aber nicht jeder bereit, zu investieren. Hinzu käme, dass aktuell keine Probefahrten möglich seien, da die Geschäfte geschlossen sind. „Wer zwischen 2000 und 4000 Euro ausgibt, der will den Roller im Vorfeld ausprobieren und einen Ansprechpartner haben“, so Wehrle. „Wir können im Moment zwar über das Internet verkaufen, doch der Fokus liegt für uns nach wie vor auf den Läden.“ Deshalb hoffe er auch, dass die Geschäfte schnell wieder öffnen dürfen.

Diese Hoffnung hat auch Manfred Kleemann, der allerdings trotz der aktuellen Situation positiv gestimmt ist. „Ich habe meine Pension und bin deshalb entspannt“, sagt er. „Zudem ist unser Vermieter uns im Dezember entgegengekommen und hat uns die halbe Miete erlassen. Ich denke, dass wir für den Januar noch einmal verhandeln können.“ Auch deshalb sei der Druck für ihn nicht besonders groß.

Außerdem könne er die Zeit, die er nun nicht in seinem Geschäft verbringen kann, anderweitig nutzen. „Tagsüber baue ich zu Hause meinen Wintergarten, und abends schreibe ich an meinem letzten Buch, das meine Arbeit als Suchttherapeut bilanziert“, sagt Kleemann. Den Verkauf der Roller bezeichnet er deshalb auch als Hobby.

Das Geschäft betreibt er gemeinsam mit seiner Frau, die zuvor bei einem Pflegedienst gearbeitet hat. „Dadurch ist sie auch mit der Büroarbeit vertraut“, sagt Kleemann, der in der Lüneburger Heide geboren wurde und als Student nach Bremen kam. „Ich kenne mich ganz gut mit handwerklichen Tätigkeiten aus. Das kommt mir auch im Geschäft zugute, da die Roller nicht komplett montiert geliefert werden.“ Trotzdem solle es aber keine strikte Aufgabentrennung geben, wer sich um welchen Bereich kümmert.

Auch wenn er in diesem Jahr 75 wird, ist es für ihn noch keine Option, in Rente zu gehen. „Wenn der Bauch sagt, jetzt ist es gut, dann sollte man aufhören“, sagt er. Doch an diesem Punkt sei er noch lange nicht. „Solange ich gesund bin, will ich auch etwas tun anstatt nur herumzusitzen“, erzählt der Rollerverkäufer.

Der Mietvertrag für das Ladenlokal, Gerhard-Rohlfs-Straße 37, läuft zunächst für ein Jahr. „Das ist für uns ein Probelauf“, sagt Manfred Kleemann. „Danach schauen wir, wie es weitergeht.“

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