Verschwundene Personen Wie die Bremer Polizei nach Vermissten sucht

Im Durchschnitt werden in Bremen pro Jahr etwa 700 Vermisstenfälle bearbeitet. Aktuell gelten 37 Personen als vermisst, darunter zwei Kinder in Bremen-Nord. So läuft die Suche ab.
25.09.2019, 20:03
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Wie die Bremer Polizei nach Vermissten sucht
Von Julia Ladebeck

Der jüngste Vermisstenfall in Bremen-Nord endete in dieser Woche mit einer traurigen Nachricht: Die 88-jährige Frau aus Vegesack, die Ende August aus einer Pflegeeinrichtung an der Aumunder Feldstraße verschwunden war, ist tot (wir berichteten). Ein Spaziergänger fand die Leiche der Seniorin in einem Wald in der Nähe der Aumunder Weidestraße. Damit herrscht nach wochenlanger Suche nun Gewissheit.

Zuvor waren tagelange und umfangreiche Suchmaßnahmen von Polizei und Rettungskräften ohne Ergebnis geblieben. Jährlich beschäftigt sich die Bremer Polizei durchschnittlich mit rund 700 Vermisstenfällen. Aktuell gelten in Bremen 37 Personen als vermisst, darunter zwei Kinder, die in Bremen-Nord in einer intensivpädagogischen Gruppe untergebracht waren.

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In den meisten Fällen klärt sich das Verschwinden innerhalb weniger Tage auf – in anderen jedoch rätseln die Ermittler jahre- oder sogar jahrzehntelang. Nicht immer startet die Polizei eine Fahndung. Ein sogenannter Vermisstenstatus ist für die Polizei auf jeden Fall gegeben, wenn es sich um ein Kind oder einen Jugendlichen handelt, deren Aufenthaltsort unbekannt ist. „Bei ihnen muss immer eine Gefahr für Leib und Leben angenommen werden“, erläutert Nils Matthiesen, Pressesprecher der Polizei Bremen. Minderjährige gelten daher für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen haben und ihr Aufenthaltsort unbekannt ist.

Unter den 37 derzeit in Bremen als vermisst geltenden Personen sind drei Kinder und 26 Jugendliche. Zwei der Kinder wurden in Bremen-Nord als vermisst gemeldet. Sie lebten in einer intensivpädagogischen Gruppe. Weitere vermisste Personen aus Bremen-Nord gibt es laut Matthiesen derzeit nicht. Der Senat hatte im Dezember 2018 auf Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion mitgeteilt, dass es sich bei den zu dem Zeitpunkt vermisst gemeldeten Jugendlichen überwiegend um unbegleitete minderjährige Ausländer handelte, die in Bremen registriert wurden, dann aber verschwunden sind.

Erwachsene gelten als vermisst, wenn ihr Aufenthaltsort unbekannt ist und wenn zusätzlich von einer „Gefahr für Leib oder Leben“ ausgegangen werden muss, so Matthiesen. Das sei beispielsweise dann der Fall, wenn die vermisste Person an einer schweren Krankheit leidet oder die Absicht geäußert hat, sich selbst zu töten. Auch wenn der Verdacht auf ein Verbrechen oder einen Unfall besteht, startet die Suche der Polizei sofort. Wenn es allerdings keinen Hinweis auf eine derartige Gefahr gibt, unternimmt die Polizei zunächst nichts, denn Volljährige können ihren Aufenthaltsort frei wählen und müssen auch niemanden darüber informieren, wo sie sich aufhalten.

Wer jedoch einen Angehörigen, Freund oder Bekannten vermisst und eine Gefahr vermutet, sollte eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben. Damit mit der Suche begonnen wird, müssen nicht unbedingt 24 Stunden seit dem Verschwinden vergangen sein. „Das ist eine Zeitangabe, die man aus Krimis kennt“, sagt Matthiesen. Vielmehr spielten die individuellen Umstände eine Rolle. „Jeder Vermisstenfall wird im Referat für Kapitaldelikte bewertet, geprüft und bearbeitet.“ Dabei richten sich die Ermittler nach bundeseinheitlichen Vorschriften. Weil aber nicht jeder Fall gleich ist, so der Polizeisprecher, werden die Maßnahmen immer an die jeweiligen Erkenntnisse und Umstände angepasst.

Möglicher Aufenthalt bei Verwandten

Bevor die Polizei über den Notruf 110, den Zentralruf 04 21 / 36 20 oder in einer Wache informiert wird, sollten Betroffene zunächst überprüfen, ob sich der Vermisste eventuell bei Verwandten oder Bekannten aufhält, so die Polizei, die außerdem darum bittet, mögliche Aufenthaltsorte sowie Kontaktdaten von Angehörigen mitzuteilen.

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Hilfreich sei es zudem, ein aktuelles Foto und bei Krankheiten eine Liste von Medikamenten, die die verschwundene Person benötigt. Auch Angaben zu den Kleidungsstücken, die der Vermisste zuletzt getragen hat, zu Besonderheiten wie Ohrringen oder Brille, zum letzten bekannten Aufenthaltsort sowie ähnlichen Vorfälle in der Vergangenheit benötigen die Ermittler.

Nach der Anzeigenaufnahme kontaktiert die Polizei zunächst die umliegenden Krankenhäuser und Polizeidienststellen, um zu überprüfen, ob der Vermisste an einem Verkehrsunfall beteiligt war. Matthiesen erläutert den weiteren Ablauf: „In der Regel wird unverzüglich eine Funkfahndung ausgelöst, darüber hinaus werden die Bremer Straßenbahn AG und die Taxenzentralen gebeten, in ihren Bereichen Ausschau nach der vermisst gemeldeten Person zu halten.“ Parallel versuchen die Ermittler, die Lebensumstände und weitere Details zur Person herauszufinden, um die Situation einschätzen zu können.

Medien teilweise Hilfe bei der Suche

Auch bundesweit – und je nach Fall auch international – wird der vermisste Mensch zur Suche ausgeschrieben. Ob beispielsweise die Medien um Mithilfe geben werden, wird individuell entschieden. Darüber hinaus kann, wenn es sinnvoll und erforderlich erscheint, ein Spürhund eingesetzt werden. „Gibt es Hinweise auf einen Leichnam in einem Gewässer, werden Taucher eingesetzt“, ergänzt Matthiesen.

„Je konkreter eine Gefahr für Leib oder Leben für die vermisste Person angenommen werden kann, desto intensiver werden die Ermittlungen geführt und Maßnahmen getroffen.“ Gleichzeitig gelte es aber auch, die Persönlichkeitsrechte des vermissten Menschen zu wahren. Eigene Recherchen und Suchaktionen sollten Angehörige und Freunde nur nach Rücksprache mit der Polizei starten, betont Matthiesen. Das gelte auch für das Einschalten der Presse und Aufrufe über soziale Netzwerke wie Facebook. „Die Polizei sollte vorab über alle Aktivitäten informiert werden. Wir haben Spezialisten für Vermisstenfälle.“

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