Übernachten auf der Straße Auf der Suche nach einem warmen Platz für die Nacht

Sie schlafen in Tiefgaragen oder Foyers von Banken. Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, suchen gerade jetzt wieder nach einem geschützten Platz zum Übernachten. Die Notunterkunft ist eine Möglichkeit.
10.12.2022, 18:00
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Von Ulrike Schumacher/USCH

Empfindlich kalte Tage und die Nächte noch ungemütlicher. Vor allem für diejenigen, die kein Dach über dem Kopf haben. Die nicht wissen, wo sie nachts Wärme finden sollen. Für Menschen, die auf der Straße leben, ist der Winter unerträglich. Es gibt sie auch in Bremen-Nord. Wie viele es sind, ist schwer herauszufinden. "Stadtweit haben wir rund 600 Obdachlose", sagt der Sprecher der Sozialsenatorin, Bernd Schneider. "Eine Zahl der Obdachlosen in Bremen Nord lässt sich nicht schätzen. Weil der Großteil der Angebote in der Obdachlosenhilfe sich in der Innenstadt befindet, ist diese auch stärker angelaufen als Bremen Nord."

Gleichwohl sieht man sie dort. In der Fußgängerzone zum Beispiel. Oder am Szene-Treff der Inneren Mission am Aumunder Heerweg. Wo finden diese Menschen nachts einen warmen Platz zum Schlafen? Pastorin Ulrike Bänsch von der Obdachloseninitiative der Nordbremer Kirchengemeinden weiß von Männern und Frauen, die bei Freunden oder Bekannten eine Bleibe finden. Sie weiß aber auch, dass Wohnungslose sich über Nacht in Tiefgaragen einen Schlafplatz suchen oder in Foyers von Banken. "Wir hatten aber auch schon Leute, die auf der Dixi-Toilette übernachtet haben."

Über Nacht ins Schlichthotel

Wer stattdessen ein Bett sucht, kann in eine Notunterkunft gehen. In Blumenthal wäre eine Möglichkeit. "Dort stehen in einem Schlichthotel 24 Übernachtungsplätze zur Verfügung", weiß Bernd Schneider. "Sie können dort so lange bleiben, wie der Bedarf besteht. Die Kostenübernahme wird aber nicht auf Dauer gewährt, sondern immer nur befristet. Das hat unter anderem den Sinn, dass man mit den Betreffenden im Gespräch bleibt und mit ihnen Möglichkeiten besprechen kann, wie sie aus der Obdachlosigkeit herauskommen." Wer Anspruch auf Sozialleistungen habe, so der Sprecher, bekomme auch "ein Dach über den Kopf". Vermittelt wird die Übernachtungsmöglichkeit über die Zentrale Fachstelle Wohnen (ZFW), die beim Amt für Soziale Dienste angesiedelt ist und in Bremen-Nord am Sedanplatz eine Zweigstelle hat. Der Kontakt kommt über die Streetworker der Inneren Mission zustande, beschreibt deren Sprecherin Katharina Kähler den Weg.

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Sollten die Übernachtungsmöglichkeiten in Bremen Nord ausgeschöpft sein, wird laut Bernd Schneider ein Übernachtungsplatz im übrigen Stadtgebiet Bremens angeboten. Das müsse nicht nur in Bremen Mitte sein. Dabei würden – "im Rahmen des Möglichen – auch Wünsche bezogen auf die Region berücksichtigt". Einen Anspruch darauf gebe es aber nicht. Von Bremen-Nord bis in die City zu gelangen, sagt nicht nur Katharina Kähler von der Inneren Mission, kann für die Obdachlosen aber ein Problem sein. Der Sprecher der Sozialsenatorin stellt daher in Aussicht, dass "die Beratung in Bremen-Nord ausgebaut werden soll". So werde im kommenden Jahr neben der ZFW auch die Innere Mission mit ihrem Beratungsangebot vertreten sein, "die sich im Auftrag unseres Hauses vor allem um Alleinstehende mit sozialen Problemen kümmert".

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp

Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen" würde es begrüßen, wenn es in Bremen-Nord ein größeres Angebot an Notunterkünften gäbe, damit die lange Strecke keine Hürde darstellt. Gleichzeitig kennt er aber auch die Argumente mancher Obdachloser, weshalb sie eine Notunterkunft nicht aufsuchen wollen: Zum Beispiel, weil sie ihren Hund dorthin nicht mitnehmen dürften. Oder weil sie das Zimmer mit einer anderen Person teilen müssten, was nicht in jedem Fall harmoniere. Wer in dieser Situation das Glück habe, als "Sofa-Hopper" bei Freunden unterzukommen, gelte aber dennoch als wohnungslos. Und das sei ein großes Problem: dass es "viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt".

Helfen könnte der Verein Wohnungshilfe Bremen, der sich für die Verbesserung der Wohnbedingungen von Menschen in sozialen Notlagen einsetzt und Wohnraum an wohnungslose, von Wohnungslosigkeit bedrohte oder obdachlose Menschen vermittelt und sie so auf dem Weg zurück in ein geregeltes Leben unterstützt. Aktiv ist der Verein auch in Bremen-Nord. "Die Wohnungshilfe hält dort einen Bestand von 113 Wohnungen vor", sagt deren Pressesprecher Ludwig Lagershausen. "Die Wohnungen werden dort vor allem an Menschen vermietet, die vorher in Notunterkünften gelebt haben." Dies geschehe in Zusammenarbeit mit der Zentralen Fachstelle Wohnen. Aber auch hier sei es schwierig, Wohnungen zu finden, weil sie sehr begehrt seien.

Seit dem vergangenen Jahr gibt es in Bremen zudem das Projekt "Housing First". Es wird gemeinsam von der Wohnungshilfe Bremen und dem Verein Hoppenbank umgesetzt, berichtet Ludwig Lagershausen. Es stelle einen neuen Ansatz in der Obdachlosenhilfe dar. "Die Unterbringung in einer eigenen Wohnung markiert den Beginn des Unterstützungsprozesses. Alle weiteren Schritte – etwa eine sozial-psychologische Begleitung – sind dem nachgeordnet und erfolgen davon unabhängig. Das heißt: Wer eine Wohnung bekommt, verliert sie nicht mehr, sondern kann davon ausgehend zur Neuordnung des eigenen Lebens übergehen." Bislang seien in Bremen-Nord im Rahmen dieses Projekts zwei Wohnungen – in Vegesack und Burg – bezogen worden, eine weitere werde gerade gesucht. Bremen sei bei "Housing First" führend, weiß Joachim Barloschky. "Es arbeitet gut", was bei aller beklagenswerter Situation auch ein Grund zur Freude sei.

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