Haltestelle "Waller Friedhof" Mit der Straßenbahn durch Walle

Im Bremer Westen liegt ein Ortsteil voller Kontraste: Walle. Hier treffen Welten aufeinander: Friedhof auf Paradies, Karneval auf Bremer. Ein Besuch vor Ort.
10.07.2019, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Mit der Straßenbahn durch Walle
Von Lisa Schröder

Gleisbauarbeiten. Im Moment ist hier auf der Strecke deshalb nur ein Bus unterwegs. Noch bis Mitte September fährt die Straßenbahn 2 den „Waller Friedhof“ nicht an. Die Haltestelle zählt im Vergleich nur wenig Fahrgäste. Im Schnitt sind es 450 an einem Wochentag. Walle ist ruhig. Zugleich treffen hier Welten aufeinander: Friedhof auf Paradies, Eissporthalle auf Freibad, Karneval auf Bremer.

Kaugummi und Eisbär

Das Geschäft ist klar: Münze gegen Totenkopfring. 10 Cent soll er kosten. Bunte Kugeln mit der Geschmacksrichtung „Banana Milchshake“ spukt der Kaugummiautomat ebenfalls aus. Doch ob der rostige Kasten hier am Wegesrand noch funktioniert? Vorbei geht es weiter entlang an Eisbären und Pinguinen an der Fassade des Paradice: Die Eissporthalle liegt fast direkt vor der Haltestelle. Neben ihr befindet sich das Westbad. An diesem bewölkten Tag ist im Freibad wenig los.

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Das Eis ist längst geschmolzen, doch im Paradice geht es bereits um die nächste Saison. „Wir sind schon mitten in der Vorbereitung“, sagt Betriebsleiter Uwe Kirsch. Eintrittspreise, der Schlittschuhverleih und Veranstaltungen müssen geplant werden. Kirsch gefällt die Arbeit hier in Walle. Nur der Name der Haltestelle müsse wie in anderen Städten einfach Eissporthalle heißen, findet er, und nicht Waller Friedhof. Das passe nicht.

Kaffee im Kännchen

Unweit der Haltestelle hat Mandy Diekmeyer ihr Café Kännchen. Vor fast zwanzig Jahren ist sie aus Mecklenburg-Vorpommern hergezogen. „Ich bin hier gelandet und bleibe“, sagt sie glücklich. Die Menschen in Walle seien herzlich und nicht ganz so nordisch kühl. Diekmeyer mag an Walle, dass es „total grün“ sei. Seit 2015 betreibt sie das Café mit einem besonderen Verbot: Telefonate und Videos auf dem Handy sind tabu.

Vor allem Trauergesellschaften gehören zum Geschäft des Kännchens. Wichtig sei ihr, dafür das richtige Ambiente zu schaffen. „Die Leute kommen traurig rein, gehen aber mit einem Lächeln wieder raus“, sagt Diekmeyer mit ihrer ruhigen und freundlichen Stimme. An einigen Gästen hänge ihr Herz. Für einen Mann habe sie vor vier Jahren die Trauerfeier für seine Frau ausgerichtet. „Seitdem kommt er jeden Sonntag.“ Die Arbeit im Café ist wegen der Lage am Friedhof besonders. Für Stammkunden habe sie auch schon die Feier nach der Beerdigung organisiert. „Und dann sind sie plötzlich nicht mehr da.“

„Regen ist Leben“

Ein Stück die Straße hoch hat Christine Nordmann ihre Waller Friedhofsgärtnerei. Vor 25 Jahren hat sie das 1878 von ihrem Urgroßvater gegründete Geschäft in vierter Generation übernommen. Die Floristmeisterin freut sich, dass der Sommer gerade pausiert und es nieselt. „Regen ist Leben.“ Der entlaste zudem ihre Mitarbeiter. An den heißen Tagen ginge es für sie schon um vier Uhr morgens auf den Friedhof, um die Gräber mit Wasser zu versorgen. „Das ist richtig Knochenarbeit“, meint Nordmann.

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Neben der Gestaltung und Pflege der Gräber bietet Nordmann auch Trauerkränze an. Hinter ihrem Tresen steht eine alte Kranzdruckmaschine. Einzeln setzt Nordmann dort die Buchstaben ein, wenn sie die Schleifen bedruckt. Ihr gebe es ein gutes Gefühl, für die Kunden in schwerer Zeit da zu sein.

Wie Diekmeyer mit ihrem Mann und ihrer Tochter wohnt auch Nordmann hier gleich in der Nähe. Die Entwicklung in Walle sieht sie positiv: „Die Menschen wollen wieder nach Walle ziehen. Das ist schön.“ Früher sei es dagegen sogar verpönt gewesen.

Einsamkeit und Gemeinschaft

Auf dem Friedhof sind die meisten Menschen für sich. Nur eine Gießkanne hat fast jeder dabei. Zum Ausgang schiebt ein älterer Mann sein Fahrrad. Wo gefällt es ihm am besten hier in Walle? „Bei meiner Frau. Ist leider so", sagt er, fährt los und greift nach ein paar Metern nach einem Taschentuch.

Im Waller Park entspannen zwei Freunde nach dem Schwimmen im Westbad in ihren Badelatschen, Kinder feiern einen Geburtstag mit einem Fußballturnier, eine ältere Dame steht am Waller See und füttert Enten. Um eine Bank sitzt eine kleine Gruppe und blickt auf die Wiese als wäre sie eine Theaterbühne: Horst Keiditsch und Anke Asendorf betreuen drei Männer mit Demenz und gehen immer wieder mit ihnen raus in die Natur. „Die Bank ist unser Stammplatz“, sagt Asendorf. Die Betreuung bringe die Konfrontation mit Krankheit, mit dem Tod mit sich. Doch so sei das Leben, sagt Keiditsch: „Wir kommen und gehen."

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Bier und 3-Gänge-Menü

An der Haltestelle „Waller Friedhof“ steigen immer wieder Berufsschüler des Schulzentrums Rübekamp ein. Mattis Paulsen ist einer von ihnen. Der 25-Jährige macht seine Ausbildung zum Brauer in Rostock. In Bremen besucht er in dieser Zeit öfter die Berufsschule. Gerade sei es um Kohlenhydrate im Bier gegangen. Saskia Martins, angehende Restaurantfachfrau aus Niedersachsen, hat derweil das Eindecken für ein 3-Gänge-Menü trainiert. Einen Moment an der Haltestelle und es geht für beide weiter.

„Bei Jürgen“

Ein Stück entfernt von der Waller Heerstraße liegt inmitten von vielen ruhigen Wohnstraßen versteckt eine Kölner Kneipe: „Bei Jürgen“. Am Zapfhahn steht Jürgen Kunz und lässt zwei Kölsch in Gläser fließen. Seine Frau Christa Kunz ist die Präsidentin der Carneval-Gesellschaft Nordlichter, die hier ihr Vereinslokal hat. Auf unzähligen Bildern an den Wänden ist das Ehepaar in Kostümen zu sehen – am Eingang gleich zweimal mit Kanzlerin Angela Merkel bei einem Karnevalsempfang in Berlin. Sehnsucht nach Karneval in der Vegesacker Straße. Doch Christa Kunz lebt hier gerne. In Walle seien ihre Freunde, und es sei ruhig: „Mir gefällt es hier. Es muss Walle bleiben.“

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