Unterwegs mit der Linie 2 Täglich 24.000 Menschen an der Endhaltestelle in Gröpelingen

Die Endhaltestelle in Gröpelingen ist ein Knotenpunkt: Dort kommen tägliche Menschen aus allen Richtungen zusammen. Wir haben einige von ihnen getroffen.
05.07.2019, 19:04
Lesedauer: 3 Min
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Täglich 24.000 Menschen an der Endhaltestelle in Gröpelingen
Von Frank Hethey

Wenn Mohammad Moghrabi über den Tresen schaut, fällt sein Blick direkt auf die Endhaltestelle der Linie 2 in Gröpelingen. Schräg gegenüber zieht sich über eine Länge von fast 100 Metern das alte Straßenbahndepot hin. Davor eine demolierte Telefonzelle und ein verlassener Kiosk, ein schmales Gebäude, das nur die Hälfte des Bürgersteigs einnimmt, sich aber erstaunlich lang macht. Durch die Schaufenster sieht man vereinzelt Müll, ein Zettel hinter dem Glas informiert darüber, dass ein „sehr gut laufender Kiosk an der Gröpelinger Heerstraße zu verkaufen“ sei.

Ein gleichmütiges Lächeln spielt um seinen Mund, mit ausgestreckten Armen steht Moghrabi an seinem Arbeitsplatz, hinter dem Verkaufstresen des libanesischen Restaurants Beirut. „Bremen ist schön, richtig schön“, sagt der 24-jährige Palästinenser. Und speziell dieser Ort hier, die Haltestelle Gröpelingen? Moghrabi zuckt mit den Schultern. „Alles gut, ein ganz normaler Geschäftsbetrieb.“

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Fast 24.000 Menschen wuseln täglich über die Haltestelle. Aus Bremen-Nord kommen zahlreiche Umsteiger, die auf dem Weg ins Stadtzentrum sind. Zum Ausbildungsplatz, zur Arbeit. Oder einfach nur zum Shoppen. So wie die zwölfjährige Ayleen aus Lesum und ihre 14-jährige Freundin Katharina aus Blumenthal. Fast jeden Tag legen sie eine kurze Wartepause in Gröpelingen ein, bevor es weitergeht in die Stadt oder zurück nach Hause. Gab es jemals Ärger? „Ich habe hier schon mal eine Schlägerei erlebt“, sagt Katharina. Und zuckt mit den Schultern. „Passiert schon mal.“

Mit baumelnden Beinen sitzt Furkan Köle auf einem Streusalzkasten. Der 24-Jährige studiert Systemingenieurwissenschaften an der Uni Bremen. Nebenbei verdient er sich ein bisschen Geld als Straßenbahnfahrer dazu. Zehn Wochen hat sein Crashkurs gedauert, seit zwei Wochen ist er allein unterwegs. Die Endhaltestelle Gröpelingen gefällt ihm. Weil es hier so bunt sei und wegen der vielen Bäume zwischen den Gleisen. „Gröpelingen ist einer der schönsten Betriebshöfe, die wir haben“, sagt er. Auf den Stadtteil will Köle nichts kommen lassen. „Man kann nicht sagen, Gröpelingen ist besser oder schlechter als andere Stadtteile.“

Fast wie eine Oase

Mit dem Grün in der Mitte wirkt die Haltestelle fast wie eine Oase inmitten des hektischen Großstadtverkehrs. Gemütlich drehen die Straßenbahnen ihre Kreise, die Busse lassen sich Zeit, in Gröpelingen macht man Pause. Von der vierspurigen Stapelfeldtstraße am Hafenrand ist kaum etwas zu hören.

Ein aufmerksamer Beobachter der Verhältnisse vor Ort ist Patrick Strauß. Seit dem Tod seiner Mutter im vergangenen Herbst führt er das elterliche Damenmodegeschäft gleich neben dem libanesischen Restaurant. „Meine ersten Lebensjahre habe ich in diesem Haus verbracht“, sagt der 43-Jährige. Im Wahlkampf war sein Konterfei auf zahlreichen Plakaten zu sehen, für die Freien Wähler hat er sich um einen Platz in der Bürgerschaft beworben. Früher hat das elterliche Traditionsgeschäft eine Million Mark Umsatz im Jahr gemacht, die Zeiten sind längst vorbei. Trotzdem ist er zufrieden. „Wir haben immer noch eine sehr treue Stammkundschaft, unser Haus ist ein Ruhepol in Gröpelingen“, sagt der zweifache Familienvater.

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In die Zukunft blickt er mit einigem Optimismus. Dass die Haltestelle ab 2020 komplett umgestaltet werden soll, hat auch seinen eigenen Tatendrang geweckt. Das in die Jahre gekommene Stammhaus des Familienunternehmens will er grundsanieren. „Wir mögen Gröpelingen, schon allein, weil es so viel Altbausubstanz hat“, sagt er.

„Ich bin eher ein gelassener Typ.“

Ein echter Gröpelinger ist Mehmet Saylam. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen“, sagt der 38-Jährige. Als Busfahrer steuert er die Haltestelle Gröpelingen regelmäßig an, seit zehn Jahren sitzt er hinterm Steuer. Aus der Ruhe kann ihn nichts bringen. „Ich bin eher ein gelassener Typ.“ Viel Gelassenheit strahlt auch Zafer Tamer aus. Der 79-Jährige hat es mit den Beinen, selbst kurze Strecken kann er nicht mehr ohne Weiteres bewältigen. Deshalb nimmt er für die 500 Meter bis nach Hause den Bus. Über die Haltestelle hat er sich noch nie Gedanken gemacht. „Zuhause ist besser“, sagt er lächelnd, während er sich bedächtig auf den Bus zubewegt.

Und Moghrabi? Aus Harsefeld pendelt er jeden Tag nach Bremen, in dem Ort bei Buxtehude läuft sein Asylverfahren. Die Heimat seiner Großeltern kennt Moghrabi nicht. Er ist in einem Flüchtlingslager in Beirut aufgewachsen, der Hauptstadt des Libanon. „Ich will arbeiten“, sagt er – den ganzen Tag in Harsefeld verbringen, das wäre nichts für ihn. Der junge Palästinenser will Deutschland hinter sich lassen, sein Ziel ist Amerika, die Heimat seiner schwangeren Frau. In Beirut hat er Finanzanalyse studiert, in New York will er sein Glück machen.

Für ihn ist Gröpelingen nur eine Zwischenstation, nicht die Endstation.

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