"Brandbrief" an Bremer Abgeordnete Eltern fordern Aus für Theaterbesuche und vorgezogene Weihnachtsferien

Wenig Verständnis hat der Arzt Tim Hülskamp für Schulvorstellungen im Theater. Angesicht explodierender Infektionszahlen fordern er und andere Eltern eine Absage. Im Theater sieht man die Sache anders.
27.11.2021, 20:00
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Eltern fordern Aus für Theaterbesuche und vorgezogene Weihnachtsferien
Von Frank Hethey

Besonders die Schulvorstellungen im Bremer Theater machen Tim Hülskamp fassungslos. Der Arzt und seine Mitstreiter aus der neuen Twitter-Gruppe "Bremens Kinder und Corona" warnen vor dem Risiko eines Superspreader-Events. Solche Veranstaltungen ohne Abstand und Maskenpflicht am Platz sind in seinen Augen verantwortungslos. Rein rechnerisch müssten angesichts explodierender Infektionszahlen bei jeder Aufführung infizierte Kinder zugegen sein, so Hülskamp. Zu viele verschiedene Kohorten kämen im Saal zusammen.

Das Theater Bremen sieht indessen keinen Anlass, die Schulvorstellungen zu streichen. „Wer die Reaktion der Kinder bei unseren Schulvorstellungen einmal erlebt hat, wird nie auf den Gedanken kommen, ihnen diese Freude nehmen zu wollen", sagt Intendant Michael Börgerding. Zumal man sich nach den Maßgaben der Bildungsbehörde richte. Dazu gehöre die Platzierung nach Kohorten mit einem ausreichenden Abstand zur nächsten Kohorte, die Maskenpflicht im gesamten Theater bis zum Vorstellungsbeginn und das Verzehrverbot. Weitere Vorkehrungen: die Testnachweis-Kontrolle der Schülerinnen und Schüler, der 2G-Nachweis der Begleitpersonen und die Kontaktverfolgung über Listen. 

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Doch damit dürften sich die Kritiker kaum beschwichtigen lassen. Gerade erst haben Hülskamp und elf weitere Elternteile einen Brandbrief an sämtliche Bremer Bürgerschaftsabgeordneten auf den Weg gebracht. "Wir wenden uns heute persönlich an Sie, weil wir das Gefühl haben, von der Politik nicht gehört zu werden", heißt es in dem Schreiben. Auf drei Seiten formulieren die Unterzeichner ihre Bedenken und Forderungen. Man erwarte einen Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg. Denn: "Sie sind Teil der Bremer Politik und sollten sich dafür einsetzen, dass Bremer Kinder bis zum Ende der vierten Welle eine Chance haben, gesund zu bleiben."  

Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, verlangen die Verfasser vier Sofortmaßnahmen. Neben der Maskenpflicht in allen Jahrgängen eine Testpflicht für alle Kinder auch in den Kitas, notfalls die Aufhebung der Präsenzpflicht sowie einen vorzeitigen Beginn der Weihnachtsferien bereits am 17. Dezember und nicht erst eine Woche später. Die Forderung, Theaterbesuche ohne Maskenpflicht am Platz zu unterbinden, steht auf einem anderen Blatt – einer Petition, die die Twitter-Gruppe am 2. Dezember an den Zentralelternbeirat (ZEB) überreichen will.

Die Bildungsbehörde reagiert zurückhaltend. Derzeit sei eine generelle Maskenpflicht nicht geplant, sagt Aygün Kilincsoy. Das niedersächsische Gegenbeispiel will der Büroleiter von Bildungssenatorin Sascha Aulepp (SPD) nicht gelten lassen. Anders als Niedersachsen habe Bremen für Luftfilter in sämtlichen Klassen gesorgt. Das erkennt die Elterngruppe an, zweifelt aber an der Leistungsstärke der Luftfilter. Viele Lehrkräfte und Eltern würden sich deshalb in falscher Sicherheit wiegen. 

Bei der Testpflicht sieht sich die Bildungsbehörde im Soll. In Abstimmung mit dem Epidemiologen Hajo Zeeb sei die wöchentliche Frequenz von zwei auf drei erhöht worden. "Mindestens drei Tests sind jetzt obligatorisch", sagt Kilincsoy. Keine gute Meinung hat er von den Lolli-PCR- oder Lolli-Selbsttests, die von der Elterngruppe favorisiert werden. Die Lolli-Tests seien "sehr fehleranfällig". In der Rückkehrphase nach den Sommerferien seien die Lolli-Tests drei Wochen verwendet, dann auf Drängen der Kitas und Grundschulen abgesetzt worden. 

Keine Option ist laut Kilincsoy die Aufhebung der Präsenzpflicht. "An der Präsenzpflicht werden wir nicht werkeln", betont Aulepps Bürochef, das sei ein "No-Go". Auf die Anwesenheit in der Schule zu verzichten, habe schwerwiegende gesundheitliche und seelische Auswirkungen auf die Kinder. Nur bei vier oder mehr Infektionsfällen ist ab Montag der digitale Modus vorgesehen, ansonsten will die Behörde in vollem Umfang an der Präsenzpflicht festhalten. "Auch Halbgruppen-Unterricht wird es mit uns nicht geben", sagt Kilincsoy.

Den Präsenzunterricht möchten im Prinzip auch die Eltern erhalten – mit den geforderten Maßnahmen. Doch ab einem bestimmten Punkt sei kein Präsenzunterricht mehr möglich. "Diesen Punkt wollen wir soweit es geht nach hinten schieben oder komplett vermeiden", so die Eltern in ihrem Appell an den ZEB.   

An den Weihnachtsferien will die Behörde nicht rütteln. Ein vorzeitiger Ferienbeginn wäre laut Kilincsoy eine Belastung für Eltern wie auch Kinder. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist das nicht geplant." Um für Klarheit zu sorgen, will sich die Bildungsbehörde am Montag mit einem neuen Erlass an alle Schulen wenden.  

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Und wie sieht es mit den Schulvorstellungen im Theater aus? Zumindest in dieser Angelegenheit könnte es Bewegung geben. "Die derzeitige Überlegung ist, alle nicht zwangsläufig für den Unterricht notwendigen Veranstaltungen abzusagen", so Kilincsoy. Eine Entscheidung werde aber erst am Montag fallen. Intendant Börgerding dürfte mit Spannung darauf warten. Und auf einen Ausgang in seinem Sinne hoffen: "Mit 2G und Maskenpflicht ist Theater weiter ein Raum der Begegnung und Resonanz – gerade bei Kindern."

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