Kommentar über die „Schulschiff Deutschland“

Dieses Schiff verdient den besten Platz

Vegesack oder Bremerhaven? Die „Schulschiff Deutschland“ ist ein Landesdenkmal und sollte den optimalen Platz bekommen, meint Jürgen Hinrichs.
09.03.2021, 21:11
Lesedauer: 3 Min
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Dieses Schiff verdient den besten Platz
Von Jürgen Hinrichs
Dieses Schiff verdient den besten Platz

Noch liegt die "Schulschiff Deutschland" in Vegesack. Fragt sich nur, wie lange noch?

Christian Kosak

Herrje, könnte man denken, das ist doch nur ein Schiff. Was soll‘s, es gibt andere Probleme. Ja, stimmt, die gibt es, gerade in diesen Zeiten. Aber wie sagte jüngst jemand im Bremer Rathaus: „Die Schiffe sind unsere Schlösser.“ Dieses eben auch, die „Schulschiff Deutschland“. Einst lag sie sehr prominent in Bremen, an der Kleinen Weser vor Woltmershausen. Ein schöner Blickfang, wenngleich längst nicht so gut in Schuss wie heute. Vor 25 Jahren wurde das letzte deutsche Vollschiff nach einem Werft-Aufenthalt zur Lesum-Mündung in Vegesack verholt. Und in Zukunft? Wo wird der schmucke Dreimaster seine Heimat haben? Das ist die Frage seit anderthalb Jahren. Das ist der Streit, und jetzt spitzt er sich zu.

Eigentümer des Schiffs ist ein Verein. Er und niemand anderes kann über den Liegeplatz entscheiden. Der Vorstand hat das bereits getan und den Umzug von Vegesack nach Bremerhaven empfohlen. Jetzt steht noch das Votum aller Mitglieder aus, denn klar: Ohne sie geht es nicht in einer Angelegenheit, die für den Verein von existenzieller Bedeutung ist. Bis zur Abstimmung werden die Wogen weiter hochgehen, das ist gewiss. Die Standortfrage ist emotional, sie ist aber auch politisch. Sogar der Senat hat sich unlängst damit befasst. Viele Interessen sind im Spiel, auch Stolz, Eigensinn und alte Rivalitäten.

Zwei Feststellungen, denen sich niemand entziehen kann: Der aktuelle Liegeplatz ist suboptimal, war er schon immer. Absurd, aber es stimmt – man muss suchen, um die „Schulschiff Deutschland“ zu entdecken. Aus der Idee, sie in Vegesack zum Prunkstück einer maritimen Meile zu machen, ist nichts geworden. Das Schiff liegt im Abseits, derzeit noch viel mehr, weil an Land das angrenzende Einkaufszentrum Haven Höövt abgerissen wird, um einem neuen Stadtquartier Platz zu machen. Aus der riesigen Baustelle erwächst unter anderem ein Hochhaus, und das ist wahrlich nichts, was die Sichtbarkeit der „Schulschiff Deutschland“ erhöht, ganz im Gegenteil.

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So viel gegen den bisherigen Liegeplatz spricht, so sehr überzeugt die Alternative. Bremerhaven ist mit seinen Havenwelten zu einem touristischen Hotspot geworden. Vor Corona kamen jedes Jahr Hunderttausende Touristen. Ein Potenzial, das für die „Schulschiff Deutschland“ den Zuspruch garantiert. In Vegesack haben sich dagegen nur ein paar Tausend Besucher auf den Dreimaster verirrt. Das 94 Jahre alte Schiff wurde übrigens in Bremerhaven gebaut, käme also quasi nach Hause. Und noch etwas: Der Platz an der Pier im Neuen Hafen wäre ideal, er liegt genau in der Flucht der Hauptstraße, die durch die Innenstadt zum Hafen führt.

Lauter gute Argumente, die der Vorstand des Schulschiff-Vereins auf seiner Seite hat. Oben drauf die Zusage der Stadt Bremerhaven, einen Liegeplatz herzurichten und bei der Vermarktung behilflich zu sein. Dass es trotzdem starken Widerstand gegen die Umzugspläne gibt, hat zunächst einen ganz profanen Grund: Was man hat, will man behalten. Das ist verständlich. Die Vegesacker sind stolz auf ihr Schiff und tun auch etwas dafür. Es gibt eine eingespielte Mannschaft ehrenamtlicher Helfer, die mit Hingabe am Werk ist.

Gravierender ist noch, dass Vegesack einmal mehr der Verlierer wäre und Bremerhaven umgekehrt der Gewinner. Dem schwächeren touristischen Standort würde etwas weggenommen, dem stärkeren etwas gegeben. Noch mehr Ungleichheit, und eigentlich nicht das, was im bremischen Gesamtinteresse liegt. Andererseits ist die „Schulschiff Deutschland“ ein Landesdenkmal, das für sich steht und nicht für den Ort, wo es gerade seinen Platz hat.

Wichtig ist, dass das Schiff in gutem Zustand bleibt. Wichtig ist auch, dass es angemessen präsentiert wird. Beides hängt miteinander zusammen. Wenn die „Schulschiff Deutschland“ eine optimale Werbung bekommt und mit ihrer majestätischen Erscheinung sozusagen ins Auge springt, zieht sie die Besucher sicherlich in Scharen an. Der Verein käme finanziell wieder auf die Beine und könnte die Arbeiten am Schiff wie bisher aus eigener Tasche bezahlen. Kurzum, und ja: Es sollte Bremerhaven sein.

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