Unfall am Brill

Tragödie mit Ansage

Nach dem tödlichen Unfall am Brill in Bremen wird Kritik laut: Gastronomen, Taxifahrer und Anlieger warnen seit Langem vor der Verkehrssituation am Brill und sehen eine Mitverantwortung der Behörden.
29.06.2018, 17:26
Lesedauer: 5 Min
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Von Sabine Doll Kristin Hermann Sigrid Schuer

Einen Tag nach dem tödlichen Unfall sitzt der Schock bei Passanten, Taxifahrern und Gastronomen an der Bürgermeister-Smidt-Brücke tief: Ihr Mitgefühl gilt den Angehörigen der 78-jährigen Frau und des 18-jährigen Motorradfahrers, die noch am Unfallort an ihren schweren Verletzungen starben. Sie machen unter anderem die unüberschaubare Verkehrssituation und die damit verbundenen Risiken für das Unglück verantwortlich. Die Gefahren seien seit Langem bekannt, aber nicht im Ansatz gelöst, so der Vorwurf.

Der Unfall ereignete sich am Donnerstagabend gegen 21.20 Uhr. An dem warmen Sommerabend waren viele Menschen rund um die Schlachte unterwegs. Nach Polizeiangaben erfasste der Motorradfahrer die ältere Frau, die gerade mit ihrer Tochter die Bürgermeister-Smidt-Straße in Höhe der Haltestelle Am Brill überquerte. Die 78-Jährige wurde durch den Aufprall einige Meter weit geschleudert, der 18-jährige Fahrer geriet ins Straucheln und stürzte.

Wie die Polizei auf Nachfrage des WESER-KURIER bestätigt, hatte der Motorradfahrer erst seit kurzem einen Führerschein für offene – also nicht gedrosselte – Motorräder. Mit welcher Art von Motorrad er am Donnerstagabend gefahren sei, stehe aber noch nicht fest. Zeugen hatten berichtet, dass der 18-Jährige mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein soll. Zur Höhe der Geschwindigkeit konnte die Polizei am Freitag aufgrund der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch nichts sagen.

Gaffer versuchten über die Absperrung zu gelangen

Wie häufig bei Unfällen hatten die Polizeibeamten auch am Donnerstagabend mit sogenannten Gaffern zu tun. „Einige Personen versuchten außerdem, aus Abkürzungszwecken durch die Absperrung hindurch die Bürgermeister-Smidt-Straße zu überqueren, sie konnten daran allerdings durch die Polizeibeamten gehindert werden und erhielten einen Platzverweis", sagt Polizei-Sprecherin Jana Schmidt. Nachdem Sichtschutzwände aufgestellt und die Absperrungen erweitert wurden, habe die Zahl der Schaulustigen abgenommen.

„Es vergeht kein Tag, an dem kein Unfall passiert; ob mit Fahrradfahrern oder Fußgängern“, sagt Gerald Reinhardt. Tagsüber steht der Taxifahrer mit seinem Wagen an dem Stand am Brill und beobachtet das tägliche „Verkehrschaos“. Schuld an der gefährlichen Gemengelage sei unter anderem die katastrophale Ampelschaltung: „Während die eine Ampel grün ist, zeigt die andere Rot an. Fußgänger gehen dann aus Reflex rüber“, sagt er. Doch auch die Raserei sei ein Problem. „Viele Autofahrer treten gerne aufs Gaspedal, ohne Rücksicht auf Fußgänger“, sagt Reinhardt.

Der Bereich an der Brill-Kreuzung ist seit Jahren ein Unfallschwerpunkt in der Stadt, weil sich dort immer wieder verschiedene Verkehrsteilnehmer in die Quere kommen. Mit tödlichen Folgen: Anfang April war eine 24-jährige Radfahrerin beim Abbiegen von einem Lkw erfasst und überfahren worden. Wie der WESER-KURIER berichtet hatte, ereigneten sich von Januar bis März dieses Jahres sechs Verkehrsunfälle im Bereich der Brill-Kreuzung, aktuelle Zahlen konnte die Polizei nicht nennen. 2017 waren es den Angaben zufolge 53 Verkehrsunfälle mit drei schwer- und zehn leichtverletzten Menschen.

Devon Boga arbeitet im "Cafe & Bar Celona", das Restaurant liegt direkt an der Ecke Schlachte und Bürgermeister-Smidt-Straße. An warmen Sommertagen und -abenden sind rund um die Flaniermeile Tausende Menschen unterwegs, die die Straße in Richtung Haltestelle oder andere Schlachte-Seite überqueren. Er bekommt den Verkehr und viele brenzlige Situationen hautnah mit, und er sagt: „Es war definitiv vorhersehbar, dass so ein Unfall hier irgendwann passiert.“ Mehrere Male habe er schon Situationen gesehen, die gefährlich aussahen und gerade noch glimpflich ausgegangen seien.

"Dieser Unfall hat mich wirklich erschüttert"

Häufig würden diese Situationen durch Raser – sogenannte Poser – provoziert. „Wir haben hier sowohl Auto- als auch Motorrad-Poser ohne Ende.“ Nicht selten komme es vor, dass sich Gäste wegen der Lautstärke die Ohren wegen der „hochgetunten Karren“ zuhielten. „Die Poser denken, das ist cool und wollen ihre Show abziehen, weil hier so viele Menschen an der Schlachte sitzen“, sagt er. Sorge bereite ihm, dass viele Passanten, darunter auch Kinder, die Straße überquerten – und dafür eben nicht die Ampel nutzten. Ein fester Blitzer oder ein Zebrastreifen als zusätzlicher Fußgängerüberweg wären hilfreich.

„Ich bin ganz tief getroffen. Dieser Unfall hat mich wirklich erschüttert“, sagt Matthias Rauch, der für die Linken unter anderem im Fachausschuss Bau und Verkehr des Beirates Mitte sitzt. Auch er habe solch einen schweren Unfall, wie er am späten Donnerstagabend passiert ist, schon seit langer Zeit vorausgesagt. In der Ausschuss-Sitzung Ende Mai hatte er gewarnt: „Wir wollen keine Todesopfer an der Kreuzung." Nun sei genau das passiert. Rauch gibt dem Amt für Straßen und Verkehr und der Baubehörde dezidiert eine Mitschuld an dem schweren Unfall: „Hier wurde etwas verschlampt. Man hat versäumt, diese offensichtliche Gefahrenstelle zu beseitigen.“ Rauch betreibt rund 50 Meter vom Unfallort entfernt seine „Rauchs Café Bar“ und kennt die Gefahren der Schlachte-Querung nur zu genau.

Seit Jahren seien sich die Mitglieder des Beirates einig, dass auf jeder Fahrbahn-Seite eine Verkehrsinsel etabliert werden müsse. Das sehe auch die Standortgemeinschaft St. Stephani so. Rauch befasst sich seit acht Jahren mit der Situation an der Brill-Kreuzung: „Das ist schon frustrierend, wenn man für die Sicherheit und Verbesserung des Viertels kämpft und es zuerst heißt: Das ist nicht nötig; dann: Wir haben kein Geld und schließlich keine Planer. Als die Planungen dann endlich doch abgeschlossen waren, hieß es zum Saisonbeginn: Jetzt haben wir keine Bauarbeiter", ärgert sich der Café-Besitzer. Die Argumentation, dass Passanten auch die Treppe an der Weser hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf als Schlachte-Querung nutzen könnten, hält er für unrealistisch: „Das dauert den Passanten doch viel zu lange.“

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Neue Fußgängerüberwege

Die Verkehrsbehörde will noch in diesem Jahr drei neue Fußgängerüberwege an der Bürgermeister-Smidt-Straße einrichten „Auf der Neustadt-Seite wird es jeweils einen Überweg an der Großen Johannisstraße und an der Straße Am Deich, die sich direkt an der Brücke befindet, geben. Auf der anderen Brückenseite ist ein Überweg in Höhe der Schlachte geplant“, bestätigt der Sprecher der Verkehrsbehörde, Jens Tittmann, dem WESER-KURIER auf Nachfrage. Diese konkrete Planung habe es bereits vor dem tödlichen Unfall am Donnerstagabend gegeben. Vom 1. bis 13. Oktober sollen die Überwege mit einer Insel in der Mitte der Fahrbahn gebaut werden. Vor allem der Bereich an der Schlachte sei sehr problematisch, weil dort viele Menschen neben Straßenbahnen, Bussen und Autos unterwegs seien, so Tittmann.

Erst vor Kurzem hatte die Behörde von Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) ihre Pläne für zusätzliche Tempo-30-Zonen in den Stadtteilen vorgestellt. Den Bereich um die Bürgermeister-Smidt-Brücke zur Tempo-30-Zone zu erklären, sei jedoch nicht möglich: „Tempo 30 ist an ganz klare Voraussetzungen gebunden, so müssen sich etwa Altenheime, Schulen oder Kitas dort befinden. Ein Unfallschwerpunkt als Begründung reicht nicht aus, das ist nicht gerichtsfest“, betont Tittmann.

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