Feuersturm im Bremer Westen Unsere Leser erinnern sich

Zum Feuersturm-Dossier erreichen uns Zuschriften, die nur stark gekürzt als Leserbrief abgedruckt werden könnten. Um unsere Leser dennoch damit bekannt zu machen, publizieren wir sie an dieser Stelle.
23.08.2019, 15:32
Lesedauer: 2 Min
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Unsere Leser erinnern sich
Von Frank Hethey

Sieben Menschen in einem Grab

Erschüttert las ich das Dossier „Der Feuersturm vor 75 Jahren“ und wieder die Zahl: 1059 Menschen kamen ums Leben. Die meisten wurden in Massengräbern auf dem Osterholzer Friedhof begraben.

Zwei dieser Bombenopfer sind meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter. Zweite Reihe, fünfter Grabstein von links – Ich muss erst einmal das dicke Moos abkratzen, um zu lesen:

19. August 1944

Friedrich Klein, geb. 1882

Hinrich Wellmann, geb. 1891

Friederike Lilie, geb. 1876

Margarete Meyer, geb. 1857

Karl Pfluger, geb. 1865

Marie Pfluger, geb. 1860

Siegfried Storlein, geb. 1905

Sieben Menschen in einem Grab – oder das, was man von ihnen fand nach dem Inferno im Bremer Westen! Fast alles Nachbarn vom Gröpelinger Deich, wo meine Großeltern wohnten.

Wo damals die Häuser des Gröpelinger Deichs standen, ist heute der Wall, der die ehemaligen bremischen Hafenanlagen begrenzt - die „Waller Welle“ blüht jedes Jahr darauf, gepflanzt aus tausenden von Osterglocken. Darunter liegen die Trümmer der verbrannten Häuser.

Der Weg zum Bunker war für meine Großeltern schon lange zu weit. Meine Großmutter (84) litt am Grauen Star und war fast blind. Deshalb stiegen die beiden alten Leute bei Fliegeralarm in den Keller ihres kleinen Hauses hinab. Dieser war durch eine Klappe im Fußboden des Flurs über eine Leiter zu erreichen. Meine Eltern und ich (geb. 1939), wir waren schon seit 1943 in einem anderen Stadtteil „einquartiert“, weil unser Haus im Westen früher ausgebombt war. So saßen wir während dieses Angriffs dort im Bunker und spürten die schweren Detonationen, die diesmal nicht unsere Gegend trafen. Das Ausmaß der Katastrophe ahnten meine Eltern erst, als sie den Bunker verlassen konnten.

Am nächsten Morgen, als der Feuersturm sich gelegt hatte, kämpfte sich mein Vater durch die qualmenden Ruinen bis zu der Gegend vor, die einmal der Gröpelinger Deich gewesen war. Mein Vater hat über diese Stunden auch später kaum sprechen können. Die Bilder, die sich ihm dort einprägten, waren zu schrecklich. Überall in den Straßen lagen Leichen, zusammengeschrumpft auf Kleinkindgröße durch die unvorstellbare Hitze.

So musste er meiner Mutter die Nachricht vom Tod ihrer Eltern vermitteln. In dieser Feuerwüste konnten sie nicht überlebt haben.

Weil ich noch so klein war, versuchten meine Eltern, mich nicht mit den schrecklichen Geschehnissen zu belasten. Aber ich merkte, dass meine Mutter in dieser Zeit viel weinte. Bis in ihr hohes Alter beschäftigte sie die Unsicherheit, wie ihre Eltern zu Tode gekommen sind. „Hoffentlich wurde das Haus zuerst von einer Sprengbombe getroffen, so dass das Ende schnell kam!“

Nie wieder Krieg! Das war für meine Mutter so wichtig, dass sie sich der Frauen-Friedensbewegung anschloss. Sie kämpfte gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik, protestierte gegen die Panzertrasse in der Garlstedter Heide und sammelte Unterschriften für einen Atomwaffen-Sperrvertrag.

Als dann das Abkommen über das Verbot von landgestützten Mittelstreckenwaffen von USA und UdSSR unterschrieben wurde, wertete meine Mutter das als einen Erfolg der internationalen Friedensbewegung.

Und heute?! So viele Kriege in aller Welt! Der INF- Vertrag wurde von den USA und dann auch von Russland gekündigt. Die Atombomben sollen modernisiert werden. Da wird gedroht und provoziert. Jederzeit kann (vielleicht aus einem Missverständnis!) ein neuer Weltkrieg entstehen. Dann wären alle Maßnahmen zum Schutz unserer Umwelt lächerlich: Unser Planet würde unbewohnbar.

Deshalb brauchen wir wieder eine starke Friedensbewegung, die auf die Regierenden Druck ausüben kann.

Umweltschutz und Einsatz für Frieden und Abrüstung gehören zusammen.

Marianne Berger

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