Rechtsextreme Szene Verstrickungen am rechten Rand

Hooligans, Aktivisten der Identitären Bewegung sowie Parteien bewegen sich in der äußerst rechten Szene Bremens. Was das mit Musik und Sport zu tun hat.
12.01.2019, 19:13
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Verstrickungen am rechten Rand
Von Sebastian Krüger

Der Angriff auf den Bremer AfD-Chef und Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz hat international für Furore gesorgt. Die Ermittlungen sind noch nicht beendet. Dennoch bietet der Vorfall Anlass, Bremens rechte Szene unter die Lupe zu nehmen und Hintergründe zu beleuchten.

„Bremen ist für die AfD ein schwieriges Pflaster“, sagte Magnitz dem WESER-KURIER wenige Tage vor dem Überfall am Montag. Schlagzeilen machte die Bremer AfD zuletzt vor allem durch Probleme mit ihrer Jugendorganisation, der Jungen Alternative (JA). Im vergangenen Jahr gaben die Länder Bremen und Niedersachsen bekannt, dass sie die JA vom Verfassungsschutz beobachten lassen werden. Die niedersächsische Jugendorganisation kündigte daraufhin ihre Auflösung an, die Zukunft der Bremer JA ist ungewiss. Die Bremer AfD hatte der Organisation die Auflösung nahe gelegt, passiert ist aber noch nichts.

Häufig schon standen die personellen Verbindungen zwischen der JA und der als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung (IB) in der Kritik. Die AfD führt die IB auf ihrer Unvereinbarkeitsliste. Das bedeutet: Offiziell will man ausschließen, dass Mitglieder sich sowohl bei der JA als auch bei den Identitären engagieren. Dennoch sind die Verbindungen auch in Bremen eng.

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„Die JA ist ein wichtiges Rekrutierungsfeld für die IB“, sagt Max Wengel von der Bremer Beratungsstelle Proaktiv gegen Rechts. Zusätzlich stelle die Junge Alternative eine Schnittstelle zwischen IB und AfD dar. „So kann die Partei jegliche Kontakte zur IB verneinen und gleichzeitig die Kontakte zwischen IB und JA nutzen.“

Dafür gibt es in Bremen mehrere Beispiele: Im Juni 2017 wurden der Bremer JA-Vorsitzende Robert Teske und sein Stellvertreter Marvin Mergard auf einer IB-Demonstration in Berlin gesehen. Kurz darauf machte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Rahmen des Wahlkampfs Halt in Bremen. Frank Magnitz verteilte damals gemeinsam mit Identitären-Aktivisten wie Jonas Schick Flugblätter, die Merkels Flüchtlingspolitik kritisierten. Später sagte Magnitz dem WESER-KURIER, die Aktion sei nicht geplant gewesen und stelle keinen Bruch des Unvereinbarkeitsbeschlusses dar.

Im April 2018 teilte das Blogger-Netzwerk AfD Watch Bremen mit, eigenen Recherchen zufolge habe Magnitz in seinem Abgeordnetenbüro in Walle augenscheinlich den IB-Aktivisten Schick beschäftigt. Auf Videoaufnahmen soll zu sehen sein, wie Teske und Schick mehrere Tage in Folge das Haus zu üblichen Bürozeiten betreten und wieder verlassen haben. Schick soll dem Portal nach im Sommer 2017 aus der AfD ausgetreten sein und sich ganz offiziell der IB angeschlossen haben.

Identitäre Aktivitäten

Nach Angaben des Verfassungsschutzes gründete sich 2012 erstmals eine Bremer Ortsgruppe der IB, ließ jedoch nach einer aktiven Anfangsphase lange nichts von sich hören. 2016 belebten demnach Aktivisten der rechtsextremen Szene Bremens die Gruppierung wieder und sind seither sehr aktiv. Die IB ist bekannt dafür, ihre extremen Anschauungen hinter einer hippen, jungen Fassade zu verstecken. Die Aktivisten inszenieren sich medienwirksam und arbeiten effektiv in sozialen Netzwerken. Im Mai 2017 kam es zu einer größeren Aktion in Bremen: Aktivisten besetzten das Segelschiff Alexander von Humboldt an der Schlachte und hissten ein fremdenfeindliches Banner.

Ein neuer Akteur in der rechtsextremen Szene Bremens ist die Partei Die Rechte. Im vergangenen August gründete die Partei mit Sitz in Dortmund einen Landesverband in Bremen. Nach eigenen Angaben verfügt die Die Rechte über knapp 30 Mitglieder in der Hansestadt. Vorsitzender ist der ehemalige Bremerhavener NPD-Politiker Alexander von Malek. Der Parteivorsitzende Sascha Krolzig betonte auf Nachfrage, dass die Partei an der diesjährigen Bürgerschaftswahl im Mai teilnehmen wolle.

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Im Verfassungsschutzbericht wird Die Rechte als rassistisch, antisemitisch, islamfeindlich und revisionistisch bezeichnet. Einige Unterorganisationen der Partei hätten sich zu Auffangbecken für Neonazis entwickelt, heißt es. Inwieweit die Partei in Bremen Potenzial hat, werde sich zeigen, sagt Wengel von Proaktiv gegen Rechts. Zuletzt seien rechtsextreme Organisationen in Bremen wenig erfolgreich gewesen. „Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre und einer auch weiterhin fest verankerten und gut organisierten extrem rechten Szene ist ein Erfolg aber auch nicht ausgeschlossen.“

Die Rechtsaußen-Szene geht in Bremen weit über das bloße politische Engagement hinaus. Der Verfassungsschutz attestierte dem Bundesland eine rechtsextreme "Mischszene" aus gewaltorientierten Rechtsextremisten und Angehörigen anderer Szenen wie rechten Hooligans oder Rockern. Die Hooliganszene ist demnach eine feste Größe in Bremens rechtsextremen Kreisen. Seit den 1980er-Jahren versuchten Aktivisten, Hooligans aus der ursprünglich eher unpolitischen Szene abzuwerben. Ein wichtiger Türöffner dabei ist laut Verfassungsschutz die Musik. Mit Kategorie C hat eine bundesweit bekannte rechtsextreme Hooligan-Band ihren Ursprung in Bremen. Frontmann Hannes Ostendorf sang nach Medienberichten zwischenzeitlich auch bei der Bremer Band Nahkampf, die dem 2000 verbotenen Neonazi-Netzwerk Blood & Honor nahestand. Laut Verfassungsschutz waren beide Bands 2017 aktiv.

Werder-Fans setzen sich ein

Politische Auseinandersetzungen gab es auch in und um das Weserstadion. Allen voran die linken Ultra-Gruppen haben in einem jahrelangen Kampf die rechten Hooligans aus der Fankurve verdrängt. Dafür wurden die Ultras zum Feindbild bei Neonazis und rechten Hooligans. 2007 überfielen zwei Dutzend Rechte eine Feier der antirassistischen Gruppe Racaille Verte im Ostkurvensaal des Weserstadions. Die Schläger prügelten auf die Feiernden ein, darunter viele Jugendliche. Die Bilanz: zwei Schwerverletzte, fast 40 Leichtverletzte. Zeugen machten rechte Hooligans von „Standarte Bremen“ als Täter aus.

Mehr als vier Jahre später begann der Prozess gegen sieben Schläger, die letztlich mit Geldstrafen davonkamen. Das sorgte unter den Ultras für Unmut, befeuerte jedoch das Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Seitdem haben sich gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern aus dem Stadion heraus verlagert.

„In der Ultra-Szene ist das gesellschaftspolitische Engagement sehr groß, das weit über den Verein hinausgeht“, sagt Björn Fecker, Präsident des Bremer Fußballverbands sowie stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft. Werderfans, allen voran die Ultra-Szene, würden sich lautstark gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie einsetzen. Für ihn ist es ein positives Zeichen, dass die Fans vor Ort gegen Ausgrenzung jeder Art vorgingen. „Das zeichnet die Fanstruktur in Bremen aus“, sagt er. Dabei müssten sich jedoch alle an die Regeln halten.

Politischer Fußball

Aber nicht nur die Hooligans bekommen Gegenwind aus Politik und Sport: Besonders scharfe Kritik an der AfD kam im vergangenen Jahr vom SV Werder. „Jeder AfD-Wähler sollte schon wissen, dass es ein Widerspruch ist, Werder gut zu finden und die AfD zu wählen“, sagte Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald im Interview mit „mein Werder“ – und sorgte damit im September bundesweit für Aufsehen. Später deutete Hess-Grunewald außerdem an, AfD-Mitglieder könnten ihre Dauerkarten verlieren. Diese Äußerung relativierte der Präsident dann und betonte, Werder stehe für Solidarität, Fairness und Weltoffenheit. „Und deshalb“, fuhr er fort, „soll jeder AfD-Sympathisant seine Dauerkarte wahrnehmen, weil er im Weserstadion die Vorteile der Gesellschaft, für die wir stehen wollen, aufsaugen soll.“

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