Friedhöfe Walle und Gröpelingen

Waller Friedhof: Mehr Platz durch den Trend zur Urne

Immer mehr Menschen wollen, dass ihre Asche in einer Urne beigesetzt wird. Auf den Friedhöfen in Walle und Gröpelingen deuten sich vor diesem Hintergrund in der fernen Zukunft Veränderungen an.
28.02.2019, 06:00
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Waller Friedhof: Mehr Platz durch den Trend zur Urne
Von Anne Gerling
Waller Friedhof: Mehr Platz durch den Trend zur Urne

Ein Bereich an der Bremerhavener Straße ist für Grab-Neuvergaben gesperrt. Dort klaffen bereits Lücken in der Anlage.

Roland Scheitz

Schöne alte Bäume, malerische Seen und herrliche Ruhe: Viele Menschen im Bremer Westen schätzen den Waller Friedhof als grüne Oase und Ort der Erholung. „Wir sehen hier 200 bis 300 Leute am Tag“, schätzt Friedhofsmeister Ralf Mischke, der viele Besucher des beliebten Parkfriedhofs vom Sehen kennt.

Doch für den Umweltbetrieb Bremen (UBB) wird es zunehmend schwierig, das 29 Hektar große Areal zwischen Gröpelinger Heerstraße, Pastorenweg, Bremerhavener Straße und Waller Park zu unterhalten. Der Grund dafür ist der „Trend zur Urne“, wie es Ralf Mischke und Günter Brandewiede nennen, der bei UBB für die Pflege der Grünflächen im Bezirk West/Mitte verantwortlich ist. Denn es zeichnet sich seit Längerem ein grundsätzlicher Wandel in der Bestattungskultur ab: Während früher so gut wie jeder im Sarg zu Grabe getragen wurde, liegen heute auf dem Waller Friedhof die Urnenbestattungen pro Woche im zweistelligen Bereich, während es im selben Zeitraum nur noch etwa zwei bis drei Erdbestattungen gibt. Immer mehr Urnengärten sind auf dem Friedhofsgelände zu finden; 47 Urnenfelder für jeweils 60 Menschen wurden dort bereits angelegt.

Eine Urnenbestattung ist deutlich günstiger als eine Erdbestattung und deshalb insbesondere für Menschen interessant, die bewusst auf ihre Ausgaben achten müssen. Auch ist für die Hinterbliebenen die Grabpflege deutlich weniger aufwendig als bei einer Erdbestattung.

Günstig und platzsparend

Mit einem Platzbedarf von etwa einem Quadratmeter Fläche gegenüber der Erdbestattung, für die zwei Quadratmeter veranschlagt werden, ist eine Urnenbestattung außerdem auch deutlich platzsparender. Es wird also auf dem Waller Friedhof – wie auch auf anderen Friedhöfen – immer weniger Fläche für Grabstellen benötigt, wobei gleichzeitig die Einnahmen sinken, über die UBB die Bewirtschaftung der Fläche bezahlt. Vor einigen Jahren sind vor diesem Hintergrund auf verschiedenen Bremer Friedhöfen sogenannte Sperrflächen ausgewiesen worden, auf denen seitdem nicht mehr bestattet wird beziehungsweise nur noch auf 20 Jahre ausgelegte Urnenbestattungen möglich sind. Da bei Erdbestattungen Grabstellen jeweils für 30 Jahre vergeben werden und es einmalig die Option auf eine Verlängerung um weitere 20 Jahre gibt, wird es also noch rund 40 Jahre dauern, bis sich auf diesen Sperrflächen keine Grabstätte mehr befindet. Dann könnten sie anderweitig genutzt werden.

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Dass sich bestimmte Areale verändern, ist bei einem Spaziergang über den Parkfriedhof bereits erkennbar. Mischke beschreibt es so: „Wenn man sich das Friedhofsgelände wie ein Schwein von der Seite vorstellt, dann sieht der Kopf dieses Schweins inzwischen schon wie ein ‚zahnloser Tiger‘ aus.“ Denn der Schweinekopf – also der Friedhofsbereich an der Hafenrandstraße etwa in Höhe des J.-Müller-Rohkaffee-Umschlags – ist teilweise zur Sperrfläche erklärt worden. Dort sind in den vergangenen Jahren ausgelaufene Grabstellen zu Brachflächen geworden.

Aufkleber und Schilder

Aufkleber und Schilder kennzeichnen Grabstellen, deren Laufzeit bald zu Ende geht. Hier sind die Hinterbliebenen aufgefordert, sich mit der Friedhofsverwaltung in Verbindung zu setzen. Neben einer Verlängerung sei es auch möglich, eine Grabstelle vorzeitig zurückzugeben, erzählen Brandewiede und Mischke. Wo aufgegebene Grabstellen zusammengesackt sind, wird wieder Erde aufgefüllt. Besonders schöne oder historisch wertvolle Grabsteine lässt Mischke nach Auslaufen der Gräber andernorts auf dem Gelände auf­stellen.

Entwicklungspotenzial über seine ursprüngliche Fläche hinaus hat der Waller Friedhof übrigens nie gehabt. Schließlich ist er an drei Seiten von Straßen umgeben und der an der vierten Seite gelegene historische Waller Park kommt Mischke zufolge nicht als Erweiterungsfläche in Frage. „Anders als zum Beispiel Bremens größter Friedhof in Osterholz haben wir hier auch keine Katastrophenfläche für Ereignisse wie Krieg oder eine Epidemie, bei denen viele Tote zu erwarten sind“, erzählt der Friedhofsmeister. „Träte so ein Fall ein, dann müssten wir zwischen den Reihen beerdigen.“

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Als die Stadt vor gut sechs Jahren ihre Friedhofsentwicklungsplanung aktualisieren und den Waller Friedhof um 35 Prozent verkleinern wollte, lehnte der Waller Beirat dies entschieden ab und forderte stattdessen ein Konzept zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Dass tatsächlich einmal Teile des Friedhofs abgetrennt und bebaut werden, daran glaubt Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD) heute nicht mehr: „Auch wenn klar zu sehen ist, dass die Grabstellen weniger werden und die Gräber breit gestreut sind.“

In Gröpelingen drohte dem kleinen Dorffriedhof aus dem 19. Jahrhundert beim Straßenbahndepot damals sogar die Schließung, was sogleich Günter Reichert, den damaligen Leiter der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, auf den Plan rief. „Die Grabsteine sind die Denkmäler des kleinen Mannes“, unterstrich er. Denn anders als in Walle, wo Berühmtheiten wie der Kaufmann Baron Johann Ludwig Knoop, der Worpsweder Maler Fritz Overbeck oder der Bürgerpark-Gartenarchitekt Wilhelm Benque bestattet sind, finden sich auf den Grabsteinen in Gröpelingen die Namen vieler alteingesessener Bauernfamilien. Im Februar 2013 hatte sich deshalb der Beirat Gröpelingen einstimmig gegen das Aus für den einen Hektar großen Friedhof ausgesprochen, auf dem seit einigen Jahren keine Gräber mehr neu vergeben werden. Bislang ist unklar, wie es weitergeht, wenn in rund 40 Jahren alle Gräber ausgelaufen sind.

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