50 neue Streckenabschnitte Warum Tempo 30 in Bremen oft nicht klappt

Vor Kitas, Seniorenheimen und Schulen sollen in Bremen Tempo-30-Zonen entstehen. So sieht es das Gesetz vor. Das klappt allerdings nicht überall. Warum nicht alle sozialen Einrichtungen profitieren.
23.09.2019, 05:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Karin Mörtel Anne Gerling Sigrid Schuer Christian Hasemann Pascal Faltermann

Vor welchen Kitas, Schulen oder Seniorenheimen kommen neue Tempo-30-Strecken und wo nicht? Darüber wird seit einiger Zeit in den Stadtteilen diskutiert. Insgesamt 50 neue Abschnitte gibt es bereits, 18 weitere sollen bis Ende 2019 noch folgen und zusätzliche 110 mögliche Bereiche werden derzeit überprüft. Der genauere Blick in die Quartiere zeigt schon jetzt: Die Hoffnung vieler Anwohner, Kita-, Schul- und Senioreneinrichtungsleiter oder Beiratspolitiker erfüllt sich nicht, dass möglichst alle schützenswerten Einrichtungen das Tempo-30-Limit bekommen.

Links der Weser

In den Stadtteilen im Bremer Süden sind bisher zehn unstrittige Tempo-30-Strecken eingerichtet. Von den weiteren 24 Vorschlägen, die vorrangig daraufhin überprüft werden mussten, ob Busse und Straßenbahnen dadurch aus dem Takt kommen, sind mittlerweile viele abgelehnt. In Huchting betrifft das alle vorgeschlagenen drei Einrichtungen, weil sie an den Hauptstraßen liegen, über die der Ringbusverkehr fährt. „Traurige Listen“ nennt die Neustädter Ortsamtsleiterin Annemarie Czichon die Blätter, auf denen die sozialen Einrichtungen stehen, die nicht von der Gesetzesänderung profitieren können.

In Woltmershausen kann wegen betroffener Buslinien entlang der Woltmershauser Straße das Tempo nicht reduziert werden, in der Neustadt betrifft es beispielsweise die südliche Kornstraße, den Kirchweg, Teile des Buntentorsteinweges und weitere Straßenzüge. Den Beirat freut es allerdings, dass vor der Oberschule am Leibnizplatz auf der Friedrich-Ebert-Straße eine Tempo-30-Strecke bewilligt ist. Die soll dann aber kurz vor dem viel besuchten SOS-Kinderdorf-Zentrum enden. Der Beirat fordert daher aktuell, dass die Strecke unbedingt verlängert werden muss.

Im Ortsteil Strom geht ein seit vielen Jahren gehegter Wunsch in Erfüllung: „Wir bekommen vor unserer Grundschule endlich Tempo 30“, sagt Ortsamtsleiter Wilfried Frerichs. Ob die vielen Autos und Laster, die täglich auf der Stromer Landstraße unterwegs sind, künftig tatsächlich langsamer fahren, bezweifeln indes viele Anwohner. Der Wunsch nach strengen Tempokontrollen ist entsprechend groß.

In Obervieland macht sich Enttäuschung breit: Auf der Liste der abgelehnten Tempo-30-Strecken findet sich wegen befürchteter Nachteile für den Busverkehr ein Stück der Alfred-Faust-Straße wieder, an dem eine Grundschule, ein Seniorenheim und zwei Kitas Standorte haben. „Der Beirat wird trotzdem weiter versuchen, dort eine Geschwindigkeitsreduzierung hinzubekommen“, kündigt Ortsamtsleiter Michael Radolla an.

Nordosten

In Schwachhausen gibt es ähnliche Diskussionen wie in der ganzen Stadt. Die Tempo-30-Anordnungen vor Kitas, Schulen und Senioreneinrichtungen werden zwar nach und nach umgesetzt, aber nicht immer im Sinne des Beirates. Dessen Mitglieder hatten mehrfach gefordert, dass vor dem Hermann-Böse-Gymnasium, der Stiftungsresidenz Landhaus Horn und dem Kippenberg-Gymnasium aus Sicherheitsgründen auch für Busse und Straßenbahnen in beiden Fahrtrichtungen Tempo 30 gelten soll. In der Verkehrsbehörde werde die Sicherheitsbedenken aber nicht geteilt, hieß es gegenüber dem Beirat.

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„Immer dort, wo Busse oder Bahnen fahren gibt es Diskussionen“, sagt Beiratssprecherin Gudrun Eickelberg. So gebe es auch bei der Hollerallee vor dem Montessori Kinderhaus noch Klärungsbedarf, weil dort eine Buslinie vorbei fährt. Dort soll eigentlich in einer zweiten Stufe eine Tempo-30-Strecke eingerichtet werden. Ähnliche Beispiele gibt es auch in Oberneuland oder Horn.

In Horn-Lehe wird vor acht Einrichtungen das Einrichten eines Geschwindigkeitslimit geprüft und ob es dort negative Auswirkungen auf den ÖPNV geben könnte. Sechs der acht Einrichtungen liegen an der Marcusallee: der Kindergarten Sternchen, die Kindergruppe Kokolores, das Pflegezentrum Marcus­allee, die Kinderkrippe Krabbelkäfer, die Stiftungsresidenz und die Schule an der Marcus­allee. Auch an der Universitätsallee vor dem Berufsbildungswerk und vor der Kita Berckstraße soll geprüft werden, ob sich eine Temporegulierung mit dem ÖPNV vereinbaren lässt. Die Ergebnisse werden dem Verkehrsausschuss erneut zur Abstimmung vorgelegt.

Südosten

Der Bremer Südosten hadert mit der Umsetzung der neuen Tempo-30-Abschnitte, den Beiräten geht die Neuregelung nicht weit genug. Beispiel Julius-Brecht-Allee und Kurt-Schumacher-Allee in der Vahr: Dort gibt es mehrere Schulen, eine Einrichtung für Senioren und vor dem Einkaufszentrum Berliner Freiheit einen Unfallschwerpunkt Bremens. Nun ist nicht etwa auf der gesamten Strecke zwischen der Grundschule in der Vahr, dem Seniorenheim und der Oberschule Kurt-Schumacher-Allee Tempo 30 angeordnet, sondern nur Abschnittsweise, sodass Autofahrer beschleunigen und abbremsen müssen.

Skurril wird es vor der Oberschule direkt gegenüber vom Einkaufszentrum: Dort gilt kein Tempo 30. Die Begründung: Busse der BSAG würden durch den Tempo-30-Abschnitt aufgehalten. Diese würden allerdings nur auf knapp 150 Meter von dem Tempolimit betroffen sein. Schulleiter Christian Sauter: „Wir haben wohl ein Alleinstellungsmerkmal: Bei uns wird Tempo 30 aufgehoben.“ Das Unverständnis ist beim Schulleiter und im Beirat umso größer, da seit Anfang September auf der gegenüberliegenden Fahrbahn vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV) Tempo 30 angeordnet worden ist. Der Grund: die hohe Unfallgefahr.

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Westen

Im Bremer Westen variieren die Erfahrungen und Einschätzungen, wobei die kritischen Stimmen überwiegen. Dass in Gröpelingen an der Ludwig-Plate-Straße beim Martinshof Tempo-30-Schilder aufgestellt worden sind, habe von den Autofahrern noch keiner bemerkt, sagt etwa Dirk Dieling, der die dortige Betriebsstätte Schiffbauerweg leitet. Er vermutet, dass viele Fahrer die Hinweisschilder gar nicht sähen: „Gerade die Lkw brettern hier mit 50 bis 60 Sachen vorbei.“

Ähnliche Erfahrungen hat das Team des Vereins Familien in Findorff (Fif) gemacht, der im ehemaligen Wasserwirtschaftsamt an der Theodor-Heuss-Allee Kleinkindgruppen betreut. Die Strecke in Verlängerung der Admiralstraße lädt regelrecht dazu ein, Gas zu geben – auch wenn es hier bis vor Kurzem eine „natürliche Bremsung“ durch die Kanalbaustelle gab. „Wir haben uns als Kindertagesstätte natürlich sehr gefreut, dass die Tempo-30-Schilder im letzten Jahr aufgestellt wurden, und wir hatten sehr gehofft, dass sich die Autofahrer auch daran halten würden“, sagt Fif-Mitarbeiterin Anja Heldmann.

Die Mitarbeiterinnen vor Ort seien allerdings sehr enttäuscht, da sich kaum jemand an die Geschwindigkeitsbegrenzung halte. Es sei dort sogar beobachtet worden, dass Autofahrer die sich an das Tempolimit halten, waghalsig überholt würden. „Eine Bodenwelle oder ähnliches vor unserer Einrichtung wäre sicher eine bessere oder zusätzliche Maßnahme, die Fahrer zu stoppen“, sagt Heldmann.

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Als unkritisch bezeichnet hingegen eine Mitarbeiterin der Krippe Portland der Wilhadi-Gemeinde in der Überseestadt die Situation an der Konsul-Smidt-Straße, wo ebenfalls Schilder aufgestellt worden sind. „Da gibt es keine Probleme, wenn wir mit den Kindern da langlaufen“, sagt sie.

Mitte/Östliche Vorstadt

Manchmal, räumt ASV-Sprecher Martin Stellmann ein, stießen einige Markierungen von Tempo 30-Strecken in der öffentlichen Wahrnehmung schon auf Verwunderung. Er nennt gleich zwei Stellen im Viertel, die immer wieder für Diskussionen sorgen: So gibt es einerseits auf dem Osterdeich einen Flickenteppich mit Tempo-30- und Tempo-50-Schildern, die Sankt-Jürgen-Straße ist dagegen durchgängig als Tempo-30-Strecke ausgewiesen. „Es kommt immer darauf an, in welcher Dichte die schutzwürdigen Einrichtungen hintereinander liegen“, erklärt Stellmann. Deshalb sei es so wichtig, dass jede Strecke ausführlich geprüft wird.

Auf dem Osterdeich liegen schützenswerte Einrichtungen wie die Kita Las Mariquitas gegenüber dem Bürgerhaus Weserterrassen, die Gesamtschule-Mitte und die ASB-Seniorenresidenz etwas weiter voneinander entfernt. Daher werden die Tempo-30-Strecken vor den betroffenen Abschnitten immer wieder unterbrochen. Dieses ewige Abbremsen und wieder Gas geben bezeichnet Helmut Kersting aus dem Beirat Östliche Vorstadt aus ökologischer Sicht als „absurd“. „Leider wäre es nicht rechtssicher, die Tempo-30-Strecke hier durchzusignalsieren. Wir müssen das alles rechtlich begründen können“, sagt Stellmann. Denn die Tempo-30-Strecken dürften nur jeweils 150 Meter links und rechts von einer schutzwürdigen Einrichtung eingerichtet werden.

Dazu kommt, dass die BSAG bremenweit eng mit in die Entscheidungsfindung eingebunden ist. Das wirkt sich ganz konkret auf weitere zwei neuralgische Stellen aus: So ist die Bismarckstraße, an der das Betty-Gleim-Haus liegt, nicht durchgängig als Tempo-30-Strecke bis zur Sankt-Jürgen-Straße ausgezeichnet. Das Argument der BSAG: Das könnte zu Verzögerungen im Fahrplan führen. Ein entsprechender Bürgerantrag wurde vom ASV abgelehnt. Geklappt hat es aber wunschgemäß, dass vor dem Gymnasium an der Hamburger Straße zum Ende des Monats eine Tempo-30-Zone eingerichtet wird.

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