Förderprogramm „Stadtumbau West“ Was sich im Sanierungsgebiet Huckelriede verändert hat

In den vergangenen zehn Jahren hat das Sanierungsgebiet Huckelriede einen gewaltigen Wandel vom städtebaulichen Sorgenkind zum Quartier mit Potenzial durchlebt. 2022 endet die Förderung. Zeit für eine Bilanz.
04.03.2019, 19:12
Lesedauer: 5 Min
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Von Karin Mörtel

Dass Tausende Bremer jeden Sommer zum Baden und Sonnetanken nach Huckelriede fahren, nehmen die meisten von ihnen nicht wahr. Denn mit dem südlichsten Zipfel der Neustadt verbinden viele Menschen keineswegs die Strände am Café Sand und am Werdersee. Sondern es sind eher Bilder von vermüllten Ecken, ungepflegten Häuserreihen und einer trostlosen Umsteigestelle der örtlichen Verkehrsbetriebe, wo die Menschen voller Unbehagen vor zerstörten Wartehäuschen stehen.

Unter Stadtplanern hat besonders das Zentrum rund um den zugewucherten Huckelrieder Park jahrelang als eines der unansehnlichen Sorgenkinder in Bremen gegolten. Bis zum Jahr 2008. Seither hat sich das Gesicht des Ortsteils so gewaltig verändert, dass auch immer mehr Wohlhabendere dort eine Zukunft für sich sehen.

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Damals hatte der Bremer Senat per Ortsgesetz einen Teil von Huckelriede zum Sanierungsgebiet erklärt, um die soziale Spaltung und den drohenden Niedergang einiger Quartiere zwischen Kirchweg und Niedersachsendamm aufzuhalten. Grundlage war eine Voruntersuchung der städtebaulichen Missstände sowie ein Bürgergutachten, in dem die zentralen Wünsche der Bewohner zusammengetragen worden waren.

Bis heute sind seitdem in das Gebiet für die städtebauliche Aufwertung etwa 16 Millionen Euro geflossen, ein Drittel davon hat der Bund bezahlt. Die Städtebauförderung aus dem Bund-Länderprogramm „Stadtumbau West“ läuft nun bald aus. Die letzten Bauprojekte müssen 2022 fertig sein. Danach gilt es nur noch, die Endabrechnung zu machen. Es ist Zeit für eine erste Bilanz.

Während einer Fahrradtour durch das Sanierungsgebiet wird deutlich: Der gewünschte Wandel ist sichtbar und spürbar – auch wenn er noch nicht an allen Stellen angekommen ist. Zahlreiche Schmuddelecken und Angst-Räume, wie die Planer beispielsweise den zugewucherten Park nannten, in dem auch Drogendealer ihr Unwesen trieben, sind aufgeräumt und umgestaltet. Andere Orte wie der unansehnliche Zigarrenmacherplatz am Kirchweg sollen noch eine ansprechendere Gestalt bekommen.

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Frischekur für Lebensumfeld

Der Niedersachsendamm und der Grünzug Huckelrieder Friedensweg haben als wichtige Bindeglieder zwischen der viel befahrenen Neuenlander Straße und dem Werdersee von Grund auf eine Frischekur erhalten. Insgesamt werden es am Ende etwa 20 verschiedene Projekte sein, die das Lebensumfeld der Bewohner verbessern sollen. Eine Auswahl zeigt die Grafik.

Bauen und Soziales sind bei diesem Versuch eines positiven Impulses untrennbar miteinander verwoben. „Das, was wir mit Umbau und Neubau schaffen können, funktioniert nur, wenn wir das soziale Gefüge mitdenken“, sagt Claus Gieseler aus der Baubehörde, der das Sanierungsgebiet betreut. Zusammen mit dem Quartiersmanager Marc Vobker steht er vor dem neu gebauten Quartierszentrum am Niedersachsendamm, das als Herzstück der Sanierung gilt.

Ein zentraler Wunsch der Bürger war es, einen neuen Treffpunkt zu bekommen mit Bildungs- und Beratungsangeboten sowie Freiraum für eigene Ideen aus der Nachbarschaft. Das gewaltige Wohngebäude der teilstädtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewoba beherbergt nun im Erdgeschoss einen Kindergarten, ein Stadtteilcafé, Veranstaltungsräume, eine betreute Wohngruppe für behinderte Menschen sowie kleine Büros, in denen Ratsuchende Hilfe finden.

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Um dieses ambitionierte Projekt dauerhaft ins Laufen zu bringen, reichte es aber nicht, schöne Räume zu gestalten und die Türen des Quartierszentrums zu öffnen. Geld für Miete, Raumpflege und soziale Projekte sowie engagierte Ehrenamtliche und Fachkräfte mit Ideen und Feingefühl braucht es dort sowie an anderen Stellen. Im Quartierszentrum hat die Sozialbehörde eine Mietausfallbürgschaft und der Martinsclub als Hauptmieter Verantwortung übernommen.

Erfolg und Rückschläge liegen häufig nah beieinander: So gibt es mittlerweile zwar den von den Huckelriedern ausdrücklich gewünschten Stadtplatz für Märkte und Feiern neben der Umsteigestelle. Doch der Wochenmarkt darauf hielt sich trotz vieler Aktivitäten aufgrund zu geringer Umsätze nur gerade mal ein Jahr. „Es braucht bei vielen Dingen einen sehr langen Atem und längst nicht alles klappt in der Praxis wie gedacht“, beschreibt Marc Vobker das Phänomen.

Ziel: Soziale Durchmischung

Auch deshalb war eine der ersten Amtshandlungen der Stadt 2008, über die Sozialbehörde einen Quartiersmanager in das Sanierungsgebiet zu schicken, um den städtebaulichen Wandel gemeinsam mit den Bewohnern vor Ort gestalten zu können. Zunächst war es sein Vorgänger, nun hört Vobker den Menschen zu, lädt zu regelmäßigen Versammlungen ein, knüpft das soziale Netzwerk vor Ort engmaschiger und koordiniert die Projekte, die das Bauliche ergänzen und zu den Bedürfnissen der Bewohner passen.

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Außerdem laufen über seinen Schreibtisch die Anträge für weitere Fördermittel für Huckelriede aus den Programmen „Wohnen in Nachbarschaften“, „Soziale Stadt“ und „Lokales Kapital für soziale Zwecke“. Die Verteilung dieser Gelder fließt im Einvernehmen mit den Bewohnern in meist kleinere Projekte, die das Wohnumfeld und das soziale Miteinander verbessern sollen sowie mehr kulturelle, soziale und Freizeitangebote nach Huckelriede bringen.

Als „friedliches Nebeneinander“ beschreibt Marc Vobker das Zusammenleben der Neubürger in den Reihenhäusern auf einer ehemaligen Brachfläche am Huckelrieder Park mit den Bewohnern der älteren Wohnblöcke im Ortsteil. Ob es jemals ein aktives Miteinander geben wird, kann er noch nicht abschätzen. Aber er freut sich schon heute darüber, dass es wie beabsichtigt geglückt ist, gezielt die Mittelschicht nach Huckelriede zu locken. „Besonders in den Schulen erleben wir bereits heute einen deutlichen Aufschwung, da lernen Kinder aus völlig unterschiedlichen Lebensverhältnissen zusammen“, so Vobker.

„In Beton gegossene soziale Benachteiligung“ nennt der Quartiersmanager die großen Mietskasernen, die im Zweiten Weltkrieg durchweg militärisch genutzt worden sind. In der Scharnhorstkaserne auf der anderen Seite des Niedersachsendamms ist das heute noch der Fall. Dort gibt die Bundeswehr nun ein Grundstück am Werdersee frei, auf dem die Stadt für die kommenden Jahre weitere Mehrfamilienhäuser plant.

Sorgen bereiten den Planern aber noch der spärliche Einzelhandel und die baulichen Missstände an der südlichen Kornstraße. Eine von der Stadt beauftragte Studie hat ergeben, dass viel Potenzial im Bestand steckt, der heute hauptsächlich durch ein wirres Durcheinander an Gebäudehöhen, viele Vergnügungsstätten und schrille Werbung ins Auge sticht. Doch auf Privatgrund ist der Einfluss der Stadt gering, sodass nur die Hoffnung auf private Investoren bleibt.

Wie man Privateigentümer dazu ermuntern kann, in die Aufwertung ihrer Immobilie zu investieren, zeigen die Stadtplaner im Valckenburghquartier. Nach einer Neugestaltung ihrer Wohnstraßen haben bereits einige Hausbesitzer ihre Fassaden in Ordnung gebracht. Für Fachleute gilt, dass in derartigen Fällen ein Euro aus der öffentlichen Hand acht Euro an Privatinvestitionen nach sich zieht. Claus Gieseler ist überzeugt: „Wir haben Standortbedingungen geschaffen, die es Familien auf Haussuche und Investoren leichter machen, sich für Huckelriede zu entscheiden.“

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Sanierungsgebiete

Als Sanierungsgebiet gilt ein fest umgrenztes Gebiet, in dem Kommunen nach einer gründlichen Voruntersuchung eine städtebauliche Sanierung durchführen. Ziel ist es, bauliche Mängel zu beheben, einer sozialen Spaltung entgegenzuwirken und die Lebensbedingungen für die Bewohner zu verbessern. Anlass für den Start vom Bund-Länder-Förderprogramm „Stadtumbau West“ im Jahr 2004 war, dass nicht nur in den neuen, sondern auch in den alten Bundesländern Städte und Gemeinden von den Folgen des wirtschaftlichen und demografischen Strukturwandels betroffen waren. In Bremen wird „Stadtumbau West“ in Osterholz-Tenever (seit 2002), in Lüssum-Bockhorn (seit 2006) und Huckelriede (seit 2008) eingesetzt. Seit 2017 wurde die Förderung mit dem Bund-Länder-Programm „Stadtumbau Ost“ zum Programm „Stadtumbau“ zusammengeführt.

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