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Angst vor Corona: Patienten meiden Krankenhäuser

Aus Angst vor einer Corona-Infektion meiden Patienten mit akutem Behandlungsbedarf Kliniken und Arztpraxen: Besonders deutlich fällt der Rückgang bei Herzinfarkt- und Schlaganfall-Diagnosen aus, warnen Ärzte.
28.04.2020, 20:49
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Angst vor Corona: Patienten meiden Krankenhäuser
Von Sabine Doll

Ärzte warnen vor ungeahnten Folgen der Corona-Pandemie: Aus Angst vor einer Infektion mit dem Virus kämen sehr viel weniger Patienten mit akutem Behandlungsbedarf in die Krankenhäuser. Besonders drastisch sei dieser Rückgang bei Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt. „In den vergangenen Wochen haben wir im Vergleich zum Vorjahr bei den Herzkatheter-Untersuchungen wegen akuter Brustschmerzen einen Rückgang von 20 Prozent beobachtet“, sagt der Chefarzt der Kardiologie im Klinikum Links der Weser, Rainer Hambrecht.

Die Abnahme sei am ehesten dadurch zu erklären, dass Patienten trotz Beschwerden den Weg ins Krankenhaus meiden – aus Furcht vor einer Corona-Infektion. „Das ist zwar nachvollziehbar, aber falsch und gefährlich“, warnt der Arzt. Das Risiko, an einer Herzerkrankung zu sterben, sei weitaus höher als das Risiko, sich eine schwerwiegende Coronavirus-Infektion in einer medizinischen Einrichtung ­zuzuziehen. Patienten würden unmittelbar getrennt, sobald ein Corona-Verdacht bestehe. Zeit sei der entscheidende Faktor bei der Behandlung eines Infarkts, um Langzeitfolgen wie eine Herzschwäche zu verhindern. Im schlimmsten Falle drohe der plötzliche Herztod.

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Bundesweit registrieren Mediziner diese Entwicklung – und es wird bereits diskutiert, ob Deutschland nach Corona etwa eine Welle an Erkrankungen wie Herzschwäche sowie eine höhere Sterblichkeit infolge schwerer Infarkte bevorstehen könnte. Genaue Statistiken liegen noch nicht vor, eine aktuelle Auswertung der Krankenkasse DAK lässt jedoch ein größeres Ausmaß erahnen: Im März dieses Jahres sind danach die Krankenhauseinweisungen von Menschen mit Herzinfarkt-Symptomen im Vergleich zum März 2018 und 2019 um 25 Prozent zurückgegangen. Basis für die Analyse sind Versichertendaten der Kasse. „Wir haben die Daten bis 15. April herangezogen, um etwas valider zu sein.
25 Prozent ist eine konservative Einordnung. Zum Teil sind es sogar noch etwas mehr“, sagt eine DAK-Sprecherin dem WESER-KURIER.

Große Sorge treibt auch die Neurologen um. Im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide registrieren Ärzte ebenfalls einen deutlichen Rückgang von Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt und Schlaganfall: „Die Gesundheitsrisiken, die sich zum Beispiel aus einem Schlaganfall ergeben, der nicht unverzüglich behandelt wird, können wesentlich gravierender sein als eine Covid-Infektion“, betont Kai Boelmans, Chefarzt der Neurologischen Klinik in einer Mitteilung. Gerade bei Herzinfarkten und Schlaganfällen zähle jede Minute.

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Darauf verweist auch der Sprecher des Bremer Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), Timo Sczuplinski: „Es werden weiter viele Schlaganfälle stationär behandelt. Allerdings gab es in den vergangenen Wochen weniger Abklärungsuntersuchungen – also Fälle, in denen Menschen wegen eines Taubheits- oder Schwindelgefühls einen Schlaganfall-Verdacht abklären lassen wollten.“ Wer Beschwerden habe, die auf eine ernsthafte Erkrankung hindeuten, sollte aus Sorge vor dem Coronavirus keinesfalls zögern, ins Krankenhaus zu kommen.

Waren Klinik-Notaufnahmen vor Corona regelmäßig überfüllt, hat sich die Lage mit der Pandemie verändert: In Bremens größter Notaufnahme am Klinikum Mitte wurde nach Angaben des Geno-Sprechers in den vergangenen Wochen ein Drittel weniger Fälle registriert – insgesamt kämen 60 statt 90 Patienten pro Tag. „Seit der letzten Woche nimmt die Zahl wieder leicht zu. Auffällig ist, dass es deutlich weniger Bagatellfälle gibt; also leichte Fälle, die nicht primär in die Notaufnahme gehören.“ Auch Arbeitsunfälle kämen seltener vor.

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Die Verunsicherung bei Patienten ist groß, das stellen auch Beratungsstellen wie die Bremer Krebsgesellschaft fest. „Wir bekommen viele Anrufe von Patienten mit Fragen, ob sie zum Arzt gehen können, ob Anschlussheilbehandlungen oder die betriebliche Wiedereingliederung nach einer Krebstherapie überhaupt stattfinden kann“, sagt Marie Rösler. Sorge bereitet der Beraterin, dass Abklärungs- oder Früherkennungsuntersuchungen vielfach ausgesetzt oder auch von den Patienten selbst aus Angst vor Corona nicht wahrgenommen würden.

„Ein Aussetzen dieser Maßnahmen ist nur über einen kurzen Zeitraum tolerierbar, sonst werden Tumore möglicherweise erst in einem fortgeschrittenen Stadium mit dann schlechter Prognose erkannt“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Deutschen Krebsforschungszentrums, der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft. Die Organisationen befürchten, dass sich eine Bugwelle an zu spät diagnostizierten Krebsfällen aufbauen könnte.

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