Mäuseplage und Fichtensterben

Welche Folgen der milde Winter für die Natur in Bremen hat

Kaum ein Flöckchen Schnee, dafür viel Regen. Mit einer Durchschnittstemperatur von 5,55 Grad war der Winter 2019/2020 der wärmste bisher gemessene. Was bedeutet das für die Natur? Ein Überblick.
15.03.2020, 04:10
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Björn Struß und Justus Randt

Zugvögel kehren eher zurück

Mancherorts war es im Februar bereits zu hören. Die warmen Temperaturen beeinflussen auch die Welt der Vögel. In Wochen, die sonst von Schnee und Eis geprägt waren, verbreiteten einige Piepmätze mit ihrem Gesang bereits eifrig Frühlingsgefühle. Laut BUND Bremen waren das Männchen, die schon einmal probeweise ihr Revier abgesteckt haben. Bei den Zugvögeln sorgen die Temperaturen für eine frühere Rückkehr nach Deutschland. Inzwischen erreichen sie Bremen zwei bis vier Wochen eher als noch vor einigen Jahren. Der Klimawandel führt auch zu einer räumlichen Verschiebung der Lebensgebiete. Die Folge sind mitunter Revierkämpfe von Vögeln, die früher in unterschiedlichen Regionen lebten. Bei einer Vogelart zeichnet sich eine besonders große Population ab. So viele Eulen wie in diesem Jahr hat ­Nabu-Geschäftsführer Sönke Hofmann selten gesehen. „Das liegt auch an den Mäusen“, sagt er.

Pflanzen unter Druck

Etwa drei Wochen ist die Vegetation zu früh dran. Der Frühstart des Frühlings setzt die Gärtner im Bürgerpark unter Druck: „Wir müssen uns mit den Arbeiten beeilen und die Bäume pflanzen, ehe sie grün sind“, sagt Parkdirektor Tim Großmann. Immerhin rund 160 Neupflanzungen stünden zum Erhalt des Bestandes einheimischer Laubbäume in diesem Frühjahr an. Es sind vor allem Eichen, Buchen, Linden und Eschen. ­Nabu-Chef Sönke Hofmann, gelernter Förster, befürchtet, dass Bäume und Sträucher unter dem wiederholten „Winterentzug“ litten, weil ihnen die Erholungsphasen fehlten. „Was das mit den Pflanzen macht, kann man noch nicht sagen.“

Probleme mit Schädlingen

Bremen ist kein Bundesland der Landwirtschaft, trotzdem beackern auch hier 145 Bauern eine Grünlandfläche von insgesamt etwa 6500 Hektar. Hinzu kommt laut Bremischem Landwirtschaftsverband eine Ackerbaufläche von etwa 1600 Hektar. Eine Folge des warmen und feuchten Winters ist, dass sich viele Schadpilze und tierische Schädlinge wie Milben und Schnecken im Frühling viel schneller entwickeln. Das berichtet die Landwirtschaftskammer (LWK). Zudem wirke sich der fehlende Frost negativ auf die Böden aus. Dieser „sprenge“ für gewöhnlich das Erdreich und ermögliche so ein besseres Wurzelwachstum. „Durch den frühen Beginn des Frühlings hätten die Landwirte eigentlich einige Arbeiten vorziehen müssen“, erklärt Markus Eggers, Geschäftsführer der LWK. Weil die Wiesen in Folge des Regens aber überschwemmt waren, sei dies bislang kaum möglich ­gewesen.

Lesen Sie auch

Trinkwasser betroffen?

Das Bremer Trinkwasser stammt zu 100 Prozent aus Grundwasserquellen. Wie die Stadtwerke Bremen (SWB) mitteilen, hat das Wetter der vergangenen Jahre aber noch keinen messbaren Einfluss auf den Grundwasserspiegel. „Die Brunnen unseres Wasserwerks in Blumenthal gehen 60 bis 80 Meter in die Tiefe“, erläutert Christoph Brinkmann, Pressesprecher der SWB. Das Regenwasser von heute erreiche das Grundwasser erst etwa im Jahr 2040. Dies gelte auch für die Wasserwerke im Umland, die Bremen mit Trinkwasser beliefern. Die Stadt deckt nur etwa 16 Prozent des Bedarfs aus eigenen Quellen. Der verregnete Winter hat also keine Auswirkungen auf die aktuelle Trinkwasserversorgung.

Garaus der Fichten

Ein milder Winter und warmes Wetter begünstigen die Verbreitung des Borkenkäfers. In Bürgerpark und Stadtwald haben die auf Fichten fixierten Käfer etwa 25 Bäume „gemeuchelt“, sagt Parkdirektor Tim Großmann. Die heimischen Gehölze seien durch die vorherigen Trockenperioden „gestresst“ gewesen und nun gefällt worden. Um das Gesamtbild des Parks als Gartendenkmal zu erhalten, werden die Fichten durch Douglasien, Hemlock-Tannen und Küstentannen ersetzt.

Das Märchen von der Plage

Dass auf einen milden Winter ein besonders starker Mückensommer folgt, ist ein unausrottbares Märchen“, sagt Bremens Nabu-Chef Sönke Hofmann. Wärme, ab 15 Grad aufwärts, und Feuchtigkeit seien die wichtigsten Voraussetzungen zur Mückenvermehrung. „Feucht war es in den vergangenen zwei Jahren aber nicht. Wenn wir das für Mücken ideale Wetter im April und Mai bekämen, könnte sich die Population entwickeln.“ Und: Von milden Wintern profitierten zugleich auch Pilze, die es wiederum Mücken und auch den bei uns seit ­Jahren zunehmend verbreiteten Zecken schwermachten.

Wurzeln bieten weniger Halt

Beim Umweltbetrieb Bremen, der sich um städtische Grünpflanzen auf einer Gesamtfläche von 20 Millionen Quadratmetern kümmert, freut man sich grundsätzlich über den Regen der vergangenen Wochen. Die Wasserversorgung der Pflanzen ist gesichert. Trotzdem gibt es Gefahren für die Bäume. Ein sehr feuchter Boden sorge laut Umweltbetrieb dafür, dass die Wurzeln weniger Halt finden. Sobald üppige Baumkronen entstehen, habe der Wind zudem eine große Angriffsfläche. Die Folge: Bei einem Sturm besteht die Gefahr abbrechender Äste und umstürzender Bäume. Hohe Temperaturen zu Jahresbeginn können zu einer weiteren Gefahr führen. Denn während sich die Bäume noch in einer „Winterruhe“ befinden, haben sogenannte „holzabbauende Baumpilze“ besonders leichtes Spiel. So hat der Umweltbetrieb in den vergangenen Jahren an Buchen etwa eine starke Ausbreitung des Zunderschwamms entdeckt. Nach zuletzt zwei warmen Sommern könne diese Entwicklung zu weiteren Folgeschäden führen. Auch später Frost kann die Bäume treffen. Stünden diese durch warme Temperaturen bereits „im Saft“, könne es laut Umweltbetrieb zu Stammrissen kommen. Ein Spätfrost träfe auch alle Pflanzen, die mit jungen Blüten und Trieben gerade erst zu sprießen begonnen haben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+