Interview zur Zukunft der Mobilität „Wir brauchen eine Neuausrichtung“

Carl Friedrich Eckhardt, der sich bei BMW mit der Mobilität der Zukunft beschäftigt, spricht über nachhaltige Mobilität, die Zukunft des Autos und Bremens geplante autofreie Innenstadt.
01.02.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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„Wir brauchen eine Neuausrichtung“
Von Pascal Faltermann

Herr Eckhardt, welcher Anlass hat Sie nach Bremen gebracht?

Die BMW Group beteiligt sich aktiv an der Plattform Urbane Mobilität, einem kooperativen Format zwischen Automobilindustrie und zahlreichen deutschen Großstädten, darunter auch Bremen. Wir arbeiten daran, wie wir das Leitbild der lebenswerten Stadt umsetzen können. In Bremen haben wir zwei Tage über die grundlegenden Weichenstellungen diskutiert und dabei viele Gemeinsamkeiten festgestellt, aber auch unterschiedliche Sichtweisen aufgedeckt. Das war sehr konstruktiv. Fortsetzung folgt.

Jede Stadt hat ihre eigenen Herausforderungen. Wie bewerten Sie Bremen?

Bremen besticht durch die Altstadt und die gemütlichen Wohnquartiere. Allerdings ist mir vor allem in letzteren die zunehmende Flächenknappheit im öffentlichen Raum aufgefallen, Nutzungs­konkurrenzen zwischen Verkehr und Gemeingebrauch sind deutlich zu erkennen. Es ist verständlich, dass öffentlicher Straßenraum gemäß dem Leitbild der lebenswerten Stadt aufgewertet werden soll. Beeindruckend finde ich auch die Grünanlagen und die Weser, aber die Hafenanlagen tragen zum besonderen Charme der Stadt bei.

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Verkehrswende, autofreie oder autoarme Innenstadt, neue Formen der Logistik - was muss sich in Städten ändern?

In den verkehrspolitischen Diskussionen weltweit wird zu viel über Symptome und zu wenig über Ursachen der Probleme und die entsprechenden Lösungen gesprochen. Wenn man an Symptomen kuriert und die Ursachen außer Acht lässt, verschärft man die Probleme, löst sie aber nicht. Auf jeden Fall geht man unnötige politische Risiken ein. Wir brauchen eine strategische Neuausrichtung, welche das Zusammenspiel zwischen drei Elementen reflektiert: dem Mobilitätsverhalten der Menschen, den politischen Zielvorgaben und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen sowie nicht zuletzt den Innovationen von Industrie und Mobilitätsdienstleistern. Dabei müssen wir die Kausalkette Probleme, Ursachen und Lösungen im Auge haben.

Staus, stockender Verkehr und wenig Parkplätze bestimmen Bremen. Wie bewerten Sie die Situation?

Der Status quo ist insbesondere für Bürger, aber auch für Politik, Verwaltung und Industrie ausgesprochen unbefriedigend. Die bisherigen Rezepte haben nirgendwo auf der Welt zum Erfolg geführt. Das gilt insbesondere für Großstädte. Bedenkt man das Wachstum vieler Städte, wird die Lage nicht besser, sondern noch schlechter.

Und wie kann sich das ändern außer mit weniger Autos?

Wir müssen neue Wege gehen, und zwar gemeinsam. Mit klaren ordnungspolitischen Rahmenbedingungen können nachhaltige und stadtverträgliche Innovationen am besten ihre Wirkung entfalten. Also klare Zielsetzungen, die auf die Problemursachen abstellen, Instrumente wie Preissteuerung und Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. Dann sehen wir in Veränderungen eher Chancen als Risiken für die Transformation zu nachhaltiger und stadtverträglicher Mobilität.

In Bremen ist es beschlossene Sache, dass die Innenstadt autofrei wird. Das kann doch nicht im Interesse eines Automobilherstellers sein. Oder?

Zunächst einmal: Die entscheidende Frage ist doch, ob das im Interesse der Bürger und der lokalen Wirtschaft ist. Abgesehen davon hat die BMW Group schon vor rund 20 Jahren öffentlich erklärt, dass sie in München das Konzept der Altstadt als Fußgängerzone unterstützt, solange die Bürger sie mit den Mobilitätsangeboten ihrer Wahl erreichen können.

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Und was sagen Sie zur autofreien Innenstadt?

Der Weg zur lebenswerten Stadt ist in erster Linie mit politischen Herausforderungen gepflastert. Das beginnt mit der Kommunikation. Es ist zielführender, den angestrebten Nutzen für die Allgemeinheit und für Autofahrer in den Mittelpunkt zu rücken, also bessere Aufenthaltsqualität, größere Mobilitätsvielfalt und bessere Mobilitätsqualität, darunter das schnelle Finden eines Parkplatzes sowie staufreies Fahren. Mir käme es nicht in den Sinn, Nachhaltigkeit mit negativen Konnotationen und schon gar nicht mit Verzicht in Verbindung zu bringen. Das provoziert unnötigerweise Opposition und damit politische Risiken.

Müssen die Menschen in Bremen umdenken?

Nicht die Menschen müssen umdenken, sondern in erster Linie wir als Plattform Urbane Mobilität. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Strategie muss die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt rücken. Jede Lösung, welche diesen zuwiderläuft, provoziert unnötige politische Risiken für den Wandel. Wir als Plattform Urbane Mobilität müssen Rahmenbedingungen, Mobilitätsdienstleistungen und Fahrzeugkonzepte weiterentwickeln, damit die Menschen ein verändertes Mobilitätsverhalten als Bereicherung empfinden und nicht als Verzicht.

Carsharing ist für Städte ein Instrument, um den Verkehr zu reduzieren. Was kann das konkret bedeuten?

Einen großen Schritt könnten wir machen, wenn wir den vielen Änderungswilligen in den Innenstadtquartieren den Weg bereiteten. Wir wissen aus verschiedenen Quartiersprojekten und empirischen Untersuchungen, dass das Potenzial für multi-modale (Auto-)Mobilität ohne eigenes Fahrzeug erstaunlich groß ist: gut die Hälfte der PKW-Besitzer in dicht besiedelten Großstädten.

Stellen Sie sich das mal vor! Wie das funktionieren kann, haben wir mit unseren Projektpartnern in Berlin und Kampagnen wie zum Beispiel „Schlüsselerlebnis Sommerflotte“, in der neugierige und anpassungswillige Pkw-Besitzer ihr Auto temporär gegen ein breites Gutscheinpaket der Mobilitätsvielfalt in der Stadt eingetauscht haben, eindrucksvoll gezeigt. Es wäre sehr interessant herauszubekommen, ob eine solche Kampagne auch in Bremen funktionieren würde.

Warum ist eine Reduzierung des Verkehrs im Sinne eines Automobilherstellers und wie kann das gelingen?

Ein Teilaspekt nachhaltiger Mobilität besteht darin, Parkdruck und Staus über Qualitätsziele, die sich zum Beispiel an einer verbesserten Erreichbarkeit von Zielen in Bremen orientieren, und in Verbindung mit dynamischen und differenzierenden Preisen zu eliminieren sowie Innovationen zu stimulieren. Im Ergebnis ist das eine Verbesserung für alle: für Autofahrer, für alle anderen, die lieber andere Angebote nutzen wollen und für die Allgemeinheit.

Carsharing wird attraktiver, weil der Parkdruck aufgelöst ist. Shuttle-Services und Busse stehen nicht mehr im Stau. Im Ergebnis haben die Menschen ein viel größeres Spektrum an Möglichkeiten, ihre individuelle Mobilität zu gestalten. Gleichzeitig wird auch die Luft sauberer und der CO2-Ausstoß sinkt. Das bezeichne ich als Fortschritt. Und dafür muss man noch nicht einmal Subventionen einsetzen.

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Ist die Zukunft des eigenen Autos vorbei?

Sie sind Protestant, stimmt’s? Hier stehe ich und kann nicht anders! Schwarz oder weiß! Ich weiß, von was ich spreche. Aber die Realität ist vielfältiger, eher ein Sowohl-als-Auch. Für viele der heutigen städtischen PKW-Besitzer ist eine Zukunft ohne eigenes Auto ohne Zweifel erstrebenswert. Und diese Zielgruppe bedienen wir über unser Joint Venture mit Daimler, Your Now. Für andere wird der eigene PKW nach wie vor ein Teil eines Lebensgefühls sein. Wir bereiten PKW-Besitzern und Nicht-Besitzern Freude. Mit passenden ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und Innovationen hat auch die Allgemeinheit etwas davon.

Wie sieht der Verkehr in der Stadt von morgen aus?

Nachhaltig! Jede und jeder kann gemäß den eigenen Vorstellungen mobil sein, weil Vielfalt und Qualität von Mobilitätsoptionen steigen. Gleichzeitig sinken Flächenbedarf sowie Emissionen und Immissionen auf politisch definierte Zielwerte.

Umweltbewusste, klimafreundliche Großstadtmenschen sind von Carsharing überzeugt. Wie soll das mit der Landbevölkerung, mit den SUV-Fahrern, den Berufstätigen oder Berufspendlern funktionieren?

Das Mobilitätsverhalten ist von pragmatischen, aber auch von emotionalen, subjektiven Faktoren bestimmt. Bewusstsein und Einstellungen weichen deshalb oft vom Verhalten ab. Auch PKW-Pendler haben unterschiedliche Präferenzen. Einige würden den ÖPNV nutzen, wenn es ihn gäbe respektive wenn er hochwertiger oder zuverlässiger wäre. Für andere ist auch der beste ÖPNV keine Option. Für sie wären Shuttle-Dienste besser geeignet, welche mehr Komfort und Privatsphäre erlauben. Solche Angebote gibt es ja. Aber sie können ihr Lösungspotenzial nicht entfalten, solange Staus nicht gelöst sind.

Aber weniger Staus gibt es doch nur durch weniger Verkehr.

Staus kann man nicht allein mit Angeboten auflösen und schon gar nicht allein mit ÖPNV und Radverkehr. Man muss ein dynamisches und differenzierendes Preissteuerungssystem einführen, was sich zum Beispiel an der jeweiligen Straßenauslastung orientiert. Diese Erkenntnis ist wirklich nicht neu. Das weiß man seit mehr als 30 Jahren. Aber erst seit kurzem haben wir die technologischen Möglichkeiten, den Transformationsprozess auch politisch erfolgreich zu gestalten. Deshalb engagieren wir uns in der Plattform Urbane Mobilität und deshalb war ich in Bremen.

Das Gespräch führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Carl Friedrich Eckhardt war von 2015 bis 2019 Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität der BMW Group. Seit 2020 ist der 54-Jährige in der Hauptabteilung der Konzernstrategie Nachhaltigkeit und Mobilität tätig. Der Manager arbeitete in San Francisco, Berlin und München.

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