Kommentar über die Stahlindustrie An der Leistungsgrenze

Am härtesten wurde in dieser Tarifrunde nicht um Geld, sondern um Freizeit gerungen - ein Zeichen, dass die Arbeitgeber nun auch mit den Kräften ihrer Mitarbeiter haushalten müssen, meint Joerg Helge Wagner.
17.03.2019, 21:58
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An der Leistungsgrenze
Von Joerg Helge Wagner

Obwohl sie nur noch knapp 100 000 Beschäftigte hat, ist die Stahlbranche das Rückgrat des Industriestandorts Deutschland. Deutschland wiederum ist der größte Stahlerzeuger in der EU und immerhin noch die Nr. 7 weltweit. An den drei großen nordwestdeutschen Standorten Duisburg, Salzgitter und Bremen wird mehr als die Hälfte des deutschen Stahls erzeugt. Stolze Zahlen, erwirtschaftet von entsprechend selbstbewussten Beschäftigten.

Angesichts dessen ist das jetzt erzielte Ergebnis moderat. Es wirkt nicht besonders privilegiert, wenn man es etwa mit dem Abschluss im Öffentlichen Dienst der Länder vor zwei Wochen vergleicht. Richtungweisend jedoch ist die jährliche Leistungszulage von 1000 Euro, die in bis zu fünf freie Tage umgewandelt werden kann. Für die Arbeitgeber ist das eine Kröte, die in weniger betuchten Branchen gar kein Biotop hätte: Welche Verkäuferin würde schon auf 1000 Euro für ein paar freie Tage verzichten?

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Doch die Regel ist kein Luxus. Von 1980 bis 2016 sank die Beschäftigtenzahl in der Rohstahlerzeugung um 71 Prozent, gleichzeitig steigerte sich die Produktivität des Einzelnen um 226 Prozent. Nur deshalb hat Deutschland gegen die asiatischen Giganten China, Japan, Indien und Südkorea überhaupt noch eine Chance. Um dieses Niveau zu halten, reicht eine angemessene Bezahlung der Mitarbeiter nicht mehr – man muss auch mit ihren Kräften haushalten. Dieser Einsicht entspricht der neue Tarifvertrag.

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