Nach Analyse von Creditreform

Insolvenzwelle für Bremer Gastronomen und Einzelhändler befürchtet

Corona hat Spuren hinterlassen. Das verdeutlicht eine Analyse von Creditreform: Gastronomen und Einzelhändler in Bremen sind demnach bei Rechnungen stärker in Verzug geraten. Es droht eine Insolvenzwelle.
21.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Boekhoff und Friederike Marx
Insolvenzwelle für Bremer Gastronomen und Einzelhändler befürchtet

Gerade Gastronomen zahlten im Juni später, als es noch im März der Fall war. Das zeigt eine Analyse von Creditreform für verschiedene Branchen in Bremen.

Sebastian Gollnow

Schon in der Vergangenheit war ein Aufschub in der Gastronomie durchaus üblich: Getränkelieferanten etwa bekamen ihr Geld mit Verzögerung. Nun aber mussten Cafés und Restaurants wegen Corona viele Wochen ohne Gäste aushalten. Stillstand am Tresen. Stillstand am Herd. Der Zahlungsverzug in der Branche hat sich in dieser Zeit verlängert, wie die Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform für das Bundesland Bremen zeigt. Die sogenannten Überfälligkeitstage stiegen demnach im Juni in der Gastronomie wie in keiner anderen Branche: Um rund zwei Wochen verlängerte sich im Schnitt der Rückstand bei Rechnungen im Vergleich zum März.

Im Einzelhandel war ebenfalls ein Anstieg zu beobachten. „Trotz entsprechender staatlicher Hilfsprogramme reicht das Kapital­pol­ster vielfach nicht, um offene Posten pünktlich zu begleichen“, kommentiert der Geschäftsführer von Creditreform Bremen, Peter Dahlke, die Zahlen. Die Krise zeige erste deutliche Bremsspuren. „Die Zahlungsmoral vieler Unternehmen in Bremen hat durch den Lockdown und die zahlreichen Beschränkungen der Wirtschaft nachweisbar gelitten.“

Insolvenzwelle ab Herbst?

Der Experte sieht den Verzug als Vorboten. „Die verschlechterte Zahlungsmoral ist ein Frühwarnindikator für die drohende Insolvenzwelle“, sagt Dahlke. Er rechnet mit dieser Welle für den Herbst. Von einem Frühwarnindikator spricht er, weil eine Zeitverzögerung zu bedenken sei: Die Überfälligkeit beginne erst nach Ablauf der Zahlungsfrist. Und diese könne auch 20 bis 30 Tage betragen.

Insgesamt hat die Wirtschaftsauskunftei Angaben zu rund 10.000 Unternehmen aus Bremen und Bremerhaven in der Analyse für den WESER-KURIER berücksichtigt. Dafür wurden Informationen über das Zahlungsverhalten aus dem Debitorenregister von Creditreform ausgewertet.

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Foto: FMA-WK Online

Für Insolvenzverwalter Ralf Götz, Partner der Kanzlei B+O Böhme Oelbermann mit Standorten in Bremen und Niedersachsen, spiegeln die Liquiditätsengpässe in Gastronomie und Einzelhandel wider, welche Umsatzrückgänge in den Branchen entstanden sind. Es müsse bei der Interpretation jedoch eins berücksichtigt werden: Bis Ende Juni hätten Unternehmen Verbindlichkeiten stunden können. „Wenn die bis jetzt gestundeten Kosten in voller Höhe fällig gestellt werden, ist mit massiven Liquiditätsschwierigkeiten zu rechnen“, sagt Ralf Götz. Insgesamt urteilt der Rechtsanwalt positiv: Die Maßnahmen der Bundesregierung hätten richtigerweise Unternehmen am Leben gehalten. Viele hätten plötzlich keinen Umsatz mehr gehabt. Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende September sieht Götz jedoch auch kritisch, da sie „nur bestehende Problemlagen in die Zukunft verschiebt“.

Wie sich die Zahl der Insolvenzen entwickele, hänge nun entscheidend davon ab, ob die Unternehmen den Schuldenberg wieder abbauen können. „Es spricht vieles für eine Insolvenzwelle. Ob es so kommt? Das ist noch Kaffeesatzleserei.“

„Der Corona-Effekt wird jetzt sichtbar“

Für Malte Köster sprechen bisher alle Indikatoren für eine deutliche Zunahme der Insolvenzen im Herbst. Der Bremer Insolvenzverwalter sagt mit Blick auf die Auswertung von Creditreform: „Der Corona-Effekt wird jetzt sichtbar.“ Die Gastronomie sei aber auch unabhängig von Corona häufiger von Insolvenzen betroffen. Nun sei der stärkere Zahlungsverzug maßgeblich auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen. Malte Köster begleitet mit dem Restaurant Kränholm selbst einen Insolvenzfall aus der Branche.

Generell setzt die Krise Hoteliers und Gastwirten in Deutschland hart zu: Im Vergleich zum Mai 2019 verzeichnete die Branche erneut einen dramatischen Rückgang von jeweils rund 64 Prozent, wie aus am Montag veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. „Aufgrund der Abstandsgebote und der strengen Corona-Schutzmaßnahmen gibt es weiterhin massive Umsatzausfälle“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbandes Dehoga. Die fehlenden Umsätze bedrohten die Existenz von Zigtausenden Betrieben und Arbeitsplätzen. Diskotheken und Clubs dürften nach wie vor nicht öffnen. Detlef Pauls, der Vorsitzende des Bremer Landesverbands von Dehoga, sieht dabei noch keine passende Hilfe von Seiten der Politik für die Gastronomie. Die bisherigen Angebote bezeichnet er als „di­let­tan­tisch“.

Gastronomie und Einzelhandel sind jedoch gar nicht allein: In allen von Creditreform aufgeführten Branchen gibt es im Schnitt mehr oder weniger Verzugstage. Gerade auch die persönlichen Dienstleistungen, Friseursalons, Reisebüros oder Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche zahlten im Juni deutlich später als im März. Es gibt jedoch Ausnahmen, die dem Trend eines wachsenden Rückstands nicht folgten: das Baugewerbe, der Großhandel und der Onlinehandel.

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