„Produktive Stadt“

Bremens neue Quartiere: Werkeln, wo andere wohnen

In Bremens neuen Quartieren sollen Arbeit und Leben wieder näher zusammenrücken. Doch was bedeutet das? Ein Forschungsprojekt hat sich mit der Frage beschäftigt – mit Blick auf Bremen.
19.02.2020, 20:32
Lesedauer: 4 Min
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Bremens neue Quartiere: Werkeln, wo andere wohnen
Von Lisa Boekhoff
Bremens neue Quartiere: Werkeln, wo andere wohnen

Die Pläne für die Überseeinsel auf dem alten Areal von Kellogg direkt an der Weser sehen eine Mischung unter anderem von Gewerbe und Wohnen vor – nach Einschätzung von Experten eine Königsdisziplin, das zu meistern.

Bernd Kramer

Ob Überseeinsel oder Tabakquartier – die beiden Projekte haben einen Kern. Die Mischung soll es machen: Arbeiten trifft auf Wohnen, Kultur auf Gewerbe. Wie dieser Ansatz gelingen kann, damit hat sich Guido Nischwitz vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen beschäftigt „Es geht um das Image und die Attraktivität von Städten“, sagt der Wissenschaftler über die Vision der gemischten Quartiere. Diese seien für Unternehmen und Fachkräfte reizvoll – etwa wegen der Nähe zu Freizeitangeboten oder zur Versorgung.

Im Forschungsprojekt im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen hat Nischwitz sich mit seinen Kollegen angesehen, wo es in der Stadt Potenzial für sogenannte urbane Produktion gibt. Die Überseeinsel auf dem alten Kellogg-Areal und das Tabakquartier in Woltmershausen sind für ihn die Vorreiter – allein schon wegen der Fläche seien sie „echte Highlights“. Weitere Projekte könnten von den hier gemachten Erfahrungen profitieren: „Das hat durchaus Vorbildcharakter, auch wie dort Stadt und Investoren zusammenarbeiten.“

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In Bremen gibt es Gebäude und Flächen, die aus Sicht von Nischwitz „exzellente Voraussetzungen“ für eine Entwicklung bieten. Und die sei nötig: „Wir wachsen als Stadt. Da brauchen wir Wohnraum, aber auch Beschäftigung.“ In der Vergangenheit sei viel über die Nutzungsmischung gesprochen worden, aber erst die neuen Formen der Produktion im Zuge der Digitalisierung machten es möglich, die Arbeit wieder in die Stadt zu holen. Denn die mache weniger Lärm, stoße weniger Emissionen aus.

Sicher gebe es auch Konflikte, wenn Gewerbe und Wohnen zusammengebracht werden, sagt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen. Doch die Produktion sei heute verträglicher für die Stadt: „Wir haben mittlerweile Sägen, die digital programmiert sind. Die Geräuschkulisse einer Schreinerei ist also eine andere als noch vor 20 bis 30 Jahren. Wir haben den 3-D-Druck, der es ermöglicht, das individuelle Produkte mitten in der Stadt völlig geräuschlos hergestellt werden.“

Heyduck hat vor allem im Blick, dass in den Quartieren später auch „gute Arbeit“ entsteht. „Wir sehen in erster Linie Chancen in dieser Entwicklung hin zu einer Produktiven Stadt“, sagt die Geschäftsführerin jedoch. Die Nähe von Arbeitsplatz und Wohnort verbessere für manche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Heyduck hält das Konzept zudem für sinnvoll, weil in der klassischen Industrie in Zukunft Beschäftigung verloren ginge durch Digitalisierung und Rationalisierung.

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Noch stehe die Entwicklung ganz am Anfang, sagt Nischwitz, doch es gebe durchaus die Hoffnung, dass durch die urbane Produktion mehr Beschäftigung entstehe. Durch das Tabakquartier rechnet man derzeit mit 1000 bis 1500 neuen Arbeitsplätzen für Woltmershausen. In Bremen sei es nun wichtig, dass Thema Produktive Stadt generell anzuschauen und zu diskutieren: „Das ist eine Zukunftsaufgabe.“ Bremen sei aber bereits vorne mit dabei. „Potenzial gibt es genug“, sagt Guido Nischwitz – zum Beispiel mit Blick auf die Kornstraße in der Neustadt. „Große Chancen haben wir auch beim Hachez-Gelände, es völlig neu und anders zu denken.“ Natürlich müsse man genau überlegen, welche Produktion und welche Branche zur Stadt und Nachbarschaft passen und auch die Bedenken und Widerstände der Bevölkerung ernst nehmen. Dass Gewerbe aber an den Rand verbannt wird, das hält der Forscher nicht mehr für zeitgemäß: „Das passt eigentlich nicht mehr zu einer zukunftsfähigen, wettbewerbsfähigen Stadt. Die Nutzungsmischung macht es.“

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Am Mittwochabend lud die Arbeitnehmerkammer ein, um sich die Erkenntnisse des Forschungsprojekts von Guido Nischwitz anzuschauen. Dazu war auch Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) eingeladen. „Wir wollen mit den Aktivitäten zur Produktiven Stadt mehr Arbeitsplätze im urbanen Raum schaffen und die Attraktivität des Standorts stärken“, äußerte sich Vogt im Vorfeld der Veranstaltung. Das Wirtschaftsressort sieht die gemischten Quartiere vor allem auch als Magnet für Neugründungen.

Elke Heyduck wünscht sich, dass es das Konzept gerade auch in „schwächeren Stadtteilen“ gibt. Dadurch entstehe dort Beschäftigung, Kaufkraft und Wertschöpfung. In Woltmershausen gebe es durch das Tabakquartier eine tolle Entwicklung: „Da erwacht ein Stadtteil aus dem Dornröschenschlaf.“ Und ihr fällt noch ein Aspekt ein: In den Quartieren sei greifbar, wie und wo Produkte entstünden. „Wenn Arbeit in der Stadt wieder sichtbar ist, dann erhöht das auch die Akzeptanz für Industrie, Handwerk und Gewerbe.“

Und wie vorbereiten, wenn es doch zischt, dampft und hämmert? Heyduck hält es für notwendig, dass die Bewohner eines solchen Quartiers gut vorbereitet werden. Für urbane Quartiere gebe es ein neues Planungselement: Die erlaubten Grenzwerte für Lärm und Schmutz liegen höher als in normalen Wohngebieten. „Das muss man sicherlich sehr gut kommunizieren. Aber wir gehen davon aus, dass gerade junge Fachkräfte, Leute, die an Innovation und an Kreativität interessiert sind, sich genau solche Quartiere wünschen.“ Die Mischung von Arbeit, Gewerbe und Leben sei ein Vorteil, stelle eben aber auch Anforderungen an die Toleranz der Bewohner.

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Der Druck auf das Gewerbe sei derzeit unheimlich groß, sagt Elke Heyduck, weil der Bedarf nach Wohnraum enorm sei. Es gehe hier auch darum, den jetzigen Bestand an Gewerbe zu erhalten und in gemischten Quartieren eine erschwingliche Miete anzusetzen – auch für Künstler und Kreative. Da könne es natürlich nicht schaden, wenn die Stadt selbst Flächen besitze.

Zur Diskussion am Mittwoch gab es auch Besuch aus Wien: Michael Rosenberger, dort zuständig für Stadtentwicklung und Stadtplanung, schaute sich zunächst das Tabakquartier und die Überseeinsel an, war später in der Arbeitnehmerkammer dabei. Wie schätzt er die Vorhaben ein? „Mein Eindruck ist, dass es sehr hochwertige Standorte sind, die eine Weiterentwicklung verdienen.“ Die echte Mischung von Gewerbe, Wohnen und Büros zu schaffen, das sei eine Herausforderung: „Das ist die Königsklasse.“ Wien habe sich dieser Aufgabe gestellt, weil sehr viel Gewerbe in der Stadt verloren gegangen sei. Dabei habe das Gewerbe für weitere Teile der Wirtschaft Bedeutung, schaffe Arbeitsplätze und biete kurze Wege.

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