Bremer Mercedes-Chef

„Wir fühlen uns in der Fabrik sehr sicher“

Daimler geht mit Milliardengewinn aus dem Corona-Jahr 2020. Der Bremer Werksleiter spricht im Interview über die Zukunft der Bremer Produktion, die Elektrostrategie und Impfungen für Mitarbeiter.
06.02.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Wir fühlen uns in der Fabrik sehr sicher“
Von Stefan Lakeband
„Wir fühlen uns in der Fabrik sehr sicher“

20.000 EQC hat Mercedes vergangenes Jahr verkauft. Dieses Jahr kommt mit dem EQE ein weiteres E-Auto aus Bremen auf den Markt.

Mercedes-Benz AG - Global Communications Mercedes-Benz Cars & Vans

Herr Frieß, die aktuellen Geschäftszahlen haben viele überrascht. Mit einem Gewinn von 6,6 Milliarden Euro ist Daimler gut durch die Corona-Krise gekommen. Geht es jetzt wieder bergauf?

Michael Frieß: Wir haben uns unglaublich gefreut, dass das vergangene Jahr so ausgegangen ist – trotz der anspruchsvollen
Rahmenbedingungen. Dabei haben wir von zwei Dingen profitiert: Wir haben eine unglaublich hohe Kostendisziplin an den Tag gelegt und gleichzeitig sehen wir weiterhin eine sehr hohe Nachfrage nach unseren Autos.

Zuletzt kam das meiste Wachstum jedoch vom chinesischen Markt. Kann das für deutsche Standorte wie Bremen zum Problem werden?

Wir haben ein sehr eng geknüpftes Produktionsnetzwerk und können flexibel produzieren. Damit können wir die weltweite Nachfrage sehr gut austarieren. Wenn die Nachfrage grundsätzlich hoch ist, spüren das letztlich alle Werke, auch Bremen.

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Das, was sie Kostendisziplin genannt haben, könnte man auch als Sparprogramm bezeichnen. Es sieht unter anderem vor, dass konzernweit rund 20.000 der insgesamt 300.000 Stellen wegfallen sollen. Wie wird Bremen betroffen sein?

Für jedes Werk ist die Nachfrage entscheidend – und die ist momentan gut. Von daher sind bei uns die Auswirkungen deutlich überschaubarer als andernorts. Natürlich müssen auch wir die Kosten weiter reduzieren, daran arbeiten wir kontinuierlich.

Sie rechnen also nicht damit, dass Stellen in Bremen wegfallen?

Ein Großteil unserer Belegschaft arbeitet in der Produktion. Wenn uns die Kunden – so wie momentan – gewogen sind, ist das für uns alle eine schöne Perspektive.

Und im Rückblick: Wie ist das Bremer Werk bislang durch die Corona-Pandemie gekommen?

An erster Stelle stehen die Gesundheit und der Schutz unserer Mitarbeiter und Lieferanten. Deswegen haben wir schnell umfassende Hygienekonzepte entwickelt und konsequent die Schutzmaßnahmen wie Abstand halten oder Maske tragen umgesetzt. Dank der großen Disziplin unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das sehr gut funktioniert, und wir fühlen uns in der Fabrik sehr sicher.

Ist so etwas wie Normalität eingekehrt?

Man könnte es neue Normalität nennen. Dort, wo es die Arbeitsabläufe zulassen, arbeiten unsere Mitarbeiter mobil und
Besprechungen finden online statt.
Sollten Besprechungen vor Ort nötig sein, ist es selbstverständlich, dass wir uns mit
Maske unterhalten. Ein deutlicher Unterschied in der Zusammenarbeit ist, dass wir unsere Beschäftigten in zwei Teams eingeteilt haben, um Kontakte weitgehend zu reduzieren.

Aktuell wird viel über das Impfen gesprochen. Ist das auch ein Thema bei Ihnen?

Für mich persönlich auf jeden Fall. Wenn ich die Chance bekomme, lasse ich mich impfen.

Wird es so etwas wie eine Impfpflicht für Ihre Mitarbeiter geben?

Nein, das ist eine private und persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Zunächst ist die Impfung gegen das Coronavirus auch primär Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens. Unsere jahrelangen Erfahrungen mit breit angelegten Impfungen und unsere vorhandene Infrastruktur bringen wir aber gerne schnellstmöglich ein. Sobald genügend Impfstoff erhältlich ist und die Impfung für unseren Werksärztlichen Dienst zulässig ist, wollen wir die Impfung auch unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anbieten.

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Diese Woche waren viele Standorte im Konzern in Kurzarbeit, Bremen auch, weil Computerchips für die Autos fehlen. Wird das Problem noch länger anhalten?

Unsere Werke laufen alle planmäßig wieder an. Wir beobachten weiterhin die Situation kontinuierlich in enger Abstimmung mit unseren Lieferanten und passen falls notwendig die Fahrweisen an.

Wie sehr wirft Sie das in Ihrer Jahresplanung zurück?

Eine Woche Produktionsausfall ist unangenehm, ist aber der aktuellen Situation der Pandemie geschuldet. So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Nächste Woche laufen die Bänder wieder an. Es ist unser Ziel, die temporären Schwankungen im Laufe des Jahres wieder auszugleichen.

Daimler ist gerade mitten in der großen Elektrooffensive. In diesem Jahr soll der EQE als neues E-Fahrzeug aus Bremen hinzukommen. Der EQC wird seit 2019 hier gebaut, soll nach Schätzungen bislang aber deutlich unter den erhoffen Verkaufszahlen von 50.000 bis 60.000 liegen. Woran hapert es?

Die Verkäufe unserer Plug-in-Hybride und vollelektrischen Fahrzeuge konnten wir in 2020 mit über 160.000 Einheiten mehr als verdreifachen. In Bremen sind wir stolz, den EQC als erstes Werk produziert und somit die Elektrostrategie von Anfang an umgesetzt zu haben. Nach dem Lockdown haben wir die Produktion vom EQC schrittweise wieder hochgefahren und uns in den Folgemonaten sukzessive gesteigert. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Vom EQC wurden vergangenes Jahr rund 20.000 Einheiten verkauft, rund die Hälfte davon alleine im vierten Quartal. Mit dem Anlauf des EQE in diesem Jahr werden wir diesen Weg konsequent weitergehen.

Hat es irgendwelche Auswirkungen auf das Werk, wenn die Nachfrage nach E-Autos nicht so hoch ist wie gedacht?

Die Nachfrage nach unseren vollelektrischen Fahrzeugen und Plug-in-Hybriden hat insbesondere zum Jahresende hin stark zugelegt. Deren Anteil bei den Auslieferungen von Mercedes-Benz Cars stieg von zwei Prozent in 2019 auf 7,4 Prozent im vergangenen Jahr an. Für dieses Jahr geht Mercedes-Benz Cars davon aus, diesen Anteil auf etwa 13 Prozent zu steigern. Dadurch, dass wir die vollelektrischen Fahrzeuge auf der gleichen Linie produzieren wie die anderen Antriebsarten, können wir flexibel auf die Nachfrage reagieren.

Wann werden das erste Mal mehr Elektroautos das Bremer Werk verlassen als solche mit herkömmlichen Antrieben?

Das ist eine Frage für die Glaskugel. Daimler hat sich als Ziel gesetzt, bis 2039 eine CO2-neutrale Flotte zu haben. Dafür ist das Zusammenspiel gefragt aus einer guten Infrastruktur für Elektroautos und dem Willen der Kunden, ihren Beitrag zu leisten. Wir sind bereit und können auch höhere Stückzahlen produzieren.

Müssen für die Elektrooffensive noch viele Mitarbeiter geschult werden?

Qualifizierung ist ein Schlüsselbegriff. Schon vor mehreren Jahren haben wir damit begonnen, unsere Mitarbeiter weiterzubilden, damit sie wissen, wie man mit einem Hochvoltfahrzeug umgeht. Außerdem gibt es viele Spezialisten, die spezifisch qualifiziert wurden.

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Elektroautos sind in der Fertigung weniger aufwändig als Verbrenner. Bedeutet das, dass weniger Mitarbeiter gebraucht werden, je mehr E-Autos gebaut werden?

Richtig ist, dass die Produktion des elektrischen Antriebs künftig eine geringere Fertigungstiefe mit sich bringt. Dies bezieht sich jedoch insbesondere auf Fertigungs- und Montageumfänge in unseren Motorenwerken und weniger auf Fahrzeugwerke wie das Werk Bremen.

In diesem Jahr soll die neue C-Klasse auf den Markt kommen. Bremen ist schon seit einigen Jahren das Leitwerk für den Konzern, musste sich aber trotzdem um den Bau des Modells erneut bewerben. Warum?

Dass man als Standort im Wettbewerb steht, gehört heutzutage dazu. Das hält uns wach, agil und wettbewerbsfähig. Als Lead-Werk haben wir immer nochmal ein Pfund mehr, das wir in die Waagschale werfen können, denn wir denken bei der Produktion nicht nur an Bremen, sondern immer an den gesamten Produktionsverbund.

Welche Faktoren spielen bei einer konzerninternen Bewerbung eine Rolle?

Es geht beispielsweise darum, inwieweit die Belegschaft qualifiziert ist, so ein Produkt zu bauen. Hier sehe ich unsere Mannschaft ganz vorne. Und natürlich spielen auch die Kosten und die Qualität eine große Rolle und die Frage danach, welche Märkte bedient werden sollen.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Michael Frieß

leitet seit April 2020 das Bremer Mercedes-Werk. Er hat in München und Aachen studiert, ehe er 1995 zur Daimler kam. Vor seinem jetzigen Posten baute er das Werk in Ungarn auf.

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Zur Sache

Hersteller setzen auf Impfungen

Die Autohersteller in der Europäischen Union rechnen für das laufende Jahr nicht mit einer vollständigen Erholung des Automarkts nach dem Einbruch in der Corona-Pandemie. Im Jahr 2021 dürfte der Verkauf von Pkw um rund zehn Prozent zulegen, hieß es vom europäischen Autoherstellerverband Acea in Brüssel. Das erste Quartal sei voraussichtlich noch von den Auswirkungen der Corona-Pandemie gezeichnet, im zweiten Halbjahr dürfte der Markt mit dem Fortschritt der Impfungen aber anziehen.

Im abgelaufenen Jahr 2020 waren die Neuzulassungen um fast 24 Prozent – und damit so stark wie noch nie – auf 9,9 Millionen Autos abgesackt. Auf Basis vorläufiger Zahlen verwies der Autoherstellerverband dabei aber auf
den Anteil von Elektrofahrzeugen im vergangenen Jahr, der von drei Prozent im Jahr 2019 auf 10,5 Prozent gestiegen sei.

„Derzeit ist es wichtiger denn je, dass wir Hand in Hand mit den EU-Politikern daran arbeiten, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Autoindustrie auf der Weltbühne zu stärken“, sagte Acea-Präsident Oliver Zipse. Der Vorstandschef des Automobilherstellers BMW steht dem europäischen Lobbyverband seit diesem Jahr vor. Die nachhaltige wirtschaftliche Erholung in der Europäischen Union und die Nachfrage vor Ort seien für die Autobauer lebensnotwendig, auch wenn sie die geschäftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr unter anderem dank ihrer starken Präsenz in Asien abfedern konnten.

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