Verluste im Modegeschäft Ein Schritt Richtung Normalität

Ab Montag dürfen kleinere Modegeschäfte wieder ihre Türen öffnen – doch die Verluste der vergangenen Wochen können so schnell nicht ausgeglichen werden.
20.04.2020, 05:00
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Ein Schritt Richtung Normalität
Von Elena Matera

Auf dem Foto sind vier Modepuppen zu sehen, die hintereinander in einer Reihe vor der Kasse stehen. Sie tragen Mundschutz und halten Abstand. Auf dem Boden sind rote Klebebänder als Markierungen befestigt. Das Foto hat Jutta Gutmann am Mittwoch auf der Social-Media-Plattform Instagram gepostet. „Wir üben schon mal für Montag“, steht in der Beschreibung. Denn ab diesem Montag kann die Bremerin endlich wieder ihr Geschäft Gutmann Mode im Viertel öffnen. Seit dem 18. März war der Laden aufgrund des bundesweiten Lockdowns geschlossen. Am Mittwoch wurde nun von der Bundesregierung verkündet, dass Geschäfte bis 800 Quadratmeter Verkaufsfläche wieder öffnen dürfen. Dazu zählt auch Gutmanns Laden.

Seit Wochen ist das Geschäft voll mit Ware. „Das ist noch die Frühjahrskollektion von Februar und März“, sagt die Bremerin. „Das Wetter war vor dem Lockdown nicht gerade frühlingshaft. Wir haben die Ware noch gar nicht verkaufen können, und jetzt war der Laden wochenlang geschlossen.“ Das große Problem: Die Rechnungen für die Ware sind fällig, doch die Einnahmen fehlten bisher. Der Online-Verkauf, den sie in der vergangenen Woche eingerichtet hatte, sei nur eine kleine Hilfe gewesen. „Wir machen momentan keinen Gewinn“, sagt Gutmann. Dafür werde zu wenig bestellt.

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Ihre Mitarbeiter waren während der vergangenen Wochen in Kurzarbeit, und Gutmann konnte nur eines tun: abwarten. Sie freue sich, dass die Türen des Geschäfts endlich wieder öffnen. „Das ist mein Leben. Ich zahle meine Rechnungen von den Einnahmen, und die sind nun lang genug ausgeblieben.“

„Beteiligte agieren im Krisenmodus“

Die vergangenen Wochen machen sich in der Kasse bemerkbar. „März und April sind die stärksten Monate im ganzen Jahr. Und die Wochen fehlen uns jetzt. Die Lücke ist schwer zu schließen“, sagt Gutmann. Jetzt heiße es: anpacken. Bis Ende des Jahres sei kein Urlaub in Sicht. Auf die Förderung für Unternehmen in der Corona-Zeit warte sie bereits seit Wochen. „Ich war eine der ersten, die zur Aufbau-Bank gegangen ist, um die Sonderzahlung zu beantragen. Ich habe noch nicht einmal eine Rückmeldung erhalten.“ Sie musste daher selbst ein hohes Darlehen aufnehmen, damit sie wenigstens einige Rechnungen bezahlen konnte. „Wenn man keine gute Hausbank hat, die hinter einem steht, dann kann man schnell pleitegehen“, so Gutmann. Nun muss sie das Darlehen wieder zurückbezahlen. „Es wird dauern, bis wir die Verluste ausgeglichen haben.“

Auch andere Modegeschäfte in Bremen stehen vor dieser Herausforderung. Das Bekleidungsgeschäft Fairtragen, das es zweimal in Bremen gibt, steht unter finanziellem Druck. Im ersten Quartal dieses Jahres wurde bereits die gesamte Frühjahrs- und Sommerkollektion bezahlt, die Ware ins Lager genommen und für den Verkauf vorbereitet, sagt Sören Lauer von Fairtragen. Ähnlich wie Gutmann sitzen die Mitarbeiter aber nun auch hier auf den Kollektionen, die in den vergangenen Wochen nicht verkauft werden konnten. „Wir leben davon, dass die Menschen in den Laden gehen, Sachen anprobieren und Kleidung nur kaufen, wenn sie diese auch wirklich benötigen“, sagt Lauer.

Im Online-Geschäft könnten sie nicht mit der Konkurrenz mithalten. „Wir wollen und können gar nicht im deutschlandweiten Einzelhandelskampf mitziehen.“ Es sei an der Zeit, dass Fairtragen wieder die Türen öffnen könne. Hoffnung auf großen Andrang hat Lauer aber nicht. „Wir glauben nicht, dass die Menschen ein sehr großes Bedürfnis haben, jetzt Kleidung zu kaufen“, sagt er. „Solange es noch keinen Impfstoff gibt, werden die Menschen auch weiterhin vorsichtig sein. Ich denke nicht, dass sie uns dann gleich die Läden einrennen werden.“ Wichtig sei es jedoch, endlich wieder Kunden und etwas Gewinn zu haben, um die Mieten der beiden Geschäfte sowie die 15 Mitarbeiter auch zukünftig bezahlen zu können.

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Die Lockerung der Maßnahmen für kleine und mittlere Geschäfte sieht Karsten Nowak, Geschäftsführer des Bereichs Einzelhandel der Handelskammer Bremen, als ersten Schritt in die richtige Richtung. „Wir sind sehr froh, dass kleine Unternehmen wieder am Marktgeschehen teilhaben können. Das ist dringend geboten. Es geht um ihre Existenz.“

Dennoch blicke die Handelskammer weiterhin mit Sorge auf die Geschäfte mit einer größeren Ladenfläche – gerade auch in der Bekleidungsbranche wegen der Saisonware, die nicht verkauft werden kann. „Das ist sehr kritisch für die Unternehmen“, sagt Nowak. „Wir sollten nicht bestimmte Geschäfte aufgrund ihrer Größe ausklammern. Es wäre sinnvoller zu sagen, dass sich ab einer bestimmten Größe nur eine bestimmte Anzahl an Kunden im Laden aufhalten darf.“ Es gebe bereits gute und kreative Lösungen einiger Geschäfte. Eine davon ist etwa, dass nummerierte Karten am Eingang ausgegeben werden, um festzustellen, wie viele Kunden sich gleichzeitig im Laden befinden.

Am Rande der Existenz

Einige Geschäfte stehen bereits jetzt am Rande der Existenz. Das Modegeschäft Ilse Moden im Ostertorsteinweg hat bereits ein vorläufiges Insolvenzverfahren beantragt. „Wir sind in dem Verfahren noch ganz am Anfang und können daher noch nicht viel dazu sagen“, so die Rechtsanwältin und vorläufige Insolvenzverwalterin Natalia Leo. „Mit der Corona-Pandemie hat die Einleitung des Verfahrens unter anderem zu tun. Wir müssen nun schauen, wie sich das Geschäft in der nächsten Zeit entwickelt.“ Nowaks Appell an die Bremerinnen und Bremer: Sie sollten die kleinen Geschäfte ab Montag unterstützen.

„Die Läden haben eine hohe Bedeutung für unsere Lebensqualität“, sagt er. Auch die Sonderzahlung werde es noch geben. Eine umgehende Auszahlung innerhalb weniger Tage und Wochen funktioniere leider nicht. Es gebe noch viel Aufholarbeit. „Alle Beteiligten agieren da im Krisenmodus“, sagt Nowak. Unternehmer müssten daher noch Geduld aufbringen. „Ich kann nur eines versichern: Die Fördereinrichtungen des Landes Bremen und Bremerhaven arbeiten mit Hochdruck.“

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Den fehlenden Umsatz könnten die Geschäfte in den nächsten Wochen nicht schlagartig nachholen. Dafür müsse erst das ganze Umfeld wieder anlaufen: Die Gastronomie und die Aufenthaltsqualität in den Stadtbezirken fehle. „Wir werden weiter mit Einschränkungen umgehen müssen, die wenig mit dem gewohnten Marktgeschehen zu tun haben“, sagt Nowak.

„Ich bin völlig einverstanden damit, wenn nur ein oder zwei Kunden gleichzeitig im Laden sein dürfen“, sagt Jutta Gutmann. Die Geschäftsinhaberin hat bereits Desinfektionsspender für den Eingangsbereich gekauft und neue Handtuchspender. „Ich möchte ja auch, dass sich die Kunden schützen“, sagt sie. „Die Hauptsache ist, wir haben wieder Einnahmen.“ Gutmann ist vorbereitet. Ein Stehtisch mit zwei Sektgläsern steht bereits im Laden – für die Wiedereröffnung am Montag.

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Läden öffnen nach Zwangspause

Handelsketten, Läden und Buchhändler stehen in den Startlöchern: Nach wochenlanger Zwangspause in der Corona-Krise greifen von diesem Montag an erste Lockerungen. Kleine und mittlere Läden dürfen erstmals seit der angeordneten Schließung wieder öffnen. Ausgenommen sind Geschäfte mit einer Ladenfläche von mehr als 800 Quadratmetern. Kfz- und Fahrradhändler sowie Buchhandlungen dürfen ungeachtet ihrer Größe öffnen. Zum Start nach der gut einmonatigen Schließung können Verbraucher aber nicht überall sofort shoppen gehen. In Bayern, Berlin, Thüringen und Brandenburg dürfen Geschäfte erst später öffnen.

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