Interview über Schulden in der Corona-Krise „Wir erwarten eine Welle von Anfragen“

Schuldner- und Insolvenzberaterin Sandra Gillert über die Folgen der Corona-Krise und warum sie Ende des Jahres eine Welle an Anfragen in den Bremer Schuldnerberatungsstellen erwartet.
18.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir erwarten eine Welle von Anfragen“
Von Elena Matera
Frau Gillert, sind die Anfragen für eine Schuldnerberatung durch die Corona-Krise gestiegen?

Sandra Gillert: Es geht erst jetzt so langsam los, dass die ersten Klienten wegen der Corona-Krise zu uns kommen. Das sind meistens Soloselbstständige, die auf sich alleine gestellt sind. Das spiegeln auch unsere Erfahrungswerte wider. Bei bisherigen Krisen hat es immer ein paar Monate gedauert, bis die ersten Menschen bei den Schuldnerberatungsstellen aufgetaucht sind. Dieses Mal ist es schon relativ früh, dass die Schuldner zu uns in die Beratung kommen – das ist schon sehr verdächtig.

Inwiefern?

Wir gehen stark davon aus, dass eine Welle von Anfragen auf die Schuldnerberatungen zurollen wird. Das ist auch das, was wir von den Beratungsstellen außerhalb von Bremen zu hören bekommen. Wir vermuten aber, dass es erst Ende des Jahres so richtig losgeht. Die meisten Menschen, die jetzt auf uns zukommen, hatten meist auch schon vorher finanzielle Probleme. Bei denen schlägt das durch die Krise nun akut auf.

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Werden auch Menschen zu Ihnen kommen, die vorher keine Probleme mit Schulden hatten?

Ja, wir rechnen fest damit. Es werden viele Menschen die Beratung aufsuchen, für die das alles neu ist, zum Beispiel Studierende. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass zahlreiche Nebenjobs auf Messen und in der Gastronomie weggefallen sind. Aber es werden sicherlich auch viele Künstler zu uns kommen, die selbstständig sind. Wir hatten jetzt auch schon einen Therapeuten bei uns in der Schuldnerberatung, der seine Praxis schließen musste. Solche Fälle, die sonst eher seltener auftreten, wird es in den nächsten Monaten vermehrt geben. Wir haben in Bremen allerdings das Problem, dass oft für eben jene Menschen keine kostenlose Schuldnerberatung zur Verfügung steht.

Können Sie das näher erklären?

Eine kostenlose Beratung können die Schuldnerberatungsstellen in Bremen nur für ALG 2- und Sozialhilfeempfänger und zusätzlich für Arbeitnehmer und ALG 1-Empfänger mit einer gewissen Einkommensgrenze anbieten. Die Kosten trägt dann die Stadt beziehungsweise das Jobcenter. Für alle anderen Fälle ist zumindest das erste Beratungsgespräch bei allen gemeinnützigen Schuldnerberatungen, wie wir eine sind, immer kostenlos. Dort bekommt man schon die ersten wichtigsten Tipps. Für den Anfang ist das sehr gut. Wir bemühen uns gerade, dass das Angebot der kostenlosen Beratung ausgeweitet wird, damit sie jeder erhält, wie etwa auch Soloselbstständige.

Wann sollte man ein Beratungsgespräch in Anspruch nehmen?

Meine Empfehlung: Man sollte sich einen Haushaltsplan aufstellen und die Einnahmen und Ausgaben im Blick behalten. Falls man merkt, dass man in Schwierigkeiten kommen könnte, sollte man eine Schuldnerberatung aufsuchen. Allerspätestens sollte man zu uns kommen, wenn man ein Schreiben von Mahnanwälten oder Inkassounternehmen erhält. Ich empfehle außerdem immer, erst selbst das Gespräch mit den Gläubigern aufzunehmen, etwa mit den Vermietern. Gerade bei der Miete ist nun das Problem, dass die Stundungsmöglichkeit für Mieter abgelaufen ist. Bis zum 30. Juni galt ja die Regelung, dass die Miete gestundet und zu einem späteren Zeitpunkt nachgezahlt werden kann.

Haben Sie bereits Fälle, die Probleme mit dem Ablauf dieser Frist bekommen haben?

Bisher habe ich nur einen einzigen Fall, einen Soloselbstständigen. Da war aber bereits vorher klar, dass es bei ihm eng wird. Durch die Corona-Krise konnte er keine Einnahme mehr generieren und damit auch die Miete nicht mehr zahlen. Diese Fälle werden nun stark zunehmen. Die Frist ist ja erst Ende Juni abgelaufen.

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Hätte die Stundungsmöglichkeit Ihrer Meinung nach verlängert werden sollen?

Ich denke, sie ist tatsächlich zu kurz gefasst. Meine Klienten, die in Kurzarbeit gegangen sind, sind ja auch weiterhin noch in Kurzarbeit. Die Situation hat sich nicht geändert. Einige haben in der Corona-Krise ihre Arbeit verloren. Trotzdem muss die Miete wieder regulär gezahlt werden, das reicht bei vielen nicht. Es gab jetzt gerade auch einen Fall außerhalb von Bremen, bei dem das Finanzamt bei einem Kleingewerbetreibenden versucht hat, 9000 Euro von der Corona-Soforthilfe wegzupfänden. Der Fall geht jetzt zum Bundesfinanzhof für eine Entscheidung.

Ich selbst habe auch einige Schuldnerinnen, die als Pflegekräfte tätig sind und bei denen die Pfändung ihres Pflegebonus auf dem Konto droht oder die Sonderprämie für besonderen Arbeitseinsatz, etwa bei Supermarktangestellten. Genauso kann das auch bei dem geplanten Kinderbonus passieren, wenn sich die Betroffenen nicht rechtzeitig um Pfändungsschutz bemühen. Das geht gar nicht.

Wie kann man als Betroffener dagegen vorgehen?

Betroffene sollten in solch einem Fall sofort zu einer nach Paragraf 305 der Insolvenzordnung anerkannten Schuldnerberatungsstelle kommen. Denn man muss extra einen Antrag stellen, damit diese Sonderprämien und Sofortzahlungen nicht gepfändet werden. Man kann sich schützen und etwas gegen die Pfändung unternehmen. Aber man muss es eben auch machen. Dafür sind wir als Schuldnerberater da.

Gibt es überhaupt genug Schuldnerberatungsstellen in Bremen, um alle Fälle bewältigen zu können, die auf sie zukommen werden?

Wir sind in Bremen ganz gut aufgestellt. Die Wartezeit dauert nur gut zwei bis drei Wochen. Das Problem ist vielmehr, dass die Schuldnerberatungsstellen in Bremen sehr schlecht finanziert werden. Wir haben aktuell zwei Schuldnerberatungsstellen, die selber aufgrund von finanziellen Problemen schließen mussten.

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Wie sehen Sie diese Schließungen aus Sicht einer Schuldnerberaterin?

In Bremen und Bremerhaven gibt es die höchste Überschuldungsquote deutschlandweit. Aber das Geld, das für die Schuldnerberatung ausgegeben wird, wird immer weniger. Das geht nicht zusammen. Wir haben sehr viel zu tun, und mit der Krise werden immer mehr Menschen die Beratung aufsuchen. Gleichzeitig bekommen wir weniger Geld für unsere Arbeit.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Das kostenlose Beratungsangebot muss ausgeweitet werden. Momentan wird ganz viel ehrenamtlich von den Schuldnerberatungsstellen in Bremen aufgefangen. Von zehn Schuldnern bekomme ich im Schnitt nur vier von der Stadt und dem Jobcenter finanziert. Die anderen sechs Termine arbeite ich somit umsonst. Doch auch gerade durch die Corona-Krise wird der Kreis der Klientel immer breiter. Wir setzen uns bereits dafür ein, dass da etwas getan wird. Denn unser Angebot ist sehr wichtig – die Schuldner brauchen die Hilfe.

Das Gespräch führte Elena Matera.

Info

Zur Person

Sandra Gillert ist Schuldner- und Insolvenzberaterin für die Hanseatische Schuldnerberatung in Bremen. Die Juristin ist außerdem als Referentin und Fachberaterin für das Fachzentrum Schuldenberatung tätig.

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