Daimlers Elektrooffensive „Der Stachel Tesla sitzt tief“

Daimler investiert Milliarden in die Elektromobilität in den USA. Der Standort Bremen bleib dabei trotzdem ein wichtiger Gradmesser für den Konzern.
22.09.2017, 19:25
Lesedauer: 3 Min
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„Der Stachel Tesla sitzt tief“
Von Patrick Reichelt

Daimler treibt seine Elektrooffensive weiter voran. Der deutsche Autobauer will seine US-Produktion mit einer Milliarden-Investition für die Ära der Elektromobilität rüsten. Im Werk in Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama sollen künftig auch vollständig batteriebetriebene Fahrzeuge hergestellt werden, wie der Konzern jetzt ankündigte. Trotz dieser Investitionen gilt der Standort Bremen im Daimler-Konzern weiterhin als Gradmesser in Sachen Elektromobilität. In Bremen sollen die ersten E-Autos schon 2019 vom Band rollen.

Insgesamt soll eine Milliarde Dollar (rund 840 Millionen Euro) für den Ausbau der Produktion in den USA in die Hand genommen werden. Dadurch sollen nach Angaben des Konzerns voraussichtlich etwa 600 neue Arbeitsplätze entstehen. Die Produktion vollelektrischer SUV-Modelle der Mercedes-Benz-Marke EQ werde Anfang des kommenden Jahrzehnts anlaufen und dann in die Serienfertigung integriert, teilte Daimler mit. Zudem sei der Bau einer Batteriefabrik in der Nähe des bestehenden Pkw-Werks geplant.

„Diese Investition unterstreicht die Ambitionen von Daimler in Sachen Elektromobilität“, sagte Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft und Leiter des CAM-Instituts (Center of Automotive Management) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Doch der deutsche Autobauer muss insbesondere auf dem amerikanischen Markt deutlich aufholen. „Der Stachel Tesla sitzt tief bei den deutschen Herstellern“, sagte Bratzel. Tesla hat in den USA einen beachtlichen Marktanteil: Im ersten Halbjahr wurden etwa 48 000 reine Elektroautos verkauft, 45 Prozent davon waren Modelle von Tesla. Mit vier Prozent hat VW von den deutschen Herstellern den größten Marktanteil. Laut Bretzel ist der Ausbau des Werkes in Tuscaloosa auch als Angriff auf den Platzhirsch zu verstehen.

Die Milliarden-Investition ist Teil einer weltweiten Initiative zur Förderung alternativer Antriebe. „Mit Produktionsstandorten für Elektrofahrzeuge und Batterien in Europa, China und jetzt den USA ist unser globales Netzwerk bereit für die Elektromobilität“, sagte Bereichsvorstand Markus Schäfer in Tuscaloosa. Der Dax-Konzern hat sich anders als andere Hersteller dazu entschieden, die Elektro-Produktion nicht zentral zu bündeln, sondern auf mehrere Standorte zu verteilen. Neben den drei Werken in Deutschland (Bremen, Rastatt und Sindelfingen) konzentriert sich Daimler in Sachen Elektromobilität auch auf China. Zusammen mit seinem chinesischen Partner BAIC will der Stuttgarter Konzern insgesamt rund 655 Millionen Euro für eine Batteriefabrik und eine Produktionsstätte in China investieren.

Bis 2022 sollen mehr als zehn neuen Elektroautos in Serie gehen: vom Smart bis zum großen SUV. Dazu sollen in den kommenden Jahren zehn Milliarden Euro in den Ausbau der Elektroflotte fließen. Der erste Elektro-Geländewagen EQC soll bereits 2019 in Bremen vom Band rollen. „Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren“, sagte Catharina Blatt, Sprecherin für die Werke in Bremen, London, Peking und Tuscaloosa. Die Investition in den USA würde keine Einschränkung für die Produktion in Bremen bedeuten, versicherte Blatt. „Die Erfahrungen bei der Produktion in Bremen werden dann an die anderen Werke weitergegeben.“

Derzeit werde für den EQC eine sogenannte Hochzeitsstation gebaut. Das ist eine Montageeinheit, bei der die wesentliche Bauteile Motor und Karosserie zusammengeführt werden. Da bei Elektroautos zusätzlich die große und schwere Batterie in den Unterboden eingebaut wird, muss eine zusätzliche Station errichtet werden.

Das Bremer Werk nimmt im Bereich Elektromobilität also eine Vorreiter-Rolle bei Daimler ein. „Die Investitionen in Tuscaloosa stehen deshalb auch in keiner Konkurrenz zu Bremen“, sagte Volker Stahmann, Geschäftsführer der IG-Metall Bremen. Stahmann geht davon aus, dass es in den nächsten Jahren keinen Verlust von Arbeitsplätzen geben wird. „Durch die Produktion von Elektrofahrzeugen wird es eher zusätzliche Stellen geben“. Derzeit ist das emissionslose Fahren noch ein Nischenmarkt. Das Verhältnis von Elektroautos zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor könne jedoch eines Tages in Richtung der Elektrovariante kippen. Stahmann: „Die Gefahr ist real. An der Produktion von Elektroautos sind weniger Mitarbeiter beteiligt, was zum Verlust von Arbeitsplätzen führen könnte“. Bislang sei aber nicht absehbar, wie sich das Verhältnis entwickle. Laut Daimler-Chef Dieter Zetsche soll der Anteil an weltweit verkauften Elektroautos bis 2025 zwischen 15 und 25 Prozent liegen.

Neben Daimler hatte jüngst ein weiterer Autobauer den Einstieg in den Markt für Elektrofahrzeuge angekündigt. Bis 2019 will das einstige Traditionsunternehmen Borgward ein „Kompetenzzentrum für Elektromobilität“ in Bremen errichten. Jährlich sollen etwa 50000 Autos vom Band rollen. Die Produktion der Einzelteile erfolgt hauptsächlich beim Lastwagenbauer Foton in China, in Bremen erfolgt der Zusammenbau.

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