Folgen von Sturm "Xavier" Deutsche Bahn in der Kritik

Wie viel hat die Deutsche Bahn entlang der Gleise geschnitten, und wo war sie zuletzt nachlässig? Nicht nur Niedersachsens Wirtschaftsminister Lies fordert Bahnchef Lutz zum Handeln auf.
12.10.2017, 20:24
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Deutsche Bahn in der Kritik
Von Florian Schwiegershausen

Seit Donnerstag fahren die Züge auch wieder von Bremen über Oldenburg nach Leer in Ostfriesland. Es war die letzte der Bahnstrecken in der Region, die infolge des Sturms „Xavier“ gesperrt war. Nun geht es darum, daraus zu lernen. Seit dem Wochenende wurde mehrfach kritisiert, die Deutsche Bahn hätte in den vergangenen Jahren den Grünschnitt vernachlässigt. Bäume, die zu nah am Gleis sind, würden daher beim Umknicken sofort die Oberleitungen beschädigen.

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Die Eisenbahngesellschaft Metronom will alle Beteiligten, die mit dem Thema zu tun haben, an einen runden Tisch zum Thema Grünschnitt bitten. Metronom-Sprecher Björn Pamperin sagte: „Wir müssen da im Sinne der Fahrgäste endlich mal Bewegung reinbekommen. Die Strecken müssen in einem Zustand sein, der jederzeit eine sichere, verlässliche und pünktliche Fahrt zulässt.“ Metronom selbst kann nicht eingreifen, weil die Deutsche Bahn für den Grünschnitt zuständig ist. „Ein Baum darf ruhig umfallen, aber dann sollte noch genug Abstand sein, dass er nicht sofort die Gleise blockiert“, sagte Pamperin.

Lippenbekenntnisse der Deutschen Bahn

Dabei geht es um den sogenannten V-Schnitt. Je näher Bäume und Sträucher am Gleis stehen, desto kürzer werden sie runtergeschnitten. Der Betrachter sieht dadurch eine V-Form, wenn er auf dem Gleis steht. Pamperin kritisierte: „Das, was uns die Deutsche Bahn da zugesichert hat, sind bisher nur Lippenbekenntnisse gewesen.“ Erst am Dienstag wurde die Strecke von Bremen nach Hamburg wieder freigegeben.

Geschnitten werde entlang der Gleise, teilte die Bahn mit. Eine Sprecherin sagte: „Bei der Vegetationspflege arbeitet die DB Netz AG bereits seit 2007 kontinuierlich an der Umsetzung eines Präventionsprogramms. Alle Strecken werden durchgearbeitet, indem die Vegetation auf mindestens sechs Metern rechts und links der Gleise zurückgeschnitten wird.“ Innerhalb der gesetzlichen Vorlagen erfolge eine regelmäßige Inspektion der Vegetationsbestände an den Strecken. Wegen der klimatischen Veränderungen habe die Bahn außerdem sogenannte Hot Spots identifiziert und den Rückschnitt unter Beachtung des Natur- und Umweltschutzes erweitert. Dort werden die Bäume entsprechend ihrer Höhe und Entfernung zum Gleis und damit auch über die sechs Meter hinaus beseitigt – der V-Schnitt.

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Wer aber beispielsweise die Strecke zwischen Buchholz und Rotenburg (Wümme) entlang fährt, sieht anhand der nah stehenden Bäume, dass die Hot Spots woanders sind. Bei der Schweizer Bahn SBB gilt dieser V-Schnitt entlang aller Fernstrecken. SBB-Mediensprecher Oli Dischoe sagte: „Grundlage hierfür bildet die SBB-Regelung ,R I-20025' für den Unterhalt der Grünflächen bei Wald, Gehölzen und Einzelbäumen im Sicherheitsstreifen.“ Demnach betrage der Abstand des Gehölzes von der Gleisachse zehn Meter.

160 Stundenkilometer und schneller

Auf Strecken, bei denen der Zug mit 160 Stundenkilometern und schneller unterwegs ist, gilt: Innerhalb der intensiven Unterhaltszone ist alles bis sieben Meter neben der äußersten Gleisachse gehölzfrei. Bis 50 Meter ab der äußerstern Gleisachse wird das Gehölz in einem 45-Grad-Profil niedergehalten. Ausnahmen gebe es nur an Orten, an denen die SBB nicht das Einverständnis des Grundeigentümers erhalten habe und das Objekt in stabilem Zustand sei. „Dies haben wir oft in urbanen Gebieten“, sagte Deschoe.

Die Deutsche Bahn wiederum hat nach Angaben ihrer Sprecherin 2016 einen knapp dreistelligen Millionenbetrag für den Grünschnitt investiert: „Für die Arbeiten sind intensive Abstimmungen mit den zuständigen Umweltbehörden und teilweise mit privaten Anliegern notwendig. Hier ist die DB auf die Zustimmung der Beteiligten angewiesen, bevor notwendige Vegetationsarbeiten durchgeführt werden können.“ Bis Jahresende sollen fast 400 Kilometer zusätzlich mit dem V-Schnitt durchgearbeitet sein. Für das Vegetationsmanagement bei der Bahn sind mehr als 1000 Mitarbeiter im Einsatz.

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Das Treffen für den runden Tisch solle möglichst bald sein, wie Metronom-Sprecher Pamperin sagte: „Bis Jahresende wollen wir ein Ergebnis haben.“ Der niedersächsische Vorsitzende vom Fahrgastverband Pro Bahn, Björn Gryschka, sagte: „Wir hören von der Bahn immer wieder, dass es nicht wirtschaftlich genug ist, wenn man einen breiten Streifen neben den Gleisen freischneidet. Doch wirtschaftlich ist es auch nicht, wenn man sieht, wie oft in den letzten zwei bis vier Jahren die Strecken unterbrochen gewesen sind.“

Der Bahn die Arbeit erleichtern

Auch Pro Bahn will sich auf seiner nächsten Bundessitzung mit dem Thema beschäftigen. Gryschka forderte: „Man muss sehen, welche Gesetze geändert werden müssen, um der Bahn die Arbeit zu erleichtern.“ Das müsse die Politik in die Hand nehmen, wo er aber ein Problem sieht: „Bis zu einem neuen Bundesverkehrsminister wird es noch dauern. Und in Niedersachsen könnte das nach der Wahl ähnlich aussehen.“

Allerdings hat Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) bereits einen Brief an Bahnchef Frank Lutz geschrieben. Darin forderte Lies: „Auch bei extremen Wetterlagen muss gewährleistet sein, dass der Personen- und Güterverkehr sich auf das Schienennetz jederzeit verlassen kann.“ Lies dringt ebenso auf einen runden Tisch, um auch effektive Notfallpläne zu entwickeln. Von Bahnchef Lutz hat es bisher noch kein Statement gegeben, was sein Unternehmen aus dem Sturm „Xavier“ lernen will.

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