Die Zukunft der Arbeit

Die Utopie: Wenn alles gut geht

Die Arbeitswelt verändert sich rasanter denn je. In welche Richtung wird es gehen? Im zweiten Teil blicken wir in die Utopie, eine Welt, in der wir mehr Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens haben.
15.12.2018, 00:04
Lesedauer: 6 Min
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Die Utopie: Wenn alles gut geht
Von Patrick Reichelt
Die Utopie: Wenn alles gut geht

In Berlin gibt es bereits kleine Büros auf Rädern, die "New Work Studios".

dpa

Fortschritt ist nur die Verwirklichung von Utopien“, dieser Satz stammt nicht etwa von einem der vielen Jungunternehmer aus dem Sillicon Valley, sondern von dem irischen Schriftsteller Oscar Wilde. Das Zitat stammt aus dem Jahr 1891, einer flirrenden Zeit des Umbruchs. Die industrielle Revolution hatte zu sozialen Missständen geführt, die Fließbandproduktion verdrängte viele Handwerker, Bauern oder Arbeiter. Es war aber auch eine Zeit der Visionen von einer besseren Welt, erstmals kam die „soziale Frage“ auf. Otto von Bismarck führte etwa die erste Sozialversicherung ein, da er die wachsende soziale Ungleichheit bekämpfen wollte. Die Weiterentwicklung der Technik führte außerdem zu einer Euphorie in der Gesellschaft: Durch ein Seekabel konnten die Menschen erstmals von Paris nach London telefonieren – ein Vorgeschmack auf die weltweite Vernetzung.

Die Menschen blickten weniger in die Vergangenheit, sie entdeckten die Zukunft. Lyriker wie Oscar Wilde prägten den Begriff der Utopie, eine positive Vision der Gesellschaft. In seinem Essay „Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus“ schrieb er: „Die menschliche Sklaverei ist falsch und schlimm. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Sklaverei der Maschinen.“ Heute scheint diese Vision, Freiheit durch maschinelle Arbeit zu erlangen, aktueller denn je zu sein.

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Sprung in das Jahr 2035: Stupide, körperliche und dreckige Arbeit gibt es noch immer. Doch diese Jobs erledigen nun zum großen Teil datengetriebene Roboter und die KI. Die Geschichte von einer allumfassenden künstlichen Intelligenz, die den Menschen in den Schatten stellt, wurde ins Reich der Märchen verbannt – zu komplex ist das menschliche Gehirn. KI-Technologien sind Insellösungen und können nur die Arbeiten übernehmen, für die sie programmiert wurden. Die sogenannte technologische Singularität blieb aus. Derweil hat die Politik die Einkommens- und Unternehmenssteuer so angepasst, dass alle Menschen von der gesteigerten Produktivität profitieren. Die eigenen Daten sind zum Kapital des Einzelnen geworden, das zusammen mit einer Maschinensteuer in einem Grundeinkommen für alle gipfelt. Die großen Gewinner der Digitalisierung, die Gafa (Google, Amazon, Facebook und Apple), tragen dazu bei, indem sie für die Nutzung der Daten zahlen müssen. Die Menschen arbeiten noch, aber vor allem sehr viel weniger.

Weniger arbeiten

In der Geschichte hat sich die Arbeitszeit kontinuierlich verringert. Von 60 Stunden pro Woche ist sie schon auf 40 bis 35 Stunden gesunken. In Zukunft könnten es nur noch 30 oder 20 Stunden pro Woche sein“, sagt KI-Forscher Frank Kirchner vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Bremen. „Durch die Einführung von Robotik und KI sehe ich die Möglichkeit, dass viel mehr Leute arbeiten, wann sie wollen und wo sie wollen.“

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Die Firma Perpetual Guardian in Neuseeland führte Anfang November dieses Jahres die Vier-Tage-Woche ein – bei vollem Gehalt. Zuvor testete die Fondsgesellschaft zwei Monate lang, wie sich die verkürzte Arbeitszeit auf die etwa 250 Mitarbeiter und den Betrieb auswirkten. Das erstaunliche Ergebnis: Die Mitarbeiter waren sowohl produktiver als auch zufriedener, der laufende Betrieb litt nicht. „Es gibt für uns dadurch keinen Nachteil“, sagt der Geschäftsführer Andrew Barnes. Ein Forscherteam der Auckland-Universität begleitete den Testlauf und fasste die Erkenntnisse in mehreren Studien zusammen. Viele Mitarbeiter sahen demnach sogar weiteres Einsparpotenzial, wenn in Zukunft verstärkt auf KI-Technologien wie Chatbots, also virtuelle Kundenassistenten, gesetzt würde.

Doch was tun mit der gewonnen Zeit? Wir hätten vor allem mehr Zeit für uns und unsere Mitmenschen, sagt der Australier Toby Walsh. „Nicht nur für Freizeitbeschäftigungen und Unterhaltung, sondern auch für erfüllende Tätigkeiten wie Erfindung und Erforschung, Kreativität und Konstruktion, Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft.“ Walsh lehrt an der australischen University of New South Wales und gilt als einer der weltweit führenden Experten für KI. Entscheidend sei, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, schreibt Walsh in seinem gerade auf Deutsch erschienen Buch „It’s Alive – Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird“. Die Technologie sei ein seltsamer Eindringling und sollte nur in jenen Teilen unseres Lebens willkommen geheißen werden, die sie bereichern könne.

Zukunft der Arbeit ist bereits ganz in der Nähe

Neuseeland und Australien sind weit weg, die Zukunft der Arbeit ist aber bereits in der Nähe zu erahnen, in dem beschaulichen Wremen bei Bremerhaven. Zwischen endlosen Wiesen und der Nordsee betreibt Sebastian Schmidt das Hotel Deichgraf. Schmidt ist Anhänger der Neuen Arbeit, eine Bewegung, die auf den Philosophen Frithjof Bergmann zurückgeht. In 1970er-Jahren gründete Bergmann mehrere Beratungszentren in denen Menschen dabei geholfen wurde, den Job zu finden, „den sie wirklich, wirklich wollen“. Laut Bergmann sei Arbeit für viele Menschen ein notwendiges Übel, eine milde Krankheit, die man mit sich herumschleppe. Viele Menschen wollen demnach aber etwas tun, das Sinn ergebe und erfüllend sei. Arbeits- und Führungsstrukturen müssten daher laut Bergmann überarbeitet werden.

Heute ist der Begriff Neue Arbeit nicht mehr klar abgegrenzt. Schmidt vom Hotel Deichgraf formulierte es auf einer Veranstaltung dieses Jahres in Bremen so: „Führung ist Dienstleistung, kein Privileg. Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen.“ Um Hierarchien abzubauen, übertrug er jedem einzelnen Mitarbeiter sukzessive mehr Verantwortung. Das große Ziel: Die Arbeit soll Spaß machen und Freiräume für Kreativität schaffen.

Viele sind sich uneins, wenn es um die Frage geht, ob Roboter und KI Routineaufgaben übernehmen sollten.

Viele sind sich uneins, wenn es um die Frage geht, ob Roboter und KI Routineaufgaben übernehmen sollten.

Foto: Bitkom Research

Zurück in die Zukunft, in das Jahr 2035: Viele Menschen wenden sich verstärkt der Arbeit zu, in denen Roboter unterlegen sind. Das sind vor allem Berufe, die Empathie, soziale Intelligenz, Kunstfertigkeit oder Kreativität erfordern. Sie gehören nun zu den angesehensten Jobs der Gesellschaft und werden gut bezahlt. Hinzu kommt eine stärkere Förderung des sozialen Unternehmertums, also von Projekten, die an der Lösung gesellschaftlicher und ökologischer Probleme arbeiten. Die Menschen haben nun mehr Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern, Freundschaften zu pflegen und Gemeinschaften aufzubauen.

Soziale Projekte in Bremen

Bereits heute gibt es erste Ideen, wie man mit einem unternehmerischen Ansatz die Welt ein kleines bisschen besser machen kann. Das Bremer Start-up Hey Ju Design hilft zum Beispiel sozialen Einrichtungen dabei, handwerkliche Produkte zu entwickeln und zu verkaufen. Das Projekt „Roots of Empathy“ will hingegen die soziale Kompetenz an Schulen verbessern. Dafür besuchen Mütter mit ihren Säuglingen einige Male im Jahr Grundschulklassen in Bremen. Die Schüler sollen die Gefühle des Babys durch Beobachtungen bestimmen und dadurch Mitgefühl, Empathie und Respekt lernen – und Aggressionen abbauen.

Das alles mag nach Berliner Hipster-Romantik klingen, es wäre jedoch nur die konsequente Weiterentwicklung der Gesellschaft. Es wäre eine Welt, in der die Maschinen den größten Teil der Wirtschaftsleistung erbringen und die Menschen sich mehr um das kümmern, was wirklich zählt. Es wäre eine Welt, in der sich der Wert einer Nation weniger durch wirtschaftliche Kennzahlen bemisst. „Das Bruttoinlandsprodukt beinhaltet weder die Schönheit unserer Poesie noch die Intelligenz unserer öffentlichen Debatten. Es misst weder unseren Verstand noch unseren Mut, unsere Weisheit, unsere Erkenntnis, unser Mitgefühl oder unsere Hingabe. Kurz, es misst alles – nur nicht das, worauf es im Leben ankommt“, sagte Robert F. Kennedy – im Jahr 1968.

Eine große Herausforderung wird es sein, Visionen zu entwerfen, in denen die Menschen sich durch andere sinnstiftende Tätigkeiten definieren als durch klassische Arbeit. Die wichtigste Rolle kommt dabei der Politik zu. Sie muss aus ihren starren Positionen ausbrechen und den optimistischen Blick in die Zukunft wagen. So wie es einst Oscar Wilde tat.

Hier gelangen Sie zum ersten Teil "Wenn alles schiefgeht".

++ Lesen Sie hier alles zur Zukunft der Arbeit in unserem Dossier. ++

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