Geringe Nachfrage nach Ariane 6

Entlassungen bei Tochterfirma von OHB

Zulieferer leiden unter der geringen Nachfrage nach der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6. Bei einer Tochterfirma des Bremer OHB-Konzerns stehen deswegen Entlassungen an.
28.10.2019, 18:20
Lesedauer: 4 Min
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Entlassungen bei Tochterfirma von OHB
Von Peter Hanuschke

Es läuft bei der Entwicklung der neuen Trägerrakete Ariane 6 – auf den ersten Blick: Die Serienproduktion ist seit Mai gestartet, das neue Startgelände am Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana wird vorbereitet, und an diesem Dienstag soll das neue Ariane-6-Zentrum in der Bremer Airport-City offiziell eingeweiht werden. Erst vier Jahre ist es her, seit die Europäische Weltraumorganisation Esa den Entwicklungsvertrag mit der Ariane Group als industrieller Hauptauftragnehmer unterzeichnet hat – eine kurze Zeitspanne im Raumfahrtgeschäft.

Trotz dieses Entwicklungstempos hakt es: Es fehlt an Startaufträgen – auch wenn Ariane-Group-Deutschlandchef Pierre Godart am Montag mitteilen ließ, dass zu den bislang sechs zwei weitere Missionen dazu gekommen seien. Die Auftragslage hat bereits negative Auswirkungen auf Zulieferer wie etwa MT Aerospace, ein Tochterunternehmen des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB.

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Beim Bau der Ariane 6 soll auf der neuen Produktionsstraße alles schneller ablaufen. Künftig können bis zu zwölf Oberstufen im Jahr entstehen, statt bislang fünf bis sechs für die Ariane 5. Und die Fertigung ist nach Angaben der Ariane Group – der Konzern gehört je zur Hälfte Airbus und der französischen Safran-Gruppe – wesentlich effizienter: Danach fallen 40 bis 50 Prozent weniger Kosten an als bei der Ariane 5. Diese Kostenreduzierung war von Anfang an Bedingung für die Esa. Denn die zunehmende Anzahl von Mitbewerbern hat die erfolgsverwöhnte Ariane ziemlich unter Druck gesetzt – darunter Low-cost-Anbieter wie das Raumfahrtunternehmen SpaceX des US-Milliardärs Elon Musk.

Doch ob wirklich zwölf Oberstufen gefertigt werden, das hat Hans Steiniger, Chef von MT Aerospace in Augsburg, in Frage gestellt, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. Steiniger geht vielmehr davon aus, dass die geplante Verdopplung der Jahresproduktion wohl noch länger auf sich warten lassen wird. In den nächsten Jahren würden wahrscheinlich höchstens sechs Raketen pro Jahr gebaut werden. Der Übergang zur Ariane 6 vollziehe sich nicht so glatt wie erhofft. Anfang des kommenden Jahres müsse Steininger bis zu 80 von 500 Mitarbeitern der Ariane-5-Produktion entlassen. Mit einem Anteil von etwa zehn Prozent gehört die OHB-Tochter zu den wichtigsten Zulieferern des Ariane-Programm – sowohl bei der bisherigen als auch bei der neuen Trägerrakete.

Nur noch acht statt 18 Ariane 5 gefertigt

Die Entlassung dieser Mitarbeiter in der Produktion sei dem Umstand geschuldet, dass in der Übergangsphase statt ursprünglich 18 nur noch acht Ariane 5 gefertigt würden, sagte ein OHB-Konzernsprecher dem WESER-KURIER. Es gehe aber auch noch um weitere 80 Entwicklungsingenieure, die im Ariane-6-Programm beschäftigt seien. „Deren Arbeit hängt davon ab, ob die bisherigen Arbeitspakete auch für die nächste Entwicklungsstufe der Trägerrakete in Deutschland verbleiben.“

Im Bremer Ariane-6-Zentrum wird in der 6000 Quadratmeter großen Halle, die eine Deckenhöhe von 24 Metern hat, unter anderem die Oberstufe für neue Trägerrakete entwickelt – wie schon für ihre Vorgängerin. Dazu gehört unter anderem der Einbau des wiederzündbaren Vinci-Triebwerks. Außerdem werden die Wasserstofftanks in die Oberstufe integriert. Und diese Tanks stammen von MT Aerospace. Die OHB-Tochter hat auf dem Nachbargrundstück des Ariane-6-Zentrums eine ähnlich große Halle gebaut: Dort werden die bei MT Aerospace in Augsburg gefertigten Tankböden und Zylinderpanele zu einem Treibstofftank zusammengefügt.

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Der Erstflug der neuen europäischen Trägerrakete ist für den 16. Juli 2020 geplant. Der Bau der ersten 14 Raketen hat bereits begonnen. Sie sind für Starts zwischen Ende 2020 und 2023 vorgesehen. In diesem Zeitraum sollen parallel auch die letzten acht Starts der Ariane 5 stattfinden.

Es hat nicht nur die Konkurrenz für das Ariane-Programm zugenommen, die Rahmenbedingungen sind für die Ariane Group auch an anderer Stelle nicht optimal. Denn Raketenanbieter wie SpaceX bekommen hoch dotierte Aufträge von der US-Regierung und können dadurch die Preise auf dem kommerziellen internationalen Markt drücken. Für die Ariane Group ist ein solches Geschäft nicht möglich: Die US-Regierung vergibt diese Aufträge nur an US-Firmen. Dagegen gibt es in Europa einen freien Marktzugang. So hatte im vergangenen Jahr die Bundeswehr SpaceX damit beauftragt, mehrere Spionagesatelliten ins All zu befördern.

Europäische Satelliten mit europäischen Raketen ins Weltall

Dieser Wettbewerbsnachteil wird auch zunehmend politisch hinterfragt und deswegen Abhilfe gefordert. So hatte unter anderem der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt aus dem Wahlkreis Osterholz-Verden schon vor Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, dass man diesem Missverhältnis entschlossen entgegentreten müsse. Es müssten zumindest, so der Berichterstatter für Raumfahrt im Haushaltsausschuss, staatliche europäische Satelliten mit europäischen Raketen ins Weltall geschickt werden.

Diese Wettbewerbsnachteil entsteht vornehmlich durch deutsche institutionelle Auftraggeber. Vielleicht spielt das am Rande der Ministerratskonferenz der Mitgliedsstaaten der Esa eine Rolle. Vor allem geht es bei dieser Konferenz, die am 27. und 28. November im spanischen Sevilla stattfindet, aber darum, welche Projekte für die nächsten Jahre beschlossen werden und welches Land wie viel vom Milliardenbudget der Esa bekommt. Davon hängen auch die Arbeitsplätze der 80 Ingenieure bei MT Aerospace ab. So wird bereits an der nächsten Ariane-6-Oberstufe konzipiert, die ab 2025 aus leichter Kohlefaser bestehen soll – MT Aerospace ist daran beteiligt. Entschieden wird darüber, ob das Projekt überhaupt in Serie gehen soll. Wo welche Arbeitspakete hingehen und damit auch Know-how gebunden wird, hängt davon ab, wie viel Geld das jeweilige Esa-Mitgliedsland in den gemeinsamen Topf einbringt.

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